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Kolumne Frustrationstoleranz

03.02.2012 ·  Darf sich ein Chef denn nie zu impulsiven Überreaktionen verleiten lassen, auch wenn ihm gerade sehr nach einer impulsiven Überreaktion zumute ist?

Von Georg M. Oswald
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Henk erfuhr die schlechte Nachricht am Sonntagnachmittag per Mail auf seinem Smartphone. Seine erste Reaktion war, sofort eine Antwort an alle Beteiligten zu schicken, um Verantwortlichkeiten festzuzurren und Konsequenzen anzukündigen. Welche, musste er sich noch überlegen, sorgfältig. Aber sie würden drastisch ausfallen, das stand schon mal fest. Und den Einleitungssatz hatte er auch schon. Er lautete, direkt nach der Anrede: "Ich bin fassungslos." Das gab gleich den richtigen Ton vor.

Doch an dieser Stelle unterbrach sich Henk selbst. Er war natürlich in diesen Fragen geschult. Er wusste, es war einerseits nötig, seine Ansichten deutlich und unmissverständlich zu äußern. Andererseits durfte man sich nicht zu impulsiven Überreaktionen verleiten lassen, auch wenn einem, wie ihm gerade, sehr nach einer impulsiven Überreaktion zumute war. Stattdessen fragte Henk seine Frau, ob sie mit ihm spazieren gehen wolle. Bewegung und frische Luft taten not.

In zügigem Tempo gingen sie los, und Henk setzte ihr nach und nach immer wort- und gestenreicher auseinander, was er warum wem sagen und schreiben werde. Trotz des schlechten Wetters entschlossen sie sich, die große Runde zu gehen. Henk fuchtelte wild herum, seine Frau sah zu Boden. Er redete sich in Rage, sie mahnte zur Gelassenheit. Die wenigen anderen Fußgänger, die ihnen begegneten, mussten den Eindruck haben, einem streitenden Paar zu begegnen. Henk setzte seiner Frau auseinander, dass er sich von nichts und niemandem davon abhalten lassen werde, genau das, was er jetzt noch einmal sage, in genau dieser Deutlichkeit auf den Punkt zu bringen. "Auf den Punkt!", wiederholte er, beinahe schreiend, und hielt, sie gar nicht meinend, seiner Frau den Zeigefinger vors Gesicht.

Ihr, die lange geduldig zugehört hatte, wurde es nun doch zu viel, und sie bat ihn, sich nun endlich zu beruhigen und nicht immer weiter hineinzusteigern. Was kümmere es den Baum, wenn die Sau sich an ihm kratze. Über die Frage, wer hier Baum sei und wer Sau, und ob man wirklich den gesamten Spaziergang mit dieser Diskussion verbringen müsse, geriet das Paar am Ende tatsächlich in einen heftigen Streit. Als sie zu Hause ankamen, sprachen sie bereits kein Wort mehr miteinander.

Henk setzte sich in sein Arbeitszimmer und beantwortete die schlechte Nachricht mit einer Mail. Von der ursprünglich geplanten Einleitung nahm er Abstand. Er bemühte sich, stattdessen achtsam zu formulieren. Später wurde vor allem seine Besonnenheit in dieser Angelegenheit gelobt.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

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