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Veröffentlicht: 13.07.2012, 16:30 Uhr

Kolumne Entscheidungsfreiheit

Die Inspektion von Kerbs Wagen war fällig. Der Bordcomputer hatte dies an Kerbs Werkstatt gemeldet, deren Computer ihm einen Termin zugeteilt und dem Bordcomputer zurückgemeldet hatte. Die Abläufe wurden immer perfekter. Sollte er den Vorgang abbrechen?

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

In Kerbs Wagen leuchtete die Serviceanzeige auf. Die Inspektion war fällig. Der Bordcomputer hatte dies an Kerbs Werkstatt gemeldet, deren Computer ihm einen Termin zugeteilt und dem Bordcomputer zurückgemeldet, und nun dirigierte das Navigationssystem Kerb zur Werkstatt. Kerb überlegte kurz, ob er den Vorgang abbrechen solle, doch dann erinnerte er sich: Der Bordcomputer hatte bereits rechtzeitig den Termin in seinem Kalender blockiert, so dass sein Sekretariat Bescheid wusste und seinen Tag entsprechend strukturiert hatte. Würde er nun plötzlich in seinem Büro auftauchen, käme nur alles durcheinander. Kerb setzte die Steuerungshilfe in Gang und beglückwünschte sich innerlich. Es war die richtige Entscheidung gewesen, diesen Wagen zu kaufen.

Die Werkstatt stellte ihm ein identisches Modell zur Verfügung, mit dem er ins Büro fuhr, während nach vollzogener Inspektion die Werkstatt die Rechnung an Kerbs Anwalt übermittelte, der sie prüfte, freigab und an Kerbs Bank weiterleitete, die den Betrag anwies. Kerb erschien pünktlich im Büro und begab sich in den weiteren Fluss der Ereignisse, wobei ihn das angenehme Gefühl begleitete, es sei die richtige Entscheidung gewesen, dieses Fach zu studieren und diesen Job anzunehmen. Das zeigte schon die Tatsache, dass sich seither immer eines aus dem anderen ergeben hatte und die Abläufe immer perfekter wurden. Wunderbar.

Auf der Rückfahrt brachte ihn sein Ersatzwagen auf dem kürzesten Weg in die Werkstatt, und er nahm ohne Zeitverlust seinen eigenen wieder in Empfang. Pünktlich saß Kerb am Abendbrottisch und fragte seine Tochter, worum es heute in der Schule gegangen war. „In Ethik haben wir darüber geredet, ob unser Leben selbstbestimmt ist. Ob wir ihm eine Richtung geben können oder ob alles schon vorherbestimmt ist.“ „Und zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?“ „Die meisten von uns - ich eingeschlossen - finden, dass schon sehr vieles vorherbestimmt ist. Wahrscheinlich sogar zu viel.“ Kerb zeigte ein überlegenes Lächeln und erzählte viel von der Entscheidungsfreiheit in seinem Beruf und in seinem Leben, aber er sah die Skepsis nicht aus dem Gesicht seiner Tochter weichen. Als sie sich, eher kühl, ins Bett verabschiedete, blieb Kerb nachdenklich mit seiner Frau im Wohnzimmer sitzen.

„Wahrscheinlich haben wir einfach unterschiedliche Vorstellungen davon, was Entscheidungsfreiheit bedeutet“, sagte er auf der Suche nach Zustimmung. „Wahrscheinlich“, sagte seine Frau, und der Ton kam ihm ähnlich kühl vor wie zuvor der seiner Tochter.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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