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Kolumne Einer von ihnen

In der Gleichstellungsstelle war Guck der einzige männliche Mitarbeiter. Somit gehörte er zur Risikogruppe und achtete besonders peinlich darauf, die Dos and Don’ts einzuhalten.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Guck war der einzige männliche Mitarbeiter in der Gleichstellungsstelle. Da er keine leitenden Befugnisse innehatte, sondern vor allem in dienenden Funktionen tätig war, hatte er eine scharfe Beobachtungsgabe entwickelt. Außerdem hatte er es sich so gut wie ganz abgewöhnt, urteilend zu sprechen, und er war bestens orientiert über all die Dos and Don’ts für einen respektvollen, gleichberechtigten Umgang unterschiedlicher Individuen entsprechend ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Wünschen. Er wusste, dass seine ihm vorgesetzten Frauen ihn aufmerksam beobachteten, denn als Mann zählte er ja bekanntlich schon aufgrund seiner biologischen Disposition zu einer Risikogruppe. Dafür konnte er nichts, weshalb etwaiges Fehlverhalten seinerseits durch einen kleinen Hinweis stets leicht zu korrigieren war.

Umgekehrt war Gucks Sensorium für Verstöße gegen die Gleichbehandlungs- und Gleichstellungspflicht nach einigen Jahren in diesem beruflichen Umfeld derart austrainiert, dass er auch geringste Unkorrektheiten in gleichstellungstechnischer Hinsicht sofort bemerkte und auf sie hinwies. Dennoch behielten seine Vorgesetzten für ihn Vorbildfunktion, und er lauschte aufmerksam ihren Gesprächen und Kommentaren und beobachtete ihr Verhalten, um irgendwann vielleicht ihren Grad an Perfektion zu erreichen.

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Umso irritierter und geradezu entsetzt war er, als eines Tages den neuesten sadomasochistischen Weltbestseller aus der Tragetasche seiner Chefin lugen sah. Das Buch war ihm in den Händen vieler Frauen schon in der U-Bahn begegnet, so dass er es sofort erkannte. Nun, da seine Aufmerksamkeit geweckt war, stellte er bald fest, dass auch andere Kolleginnen das Buch lasen. Wie ging das zusammen?, fragte er sich. Im realen Leben der Kampf für die Gleichstellung. In der Phantasie die Unterwerfung. Zwar freiwillig, aber dennoch. War das nicht, wie sollte man es ausdrücken, ein gewisser Widerspruch? Das Problem bereitete Guck schlaflose Nächte.

Schließlich wie immer, wenn Guck in solchen Fragen nicht mehr weiterwusste, nahm er allen Mut zusammen und fragte seine Chefin, die natürlich auch diesmal gleich die Lösung parat hatte: „Keine Sorge, Herr Guck, wir lesen das doch nur, weil wir wissen müssen, in welche Richtung sich der Geschlechterdiskurs entwickelt. Wollen Sie’s haben?“

Da war Guck so erleichtert, dass er das Geschenk gerne annahm und von nun an auch in der U-Bahn las. Die weiblichen Leser, die ihn dabei beobachteten, waren zunächst ein wenig argwöhnisch, doch als sie sich Guck genauer ansahen, erkannten sie: Er war einer von ihnen.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.01.2013, 15:14 Uhr