08.02.2008 · Von Georg M. Oswald
Es war eine schnelllebige Branche. Vor einem Jahr war Stefan Karst noch Vorstand einer kleinen AG gewesen, Übernehmer hatten ihn hinausgekickt, die Abfindung war so gewesen, dass er es ein Jahr lang als Freier locker angehen lassen konnte, doch jetzt war der Zeitpunkt erreicht, an dem er sich nach etwas Neuem umsehen musste. Da fiel ihm Martin Merk ein, einer seiner früheren Assistenten aus der kleinen AG, der drei Monate nach ihm gegangen war. Er hatte noch seine Handynummer eingespeichert.
"Mensch, Stefan, ich wollte dich auch schon längst mal anrufen!"
Merk hatte es gut getroffen. Er war Vice-President einer etwas größeren AG geworden, und er suchte qualifizierte Mitarbeiter, die ihn entlasten sollten. Karst war wie geschaffen für die Position. Den früheren Chef als Assistenten einstellen? Eine unkonventionelle Idee vielleicht, aber Unkonventionalität war das Erkennungsmerkmal dieser Branche.
Nach der Vertragsunterschrift klopfte Merk Karst auf die Schulter - das hätte er früher wohl nicht getan - und sagte: "Mensch, Stefan, dann lass uns mal ganz locker mit der Situation umgehen."
Karst kniff die Lippen zusammen und nickte.
Sie arbeiteten zusammen an ihrem ersten großen Auftrag für einen früheren Kunden der kleinen AG. Karst arbeitete Merk zu, der verkniff sich überflüssiges Vorgesetztengehabe, und doch entstand eine unausgesprochene Spannung zwischen den beiden, denn Karst wusste von Merk, dass der anderen gegenüber behauptete, er, Merk, habe diesen Kunden akquiriert, während Karst anderen gegenüber behauptete, er, Karst, habe ihn, quasi als Einstandsgeschenk, mitgebracht.
Richtig war, dass der Kunde seine Entscheidung nach dem günstigsten Angebot getroffen hatte.
Merk und Karst flogen zum Kunden und boten ihre Präsentation dar. Merk schlug vor, zu Beginn Visitenkarten auszutauschen, aber das wurde als überflüssige Förmlichkeit abgetan, schließlich kannte man sich. Als Merk sprach, ärgerte ihn, dass die Anwesenden Karst ansahen, so als erwarteten sie dessen Bestätigung. Als Karst sprach, fand es Merk unverständlich, dass man ihn nur ganz selten ansah. Die Präsentation wurde tatsächlich der erhoffte große Erfolg.
Merk hörte bei der Verabschiedung, wie einer der Auftraggeber zu Karst sagte:
"Es ist gut, wenn man weiß, wer hinter einer Arbeit steckt. Das verspricht die gewohnte Qualität."
Auf dem Rückflug war Merk sehr wütend und still. Karst fand es komisch und sagte: "Mensch, Martin, dann lass uns mal ganz locker mit der Situation umgehen." Doch er verstummte schlagartig, als ihn Merks Blick traf.