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Kolumne Eine sichere Bank

Kett sprach mit gepresster Stimme durchs Telefon, so, als dürfe ihn niemand hören und empfahl Ball, ganz dringend diese Aktie zu kaufen. „Ich habe kein Geld für so was übrig“, sagte Ball, der sich hoffnungslos in der Defensive befand.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

„Du wirst sehen, das ist eine Bank. Eine todsichere Sache.“ Kett sprach mit gepresster Stimme durchs Telefon, so, als dürfe ihn niemand hören. „Ich habe kein Geld für so was übrig“, sagte Ball, der sich, warum eigentlich?, hoffnungslos in der Defensive befand. „Wer hat schon Geld übrig? Kein Mensch. Wenn du wartest, bis du in diesem Leben Geld übrig hast, wirst du nie zum Zug kommen. Andere schon. Nicht weil sie mehr Geld haben als du. Sondern weil sie sich mehr trauen. Kauf diese Aktie, Ball. Ich weiß, wovon ich rede. Ich hätte dich nicht angerufen, wenn ich mir nicht sicher wäre. Sie wird durch die Decke gehen, glaub mir. Skyrocket, und du bist mit dabei!“

Ball sagte, er werde es sich überlegen, Kett sagte, er solle sich nicht zu viel Zeit damit lassen, und sie legten auf. Ball hatte noch nie in Aktien investiert. Vielleicht war es jetzt an der Zeit. Vielleicht hatte Kett recht. Warum eigentlich immer nur sparen, sparen, sparen. Machte doch sonst auch niemand. Kasinokapitalismus rules! Ball kaufte. Die Aktie fiel schon am ersten Tag unter den Ausgabekurs. Sie fiel und fiel weiter. Als feststand, dass er all sein investiertes Geld unwiederbringlich verloren hatte, verkaufte Ball. Nur, dass es Kett genauso ergangen sein musste, tröstete ihn.

Wenige Abende später trafen sie sich. Ball sagte: „Hast du eigentlich die Aktie gekauft?“ Kett betrachtete versonnen das Papier am Fuß seines Bierglases, mit dem er spielte. „Nein“, antwortete er. Ball rang um Fassung. Aber er wusste, er durfte sich jetzt bloß nichts anmerken lassen. Offenbar hatte er schon einen Augenblick zu lange geschwiegen, denn Kett fragte: „Du etwa?“ Ball nahm sich zusammen. „Ich? Ich hab dir doch gesagt, was ich davon halte.“ „Gesagt?“ „Na ja, ich habe es durchblicken lassen.“ „Stimmt schon“, sagte Kett. „Nach unserem Telefonat bin ich ins Zweifeln geraten. Ich dachte mir, wenn es mir nicht gelingt, jemanden wie dich zu überzeugen, vielleicht ist dann tatsächlich was faul an dem Ding.“ Ball war aufgebracht. „Was meinst du mit ,jemanden wie dich’?“ „Na ja, jemand, der offen ist für neue Ideen.“ „Du meinst, jemand, der leicht zu beeinflussen ist, ja?“ „Nenn es wie du willst, ich hab jedenfalls nicht gekauft, und zu verdanken habe ich’s dir!“

Kett hob das Glas und prostete Ball zu. Der stieß mit ihm an. Kett sagte: „Du hast einen ziemlich guten Riecher, das muss man dir lassen. Wenn ich wieder einen Tipp habe, bist du der Erste, den ich anrufe.“ In diesem Augenblick hätte Ball gerne zugeschlagen. Aber er nickte nur und machte dazu ein Gesicht, als könne er diesen Anruf kaum erwarten.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 31.05.2012, 19:30 Uhr