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Kolumne Eine gute Figur

Murk war er immer dabei, wenn es neue Posten zu verteilen gab. Wer „Visionen“ von ihm erwartet hätte, wäre enttäuscht worden. Doch keine erwartete so etwas von ihm.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Murk hatte zu einer neuen Generation von Führungskräften gehört. Dabei war es nicht unbedingt so, dass er sich für derlei Tätigkeiten aufgedrängt hätte. Weder seine Herkunft noch seine Qualifikation sprachen eigentlich dafür. Umso mehr jedoch, dass ihm dies bewusst zu sein schien und er deshalb bescheidener und rücksichtsvoller auftrat als andere. Hinzu kam sein angenehmes Äußeres. Er war kein atemberaubend schöner Mann, aber entsprach doch eindeutig dem, was die Allerweltsvokabel „gutaussehend“ bezeichnete. Dass er eine gute Figur machte, war stets das Mindeste, was sich von ihm sagen ließ.

Niemand wäre je so weit gegangen, in ihm einen Hoffnungsträger zu erblicken, und doch war er immer dabei, wenn es neue Posten zu verteilen gab. Dies verdankte er weniger seiner Entschlossenheit als vielmehr der Entschlossenheit anderer. Eine Stelle, die mit Murk besetzt war, war nicht mit einem ernsthaften Konkurrenten besetzt, und das machte ihn beim Führungspersonal so beliebt wie bei den Mitarbeitern, die von Murk im Großen und Ganzen in Ruhe gelassen wurden. Wer „Visionen“ oder auch nur große Pläne von ihm erwartet hätte, wäre enttäuscht worden. Aber niemand erwartete so etwas von ihm.

Ganz im Gegenteil: Die Leute hatten genug von leeren Versprechungen. Wie angenehm war es da, jemanden zu haben, der den ihm zugewiesenen Platz einnahm, sich um seinen eigenen Kram kümmerte und einfach schwieg, so wie es die meisten taten, die nichts zu sagen hatten. Schwierig wurde es erst, als Murks Aufstieg ihn in noch lichtere Höhen beförderte: in den Aufsichtsrat. Dort sollte er als eine Art Unternehmensphilosoph und besonderer Repräsentant auftreten. Er versuchte es, doch man hatte anderes von ihm erwartet. Seine früher gelobte Zurückhaltung und Bescheidenheit wurde nun als Schwäche, Konturlosigkeit, ja sogar Dummheit beschimpft. Galt er bisher aus ganz bestimmten Gründen in all seinen Positionen als Idealbesetzung, hielt man ihn nunmehr aus genau denselben Gründen für eine glatte Fehlbesetzung.

Es dauerte nicht lange, bis Murk aus seinem Amt entfernt wurde. Niemand fand das angenehm, aber alle, vom Vorstand bis zum Auszubildenden fanden es unumgänglich. Man tat fast so, als habe man einen Hochstapler entlarvt und nicht genau den Mann, den man sich ausgesucht hatte. Er war damit einverstanden gewesen, lange Zeit immer als die bequemste Lösung zu erscheinen. Dafür musste er jetzt besonders büßen. Mitleid? Mitleid hatte er keines verdient. Zumindest nicht nach Ansicht derer, die tatsächlich von sich annahmen, sie befänden sich auf der sicheren Seite.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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