http://www.faz.net/-gym-730bg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.09.2012, 08:00 Uhr

Kolumne Eine gute Figur

Murk war er immer dabei, wenn es neue Posten zu verteilen gab. Wer „Visionen“ von ihm erwartet hätte, wäre enttäuscht worden. Doch keine erwartete so etwas von ihm.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Murk hatte zu einer neuen Generation von Führungskräften gehört. Dabei war es nicht unbedingt so, dass er sich für derlei Tätigkeiten aufgedrängt hätte. Weder seine Herkunft noch seine Qualifikation sprachen eigentlich dafür. Umso mehr jedoch, dass ihm dies bewusst zu sein schien und er deshalb bescheidener und rücksichtsvoller auftrat als andere. Hinzu kam sein angenehmes Äußeres. Er war kein atemberaubend schöner Mann, aber entsprach doch eindeutig dem, was die Allerweltsvokabel „gutaussehend“ bezeichnete. Dass er eine gute Figur machte, war stets das Mindeste, was sich von ihm sagen ließ.

Niemand wäre je so weit gegangen, in ihm einen Hoffnungsträger zu erblicken, und doch war er immer dabei, wenn es neue Posten zu verteilen gab. Dies verdankte er weniger seiner Entschlossenheit als vielmehr der Entschlossenheit anderer. Eine Stelle, die mit Murk besetzt war, war nicht mit einem ernsthaften Konkurrenten besetzt, und das machte ihn beim Führungspersonal so beliebt wie bei den Mitarbeitern, die von Murk im Großen und Ganzen in Ruhe gelassen wurden. Wer „Visionen“ oder auch nur große Pläne von ihm erwartet hätte, wäre enttäuscht worden. Aber niemand erwartete so etwas von ihm.

Ganz im Gegenteil: Die Leute hatten genug von leeren Versprechungen. Wie angenehm war es da, jemanden zu haben, der den ihm zugewiesenen Platz einnahm, sich um seinen eigenen Kram kümmerte und einfach schwieg, so wie es die meisten taten, die nichts zu sagen hatten. Schwierig wurde es erst, als Murks Aufstieg ihn in noch lichtere Höhen beförderte: in den Aufsichtsrat. Dort sollte er als eine Art Unternehmensphilosoph und besonderer Repräsentant auftreten. Er versuchte es, doch man hatte anderes von ihm erwartet. Seine früher gelobte Zurückhaltung und Bescheidenheit wurde nun als Schwäche, Konturlosigkeit, ja sogar Dummheit beschimpft. Galt er bisher aus ganz bestimmten Gründen in all seinen Positionen als Idealbesetzung, hielt man ihn nunmehr aus genau denselben Gründen für eine glatte Fehlbesetzung.

Es dauerte nicht lange, bis Murk aus seinem Amt entfernt wurde. Niemand fand das angenehm, aber alle, vom Vorstand bis zum Auszubildenden fanden es unumgänglich. Man tat fast so, als habe man einen Hochstapler entlarvt und nicht genau den Mann, den man sich ausgesucht hatte. Er war damit einverstanden gewesen, lange Zeit immer als die bequemste Lösung zu erscheinen. Dafür musste er jetzt besonders büßen. Mitleid? Mitleid hatte er keines verdient. Zumindest nicht nach Ansicht derer, die tatsächlich von sich annahmen, sie befänden sich auf der sicheren Seite.

Mehr zum Thema

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Weltrekordversuch im Taunus Längste Rufkette wird trotz Pannen gefeiert

Etwa 150 Menschen stehen im Wald und rufen sich - ähnlich wie bei dem Kinderspiel Stille Post - Sätze zu. Im hessischen Friedrichsdorf entsteht so die längste Rufkette. Mehr

05.05.2016, 18:38 Uhr | Rhein-Main
Video Eine Frau an der Spitze der Vereinten Nationen?

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon muss Ende 2016 nach zwei Amtszeiten seinen Platz räumen. Die Wahl für den Posten soll offener als bisher laufen, und ausdrücklich wurden auch Frauen aufgerufen, sich zu bewerben. Eine Kandidatin ist die frühere neuseeländische Premierministerin Helen Clark. Mehr

08.04.2016, 08:17 Uhr | Politik
Türkei Davutoglu kündigt Rücktritt an

Der türkische Ministerpräsident, Ahmet Davutoglu, hat seinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden der Regierungspartei AKP angekündigt. Gemäß den Partei-Statuten muss er damit auch seinen Posten als Regierungschef räumen. Mehr

05.05.2016, 13:49 Uhr | Politik
Video Marathon am Nordpol

Beim Nordpol-Marathon müssen die Läufer mit extrem niedrigen Temperaturen, Schneeverwehungen und Eisbären klarkommen. Damit diese nicht gefährlich werden konnten, wurden entlang der Strecke bewaffnete Posten abgestellt. Wegen des kalten Wetters mussten die Sportler auch ziemlich viel Kleidung am Leib tragen. Mehr

18.04.2016, 19:49 Uhr | Sport
Geheimdienst BND-Chef Schindler muss gehen

BND-Chef Schindler muss seinen Posten vorzeitig räumen. Sein Nachfolger soll ein Vertrauter von Finanzminister Schäuble werden. Offenbar hat das Kanzleramt den Wechsel gewünscht, berichten mehrere Medien. Mehr

26.04.2016, 20:21 Uhr | Politik