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Kolumne Ein Wort, ein Mann

 ·  Schon beim ersten Hören gefällt es sofort. Es klingt neu und doch alltäglich. Eigentlich verwunderlich, dass das Potential dieses Wortes erst jetzt erkannt wird.

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Als Murk das Wort zum ersten Mal hörte, gefiel es ihm sofort. Es klang neu und doch alltäglich. Komisch, dass da noch niemand draufgekommen war. Man konnte es ganz selbstverständlich verwenden, jeder verstand es gleich, und die Wirkung war enorm. „Alternativlos“ war das Wort.

Murk kannte natürlich das Wort „Alternative“. Alle Welt kannte es. Da Murk schon ein bisschen älter war, erinnerte er sich daran, dass in den siebziger Jahren ein Buch so hieß, ein wichtiges, aufrüttelndes politisches Buch, und ungefähr zur gleichen Zeit begannen Menschen nicht nur ihre Handlungen, sondern auch sich selbst und ihresgleichen als „alternativ“ und als „Alternative“ zu bezeichnen.

Murk hatte das komisch gefunden. Zu seiner Zeit hatte man gesagt bekommen, was man zu tun hatte, und das tat man dann. Später jedoch wurde es üblich, gleich, worum es ging, „Alternativen“ zu erörtern. Auch Murk gewöhnte es sich an, auch wenn er nicht so richtig wusste, was das sollte.

„Alternativen“ waren nach seiner - bei sich behaltenen - Definition andere Möglichkeiten, die von vornherein nicht in Betracht kamen, die aber der guten Ordnung halber ins Spiel gebracht werden mussten. Alternativen waren also immer schon das Abzulehnende gewesen. Man durfte es so nur nicht sagen. Wenn das aber von Beginn an feststand, warum war es dann so wichtig, es jedes Mal wieder zu erwähnen?

Da Murk gelernt hatte, zu tun, was man von ihm verlangte, stellte er die Frage nicht, sondern hielt sich an die goldene Regel, nach der immer eine Alternative erörtert werden musste. In diesem inhaltsleeren Sinn war es also auch durchaus richtig, dass es immer eine Alternative gab. Umso überraschter war Murk, als vor ein paar Jahren das Wort „alternativlos“ in Mode kam. Zwar wurde es sofort von wachsamen Leuten zum „Unwort des Jahres“ gewählt, aber das beförderte nur seine Popularität, so dass sich auch Murk traute, es zu verwenden.

Und siehe da, es funktionierte ganz hervorragend. Es ließ ihn mutig, forsch und kurz entschlossen aussehen und darüber hinaus noch geistig unabhängig, weil er sich seine Wortwahl nicht von irgendwelchen selbsternannten Aufpassern vorschreiben ließ.

Als die Entscheidung fiel, Murk vorzeitig in den Ruhestand zu schicken, machte er einen Vorschlag, wie das zu umgehen wäre. Der Vorschlag war gut durchdacht und hätte ohne weiteres realisiert werden können. Der junge Mann aus der Zentrale, der ihn ablehnte, tat es mitleidig lächelnd mit den Worten: „Alternativlos, Herr Murk.“ In diesem Moment hatte Murk zum ersten Mal das Gefühl, ganz genau zu verstehen, was das Wort eigentlich bedeutete.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

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