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Veröffentlicht: 19.07.2012, 17:50 Uhr

Kolumne Ein Telefonat mit Svenja

Senn stand in der Schlange vor dem Einstieg ins Flugzeug, als hinter ihm ein Handy klingelte. Senn horchte auf. Er hatte Glück: Er hatte es mit einem echten Meister des Business-Sprechs zu tun.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Senn tippelte geduldig in der Schlange zum Boarding, als hinter ihm ein Handy klingelte. Letzte Gelegenheit zu telefonieren vor dem Einsteigen. Klingelton: Piano-Riff. Der Mann hinter ihm mit agiler, eifriger Stimme: „Hallo? Svenja? Jajajajaja, ich kann noch. Ich steh gerade im Finger.“ Senn schloss die Augen vor Neugier. Ein Lächeln malte sich auf sein Gesicht. Svenja, mutmaßte Senn, das war die neue Chefin des Mannes. Dass er das Hallo und ihren Namen eher fragend aussprach ließ auf gewisse Spannungen schließen, die sich bereits vor diesem Gespräch ergeben hatten. Seine akzentuierte Sprechweise und die Formulierung „ich steh gerade im Finger“ berechtigten zu den schönsten Hoffnungen.

Senn war sich so gut wie sicher, vor einem echten Meister des Business-Sprechs zu stehen, wenn auch nur mit dem Rücken. „Hat versucht, mich zu erreichen? War er irritiert?“ Hochspannend, fand Senn. Jemandem heute zu sagen, man habe versucht, ihn zu erreichen, bedeutet eigentlich, dass man ihn für einen Penner hält. Aber offensichtlich berichtete Svenja das dem Mann nur, oder ließ es nur durchblicken, denn er fragte ja nach. Und „War er irritiert?“ bedeutete schon pure Angst. Jemanden zu irritieren oder selbst irritiert zu sein und das auf diese Weise auszudrücken bedeutete nicht weniger als einen ernsten Verweis.

Doch dann schien plötzlich Entwarnung gekommen zu sein, denn der Mann sagte: „Ah, okay, na, dann ist ja alles gut.“ Und schon redete er, schnell und ununterbrochen, so als habe Svenja ihn angezapft. „Lass mich mal eben reporten“, sagte er. Und das tat er. Sie hatten sich ein Stück weit committet, der Kunde aber das Angebot auf der Zahlenseite noch einmal hinterfragt. Als die Schmerzgrenze erreicht war, hatte er gesagt: Willkommen am Ende der Nahrungskette! Senn lauschte fasziniert. Ein Volltreffer. Ein Prachtexemplar. Leider näherten sie sich nun endgültig der Tür.

Senn vermutete, es war seinem Hintermann zumindest vordergründig gelungen, Svenja zu besänftigen. „Ich muss!“, sagte er supergeschäftig zu ihr. Er meinte, aufhören zu telefonieren. „Wir hören“, sagte er noch. Früher hatte man einmal „Wir hören voneinander“ gesagt. Noch viel früher „Auf Wiederhören“. Ja, so hatte man einmal miteinander gesprochen. Jetzt sagte man nur noch „Wir hören“. Das klang kryptisch, kosmisch. Was es wohl hieß? Wir hören das Gras wachsen. Die Englein singen. Alles, was irgendwie wichtig sein könnte. Wie bestimmte Fledermausarten. Die mit den besonders großen Ohren. Senn war sich sicher, Svenja wusste das.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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