Home
http://www.faz.net/-gym-71gv7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Ein Telefonat mit Svenja

Senn stand in der Schlange vor dem Einstieg ins Flugzeug, als hinter ihm ein Handy klingelte. Senn horchte auf. Er hatte Glück: Er hatte es mit einem echten Meister des Business-Sprechs zu tun.

© Cyprian Koscielniak

Senn tippelte geduldig in der Schlange zum Boarding, als hinter ihm ein Handy klingelte. Letzte Gelegenheit zu telefonieren vor dem Einsteigen. Klingelton: Piano-Riff. Der Mann hinter ihm mit agiler, eifriger Stimme: „Hallo? Svenja? Jajajajaja, ich kann noch. Ich steh gerade im Finger.“ Senn schloss die Augen vor Neugier. Ein Lächeln malte sich auf sein Gesicht. Svenja, mutmaßte Senn, das war die neue Chefin des Mannes. Dass er das Hallo und ihren Namen eher fragend aussprach ließ auf gewisse Spannungen schließen, die sich bereits vor diesem Gespräch ergeben hatten. Seine akzentuierte Sprechweise und die Formulierung „ich steh gerade im Finger“ berechtigten zu den schönsten Hoffnungen.

Senn war sich so gut wie sicher, vor einem echten Meister des Business-Sprechs zu stehen, wenn auch nur mit dem Rücken. „Hat versucht, mich zu erreichen? War er irritiert?“ Hochspannend, fand Senn. Jemandem heute zu sagen, man habe versucht, ihn zu erreichen, bedeutet eigentlich, dass man ihn für einen Penner hält. Aber offensichtlich berichtete Svenja das dem Mann nur, oder ließ es nur durchblicken, denn er fragte ja nach. Und „War er irritiert?“ bedeutete schon pure Angst. Jemanden zu irritieren oder selbst irritiert zu sein und das auf diese Weise auszudrücken bedeutete nicht weniger als einen ernsten Verweis.

Doch dann schien plötzlich Entwarnung gekommen zu sein, denn der Mann sagte: „Ah, okay, na, dann ist ja alles gut.“ Und schon redete er, schnell und ununterbrochen, so als habe Svenja ihn angezapft. „Lass mich mal eben reporten“, sagte er. Und das tat er. Sie hatten sich ein Stück weit committet, der Kunde aber das Angebot auf der Zahlenseite noch einmal hinterfragt. Als die Schmerzgrenze erreicht war, hatte er gesagt: Willkommen am Ende der Nahrungskette! Senn lauschte fasziniert. Ein Volltreffer. Ein Prachtexemplar. Leider näherten sie sich nun endgültig der Tür.

Senn vermutete, es war seinem Hintermann zumindest vordergründig gelungen, Svenja zu besänftigen. „Ich muss!“, sagte er supergeschäftig zu ihr. Er meinte, aufhören zu telefonieren. „Wir hören“, sagte er noch. Früher hatte man einmal „Wir hören voneinander“ gesagt. Noch viel früher „Auf Wiederhören“. Ja, so hatte man einmal miteinander gesprochen. Jetzt sagte man nur noch „Wir hören“. Das klang kryptisch, kosmisch. Was es wohl hieß? Wir hören das Gras wachsen. Die Englein singen. Alles, was irgendwie wichtig sein könnte. Wie bestimmte Fledermausarten. Die mit den besonders großen Ohren. Senn war sich sicher, Svenja wusste das.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Straßenverkehr Drei populäre Irrtümer über Radfahrer

Die Straßenverkehrsordnung gilt für alle – und damit auch für Pedaltreter. Dennoch ist ihnen mehr erlaubt, als die meisten Autofahrer wissen. Mehr Von Hans Riebsamen, Frankfurt

16.08.2015, 11:38 Uhr | Rhein-Main
Armdrücken für guten Zweck Mann bricht sich vor laufender Kamera den Arm

Zwei ehemalige Rugby-Profis sind im australischen Fernsehen zum Armdrücken für einen guten Zweck angetreten. Nach nur wenigen Sekunden war ein Knacken zu hören, einer der Männer schrie vor Schmerzen: Er hatte sich vor laufender Kamera den Arm gebrochen. Mehr

12.06.2015, 11:39 Uhr | Gesellschaft
Nachts in der Notaufnahme In stressigen Zeiten braucht es Routine

Wenn nachts viele Notfälle ins Krankenhaus kommen, müssen Pflegekräfte rasch entscheiden. Routine hilft. Und ein gewisses psychologisches Geschick ist unabdingbar. Eine Schicht im Hospital zum Heiligen Geist. Mehr Von Angelika Fey, Frankfurt

18.08.2015, 20:06 Uhr | Rhein-Main
VideoDays in Köln Auf Tuchfühlung mit den Youtube-Stars

Schlange stehen, bei 30 Grad. Für ein paar Sekunden mit dem Youtube-Liebling. Das ist Zuschauerbindung, die sich andere Medien nur wünschen können. Bei den VideoDays in Köln hatten Fans am Wochenende zum nunmehr sechsten Mal die Möglichkeit, ihre Stars aus dem Internet persönlich zu treffen. Mehr

09.08.2015, 16:13 Uhr | Gesellschaft
WM-Gastgeber China Das sauberste Land der Welt

Gastgeber China hegt angeblich keine großen Ambitionen bei der Leichtathletik-WM. Nur im Kugelstoßen soll es Gong Lijiao mit der sächsischen Favoritin Christina Schwanitz aufnehmen – und wird ausgerechnet vom früheren deutschen Bundestrainer Dieter Kollark betreut. Mehr Von Michael Reinsch, Peking

22.08.2015, 12:57 Uhr | Sport

Veröffentlicht: 19.07.2012, 17:50 Uhr