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Veröffentlicht: 06.04.2012, 14:00 Uhr

Kolumne Ein gutes Auge

Der neue Chef ist eine Führungskraft, wie aus dem Labor – bewundernswert, aber irgendwie auch Angst einflößend. Jemand, mit dem man sich besser nicht anlegt.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Forch war eine Führungskraft, wie Kork sie bisher nicht für möglich gehalten hatte. Er sah aus, als wäre er in einem Labor hergestellt worden. Das klang übertrieben? Nicht, wenn man Forch vor Augen hatte.

Forchs Gesicht hatte zwar durch seine gleichmäßige, ohne Zweifel gewollt künstliche Bräune durchaus etwas Maskenhaftes an sich, aber der Ausdruck, der darin lag, sprach von gesteigerter Aufmerksamkeit, ja erhöhter Wachsamkeit, was paradoxerweise sein Normalzustand zu sein schien.

Er wirkte drahtig vom Sport, den er zweifellos trieb, und andauernd war er auf zügige und gleichmäßige Weise mit der Aufnahme neuer Informationen beschäftigt, die er unfehlbar priorisierte und auswertete. Jeden Tag trug er einen anderen Anzug, der sich nur in Nuancen von dem am Vortag getragenen unterschied. Konflikte, die sich ergaben, wurden von seiner Seite aus emotionslos abgewickelt, nachdem er sich zuvor vergewissert hatte, dass sie unumgänglich waren.

Kork verursachte Forchs Anblick jedes Mal ein flaues Gefühl im Magen. Einerseits dachte er, wie Forch müsste man sein, dann wäre man sicher. Andererseits wusste er, dass ihm genau dafür so ziemlich alles fehlte. Früher oder später würde Forchs kaltes und unbestechliches Reptilienauge ihn erfassen, und dann würde er ihn zur Strecke bringen. Gar nicht, weil irgendetwas gegen ihn vorlag, einfach aufgrund ihres unüberbrückbaren Wesensunterschieds.

Schließlich, dachte er, war es so weit. Forchs Sekretariat teilte ihm mit, ein Gespräch stehe an. Er wusste, dies pflegte die Einleitung zu Forchs geräuschlosen Exekutionen zu sein. Das Gespräch begann mit der erwartbaren eiskalten Höflichkeit und einigen allgemeinen Floskeln, bis Forch konkret wurde: „Sie wissen, Herr Kork, ich bin gerade dabei, einige personelle Entscheidungen zu fällen.“ „O Gott“, dachte Kork.

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„Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass Sie davon nicht betroffen sein werden, denn Sie sind ein Nischenmann.“ Kork verstand nicht. Was war er? „Sie verstehen mich schon. Ich mag Nischenmänner. Suchen sich ihren Platz dort, wo er ihnen nicht streitig gemacht wird. Meist sind das keine sehr attraktiven Plätze, aber sie genügen, um sich ein Auskommen zu sichern. Nischenmänner haben ein gutes Auge dafür, mit wem sie sich anlegen und mit wem nicht. Sie dürfen jetzt wieder an ihren Platz gehen.“

Genau das tat Kork. Er griff zum Hörer, um seine Frau anzurufen und sich zu empören, überlegte es sich dann jedoch anders. Der Gedanke, alles hinzuschmeißen, flog ihn an. Doch der Gedanke zog vorüber, und Kork wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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