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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Ehrlich kommt am höchsten?

 ·  Zunächst sagt jeder seine Meinung. Dann trifft der Chef eine Entscheidung. Alle finden, es ist die richtige. Sagen sie.

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Schack stand spätabends in seinem Büro im dreizehnten Stock. Über ihm kam nur noch das Dach der Firma und dann der sternenklare Nachthimmel. Er genoss den Blick über die Stadt. All diese Lichter, die so vielen unterschiedlichen Menschen leuchteten. Schack führte das Unternehmen mit immerhin fünftausend Beschäftigten nun schon jahrelang. Seine Beziehung zu den Mitarbeitern war ausgezeichnet. Wie hätte sie auch sonst sein sollen.

Doch an diesem Abend quälte ihn eine Frage. Sie verdarb ihm sogar die Laune, um ehrlich zu sein. Eigentlich war es nur eine kleine Debatte im Nachmittagsmeeting gewesen. Pars hatte sie angezettelt, dieser unkündbare Arbeitnehmervertreter im Status der Narrenfreiheit, der es nicht lassen konnte, ihn zu provozieren.

"Meine Damen und Herren", hatte Schack angehoben. "Ich stelle mal prinzipiell klar, ich möchte Ihre Meinung hören, meine kenne ich nämlich. Sie müssen aber ertragen, dass hinterher ich die Entscheidung treffe, dafür werde ich nämlich bezahlt. Sie haben dann möglicherweise später den Genuss, sagen zu können: ,Da hat der Alte aber mal richtig danebengelegen.' Und Sie dürfen sicher sein, ich werde dann zu den Ersten gehören, die Ihnen gratulieren.

Es ist zugegebenerweise eine häufige Crux, dass manche glauben, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein und nicht begreifen können, dass man aus jedem noch so falschen Gedanken auch richtige Erkenntnisse ziehen kann. Also: Lassen Sie mich hören, was Sie denken."

Über so eine Einladung sollte man doch eigentlich nicht meckern können. Pars schon. "Toll, Herr Schack!", sagte er. Offene Ironie! "Ist ja eine hübsche Firmenphilosophie, die Sie sich da zurechtgezimmert haben. Komischerweise wird es am Ende so wie immer sein: Die Angepassten, die Jasager und Schleimer werden Ihnen nach dem Mund reden. Dafür machen sie dann auch Karriere!"

Immerhin gelang es Schack, nicht aus der Rolle zu fallen.

"Also bitte, Herr Pars. Wenn Sie das sagen, muss es ja falsch sein", konterte er. Alle anderen nickten eifrig und grinsten um die Wette. Nur Pars winkte ab. "Man kann auch aus richtigen Gedanken die falschen Erkenntnisse ziehen, Herr Schack", sagte er trocken. Dann ging die Sitzung weiter. Jeder sagte seine Meinung. Schack traf eine Entscheidung. Alle fanden, es sei die richtige. Sagten sie. Nur Pars nicht.

Schack hörte auf, darüber nachzudenken. Doch dann, von irgendwoher, kam sie plötzlich, die Frage, die sich, nachdem sie einmal aufgetaucht war, nicht mehr abstellen ließ und die ihm jetzt die Laune verdarb: "Was, wenn Pars der Einzige ist, der mir ehrlich gesagt hat, was er denkt?"

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

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