http://www.faz.net/-gym-71mt7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.08.2012, 15:00 Uhr

Kolumne Dieses spezielle spitze Lächeln

„Mannomann, die Rank wieder!“, sagte Hetz. Auf seinem Gesicht das ganz spezielle spitze Lächeln dessen, der gleich etwas zu erzählen hatte, besser noch: dessen, der über andere herzuziehen beabsichtigt.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Hetz stürmte in Kelbs Zimmer und begann: „Mannomann, die Rank wieder!“ Auf seinem Gesicht das spitze Lächeln dessen, der gleich etwas zu erzählen hatte. Etwas, das weder zum Kern- noch zum Randbereich seines Aufgabenfeldes gehörte, aber dennoch nicht wegzudenken war aus diesem wie jedem anderen Büro, weil es einem Bedürfnis entsprach, das so heftig wie rätselhaft schien: dem Bedürfnis, über andere herzuziehen.

Selbstverständlich wusste auch Hetz, dass sich das nicht gehörte. Bei anderer Gelegenheit hätte man ihn vielleicht sogar sagen hören, es sei eine ganz und gar nicht zu tolerierende Unart. Es hatte aber eben auch einen wunderbar entlastenden Effekt, verschaffte einem ein wenig Luft und stellte eine verschwörerische Vertrautheit mit dem Gegenüber her, dem man seine abschätzigen Kommentare offenbarte. Auf diese Weise entstand ein andauernder Dialog, der nach Belieben und Gelegenheit aufgenommen und wieder unterbrochen werden konnte.

Im Fall von Hetz und Kelb genügte zum Beispiel dieses spezielle, spitze Lächeln, ein seitlicher Blick und die Nennung des Namens Rank, um dem anderen zu signalisieren, man habe wieder eine Episode beizusteuern, deren Pointe ein weiteres Mal das beweisen sollte, was zuvor schon unzählige Male bewiesen worden war, nämlich: Rank war doof. Ein weiteres wesentliches Merkmal dieser besonderen Art der Kommunikation war, dass sie unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen musste. Gerade zu Beginn stellte dies ein gewisses Wagnis dar, denn einer musste den Anfang machen. Es bestand die Möglichkeit, dass zwischen der Zielperson und dem Komplizen in spe Bindungen bestanden, die man nicht kannte, und diese musste man erst ausloten. Es war ratsam, zunächst einmal nur den Namen des oder der Betreffenden zu nennen, am besten in einem bewertungsneutralen Zusammenhang.

Über Vorgesetzte lästern war entgegen dem ersten Anschein die weniger gefährliche und lustvolle Variante. Den Gipfel der Verkommenheit erreichte man erst, wenn man über Mitarbeiter lästerte, die in der Hierarchie unter einem selbst standen, etwa wie Frau Rank, die gemeinsame Sekretärin von Hetz und Kelb. Das schloss natürlich mit ein, dass die Zielperson vorne herum freundlich und korrekt behandelt wurde.

Und genau deshalb durfte genau eines nicht passieren und gehörte, wenn es passierte, zu den Dingen, die tatsächlich nie wiedergutzumachen waren. Und genau dies geschah jetzt, als Hetz in Kelbs Zimmer stürmte und begann: „Mannomann, die Rank wieder!“ Denn erst, als der Satz schon in all seiner Verächtlichkeit heraus war, sah er, dass auch Frau Rank im Zimmer stand.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Snooker-Kultstätte Crucible Ein Ort der Stille

Das Crucible Theatre von Sheffield ist das Wimbledon des Snookers. Einmal im Jahr findet hier die Weltmeisterschaft statt. Dann heißt es: schweigen und staunen. Eine Pilgerreise. Mehr Von Daniel Meuren, Sheffield

02.05.2016, 10:27 Uhr | Sport
International Woolmark Prize Preisgekrönte Kollektion aus Wolle

Mit ihrer speziell für den International Woolmark Prize kreierten Woll-Spitze haben Catherine Teatum und Rob Jones vom Label Teatum Jones die Jury überzeugt. Und den renommierten Nachwuchspreis in der Kategorie Women’s Wear gewonnen. Mehr

16.04.2016, 14:57 Uhr | Stil
MotoGP Rossi liefert Siege, Bradl Informationen

Immer wieder Rossi: Der italienische Superstar gewinnt auch den Grand Prix von Spanien. Der Deutsche Bradl kämpft dagegen mit der Technik. Mehr Von Michael Wittershagen

24.04.2016, 17:46 Uhr | Sport
Video Bundesregierung betont Handlungsfähigkeit – Opposition zweifelt

Nach monatelangem Streit haben sich die Spitzen von CDU, CSU und SPD auf ein Konzept zur Integration von Flüchtlingen und ein Maßnahmenpaket zur Terrorbekämpfung geeinigt. Mehr

14.04.2016, 18:23 Uhr | Politik
Geheimdienst BND-Chef Schindler muss gehen

BND-Chef Schindler muss seinen Posten vorzeitig räumen. Sein Nachfolger soll ein Vertrauter von Finanzminister Schäuble werden. Offenbar hat das Kanzleramt den Wechsel gewünscht, berichten mehrere Medien. Mehr

26.04.2016, 20:21 Uhr | Politik