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Kolumne Dieses spezielle spitze Lächeln

„Mannomann, die Rank wieder!“, sagte Hetz. Auf seinem Gesicht das ganz spezielle spitze Lächeln dessen, der gleich etwas zu erzählen hatte, besser noch: dessen, der über andere herzuziehen beabsichtigt.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Hetz stürmte in Kelbs Zimmer und begann: „Mannomann, die Rank wieder!“ Auf seinem Gesicht das spitze Lächeln dessen, der gleich etwas zu erzählen hatte. Etwas, das weder zum Kern- noch zum Randbereich seines Aufgabenfeldes gehörte, aber dennoch nicht wegzudenken war aus diesem wie jedem anderen Büro, weil es einem Bedürfnis entsprach, das so heftig wie rätselhaft schien: dem Bedürfnis, über andere herzuziehen.

Selbstverständlich wusste auch Hetz, dass sich das nicht gehörte. Bei anderer Gelegenheit hätte man ihn vielleicht sogar sagen hören, es sei eine ganz und gar nicht zu tolerierende Unart. Es hatte aber eben auch einen wunderbar entlastenden Effekt, verschaffte einem ein wenig Luft und stellte eine verschwörerische Vertrautheit mit dem Gegenüber her, dem man seine abschätzigen Kommentare offenbarte. Auf diese Weise entstand ein andauernder Dialog, der nach Belieben und Gelegenheit aufgenommen und wieder unterbrochen werden konnte.

Im Fall von Hetz und Kelb genügte zum Beispiel dieses spezielle, spitze Lächeln, ein seitlicher Blick und die Nennung des Namens Rank, um dem anderen zu signalisieren, man habe wieder eine Episode beizusteuern, deren Pointe ein weiteres Mal das beweisen sollte, was zuvor schon unzählige Male bewiesen worden war, nämlich: Rank war doof. Ein weiteres wesentliches Merkmal dieser besonderen Art der Kommunikation war, dass sie unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen musste. Gerade zu Beginn stellte dies ein gewisses Wagnis dar, denn einer musste den Anfang machen. Es bestand die Möglichkeit, dass zwischen der Zielperson und dem Komplizen in spe Bindungen bestanden, die man nicht kannte, und diese musste man erst ausloten. Es war ratsam, zunächst einmal nur den Namen des oder der Betreffenden zu nennen, am besten in einem bewertungsneutralen Zusammenhang.

Über Vorgesetzte lästern war entgegen dem ersten Anschein die weniger gefährliche und lustvolle Variante. Den Gipfel der Verkommenheit erreichte man erst, wenn man über Mitarbeiter lästerte, die in der Hierarchie unter einem selbst standen, etwa wie Frau Rank, die gemeinsame Sekretärin von Hetz und Kelb. Das schloss natürlich mit ein, dass die Zielperson vorne herum freundlich und korrekt behandelt wurde.

Und genau deshalb durfte genau eines nicht passieren und gehörte, wenn es passierte, zu den Dingen, die tatsächlich nie wiedergutzumachen waren. Und genau dies geschah jetzt, als Hetz in Kelbs Zimmer stürmte und begann: „Mannomann, die Rank wieder!“ Denn erst, als der Satz schon in all seiner Verächtlichkeit heraus war, sah er, dass auch Frau Rank im Zimmer stand.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 03.08.2012, 15:00 Uhr