http://www.faz.net/-gym-73752
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.10.2012, 15:00 Uhr

Kolumne Die Vorstandssekretärin

Frau Schwenk verfolgte mit einer gewissen Aufmerksamkeit, dass Schwenk vor allem Frauen einstellte. Als der Posten der Vorstandssekretärin zu vergeben war, plädierte sie für eine erfahrene Kraft jenseits der Sechzig. Doch Schwenk entschied anders...

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Seit Schwenk die Personalverantwortung für seinen Bereich alleine trug, war der Frauenanteil unter seinen Mitarbeitern signifikant gestiegen. Mit einer gewissen gesteigerten Aufmerksamkeit verfolgte dies auch Frau Schwenk. Wenn er stirnrunzelnd erzählte, er habe wohl diese oder jene Stelle neu zu besetzen, argwöhnte sie: „Vermutlich mit einer weiteren bezaubernden Assistentin.“ „Wir wissen beide, dass Frauen fleißiger, intelligenter, besser ausgebildet und teamfähiger sind als Männer“, sagte er. Frau Schwenk sah ihn prüfend an. „Solange sie dabei auch unansehnlich sind, habe ich nichts dagegen“, sagte sie. Er schwor, er denke an das Wohl seiner Familie und an das Wohl seiner Firma und sonst an überhaupt nichts.

Als die Stelle seiner Sekretärin zu besetzen war, sprach sich Frau Schwenk vehement für die Bewerbung einer ehemaligen Vorstandssekretärin aus, die bereits die Sechzig überschritten hatte. „Die sieht blendend aus und beherrscht ihren Job wie keine Zweite. Die nimmst du.“ „Ja klar, und kaum habe ich mich an sie gewöhnt, geht sie in Rente.“ Frau Schwenk, das war ihrem Mann klar, war in diesen Dingen befangen. Mochte sein, dass seine häusliche Informationspolitik nicht immer transparent genug gewesen war, aber das nur, weil er sich grundlos unter Druck gesetzt fühlte obwohl er sich nicht das Geringste vorzuwerfen hatte. War es zum Beispiel wirklich nötig, dass er seiner Frau alle Bewerbungen vorzeigen musste, wie ein Schüler seine Hefte? Keinesfalls! Die eine, für die er sich letztlich entschied, zeigte er seiner Frau nicht.

Sie hieß mit Vornamen Ivette, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte eine perfekte Figur und war schlicht und einfach das, was man eine Schönheit nannte. Jeder, der sie in Schwenks Vorzimmer sah, schmunzelte unweigerlich. Schwenks Kollegen gratulierten ihm. „Da hast du deine Frau aber wohl nicht gefragt, wie?“ scherzten sie. Natürlich kam die Personalie auch Frau Schwenk zu Ohren. Sie blieb gelassen, zumindest äußerlich, sogar, als sie das Foto von Ivette auf der Firmenhomepage sah.

Sie wartete das Betriebsfest ab, zu dem auch Ehepartner eingeladen waren. Ihr Erscheinen und ihre Begegnung mit Ivette wurde allgemein mit Spannung erwartet. Schwenk wirkte sehr nervös, als er die beiden Frauen einander vorstellte. Frau Schwenk hingegen wirkte ganz frei, strahlte und sagte zu Ivette: „Ich bin froh, Sie jetzt persönlich kennenzulernen. Sie sehen ja noch viel besser aus als auf dem Foto! Das beruhigt mich, denn jetzt weiß ich: Bei Ihnen hat mein Mann wirklich nicht die geringste Chance!“

Mehr zum Thema

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Personalabteilungen Siemens erwägt Verzicht auf Bewerbungs-Fotos

In manchen anderen Ländern sind Bewerbungsmappen ohne Fotos schon üblich, in Deutschland hingegen sind Bilder noch immer wichtig. Allerdings nicht mehr in allen Großkonzernen, wie Siemens zeigt. Mehr

23.06.2016, 14:44 Uhr | Wirtschaft
Polygamie macht’s möglich Pakistaner mit 35 Kindern will hundertmal Vater werden

Im pakistanischen Quetta lebt Jan Mohammed Childschi mit seinen drei Frauen und 35 Kindern in einer Lehmhütte zusammen - doch der 46-Jährige hat noch viel ambitioniertere Pläne: Er will mindestens hundert Kinder zeugen. Möglich machen das die Polygamie-Gesetze in Pakistan. Mehr

04.06.2016, 17:09 Uhr | Gesellschaft
Spielerfrauen From Paris with Love

Spielerfrau sein kann nicht jede. Die besten Tipps von unserer Autorin, die auch mal eine war - für drei Tage jedenfalls. Mehr Von Anke Schipp

16.06.2016, 15:59 Uhr | Gesellschaft
Papagei als Zeuge? Bitte nicht schießen!

Eine Frau aus dem amerikanischen Bundesstaat Michigan ist angeklagt, ihren Mann umgebracht zu haben – vor den Augen eines Graupapageien. Dieser wiederholt angeblich regelmäßig die letzten Worte des Toten: Bitte nicht schießen. Die Staatsanwaltschaft überlegt nun, ob sie seine Aussage als Beweismittel nutzt. Mehr

28.06.2016, 14:10 Uhr | Gesellschaft
Schwangerschaft und Geburt Schluss mit dem Baby-Gedöns!

Livia Görner ist seit Jahrzehnten Hebamme und will nicht über die besten Kreißsäle oder die Schönheit des Stillens reden. Sie findet: Es gibt andere, echte Probleme. Mehr Von Lucia Schmidt

22.06.2016, 14:24 Uhr | Gesellschaft