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Veröffentlicht: 05.10.2012, 15:00 Uhr

Kolumne Die Vorstandssekretärin

Frau Schwenk verfolgte mit einer gewissen Aufmerksamkeit, dass Schwenk vor allem Frauen einstellte. Als der Posten der Vorstandssekretärin zu vergeben war, plädierte sie für eine erfahrene Kraft jenseits der Sechzig. Doch Schwenk entschied anders...

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Seit Schwenk die Personalverantwortung für seinen Bereich alleine trug, war der Frauenanteil unter seinen Mitarbeitern signifikant gestiegen. Mit einer gewissen gesteigerten Aufmerksamkeit verfolgte dies auch Frau Schwenk. Wenn er stirnrunzelnd erzählte, er habe wohl diese oder jene Stelle neu zu besetzen, argwöhnte sie: „Vermutlich mit einer weiteren bezaubernden Assistentin.“ „Wir wissen beide, dass Frauen fleißiger, intelligenter, besser ausgebildet und teamfähiger sind als Männer“, sagte er. Frau Schwenk sah ihn prüfend an. „Solange sie dabei auch unansehnlich sind, habe ich nichts dagegen“, sagte sie. Er schwor, er denke an das Wohl seiner Familie und an das Wohl seiner Firma und sonst an überhaupt nichts.

Als die Stelle seiner Sekretärin zu besetzen war, sprach sich Frau Schwenk vehement für die Bewerbung einer ehemaligen Vorstandssekretärin aus, die bereits die Sechzig überschritten hatte. „Die sieht blendend aus und beherrscht ihren Job wie keine Zweite. Die nimmst du.“ „Ja klar, und kaum habe ich mich an sie gewöhnt, geht sie in Rente.“ Frau Schwenk, das war ihrem Mann klar, war in diesen Dingen befangen. Mochte sein, dass seine häusliche Informationspolitik nicht immer transparent genug gewesen war, aber das nur, weil er sich grundlos unter Druck gesetzt fühlte obwohl er sich nicht das Geringste vorzuwerfen hatte. War es zum Beispiel wirklich nötig, dass er seiner Frau alle Bewerbungen vorzeigen musste, wie ein Schüler seine Hefte? Keinesfalls! Die eine, für die er sich letztlich entschied, zeigte er seiner Frau nicht.

Sie hieß mit Vornamen Ivette, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte eine perfekte Figur und war schlicht und einfach das, was man eine Schönheit nannte. Jeder, der sie in Schwenks Vorzimmer sah, schmunzelte unweigerlich. Schwenks Kollegen gratulierten ihm. „Da hast du deine Frau aber wohl nicht gefragt, wie?“ scherzten sie. Natürlich kam die Personalie auch Frau Schwenk zu Ohren. Sie blieb gelassen, zumindest äußerlich, sogar, als sie das Foto von Ivette auf der Firmenhomepage sah.

Sie wartete das Betriebsfest ab, zu dem auch Ehepartner eingeladen waren. Ihr Erscheinen und ihre Begegnung mit Ivette wurde allgemein mit Spannung erwartet. Schwenk wirkte sehr nervös, als er die beiden Frauen einander vorstellte. Frau Schwenk hingegen wirkte ganz frei, strahlte und sagte zu Ivette: „Ich bin froh, Sie jetzt persönlich kennenzulernen. Sie sehen ja noch viel besser aus als auf dem Foto! Das beruhigt mich, denn jetzt weiß ich: Bei Ihnen hat mein Mann wirklich nicht die geringste Chance!“

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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