Home
http://www.faz.net/-gyn-73752
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Die Vorstandssekretärin

Frau Schwenk verfolgte mit einer gewissen Aufmerksamkeit, dass Schwenk vor allem Frauen einstellte. Als der Posten der Vorstandssekretärin zu vergeben war, plädierte sie für eine erfahrene Kraft jenseits der Sechzig. Doch Schwenk entschied anders...

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Seit Schwenk die Personalverantwortung für seinen Bereich alleine trug, war der Frauenanteil unter seinen Mitarbeitern signifikant gestiegen. Mit einer gewissen gesteigerten Aufmerksamkeit verfolgte dies auch Frau Schwenk. Wenn er stirnrunzelnd erzählte, er habe wohl diese oder jene Stelle neu zu besetzen, argwöhnte sie: „Vermutlich mit einer weiteren bezaubernden Assistentin.“ „Wir wissen beide, dass Frauen fleißiger, intelligenter, besser ausgebildet und teamfähiger sind als Männer“, sagte er. Frau Schwenk sah ihn prüfend an. „Solange sie dabei auch unansehnlich sind, habe ich nichts dagegen“, sagte sie. Er schwor, er denke an das Wohl seiner Familie und an das Wohl seiner Firma und sonst an überhaupt nichts.

Als die Stelle seiner Sekretärin zu besetzen war, sprach sich Frau Schwenk vehement für die Bewerbung einer ehemaligen Vorstandssekretärin aus, die bereits die Sechzig überschritten hatte. „Die sieht blendend aus und beherrscht ihren Job wie keine Zweite. Die nimmst du.“ „Ja klar, und kaum habe ich mich an sie gewöhnt, geht sie in Rente.“ Frau Schwenk, das war ihrem Mann klar, war in diesen Dingen befangen. Mochte sein, dass seine häusliche Informationspolitik nicht immer transparent genug gewesen war, aber das nur, weil er sich grundlos unter Druck gesetzt fühlte obwohl er sich nicht das Geringste vorzuwerfen hatte. War es zum Beispiel wirklich nötig, dass er seiner Frau alle Bewerbungen vorzeigen musste, wie ein Schüler seine Hefte? Keinesfalls! Die eine, für die er sich letztlich entschied, zeigte er seiner Frau nicht.

Sie hieß mit Vornamen Ivette, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte eine perfekte Figur und war schlicht und einfach das, was man eine Schönheit nannte. Jeder, der sie in Schwenks Vorzimmer sah, schmunzelte unweigerlich. Schwenks Kollegen gratulierten ihm. „Da hast du deine Frau aber wohl nicht gefragt, wie?“ scherzten sie. Natürlich kam die Personalie auch Frau Schwenk zu Ohren. Sie blieb gelassen, zumindest äußerlich, sogar, als sie das Foto von Ivette auf der Firmenhomepage sah.

Sie wartete das Betriebsfest ab, zu dem auch Ehepartner eingeladen waren. Ihr Erscheinen und ihre Begegnung mit Ivette wurde allgemein mit Spannung erwartet. Schwenk wirkte sehr nervös, als er die beiden Frauen einander vorstellte. Frau Schwenk hingegen wirkte ganz frei, strahlte und sagte zu Ivette: „Ich bin froh, Sie jetzt persönlich kennenzulernen. Sie sehen ja noch viel besser aus als auf dem Foto! Das beruhigt mich, denn jetzt weiß ich: Bei Ihnen hat mein Mann wirklich nicht die geringste Chance!“

Mehr zum Thema

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Führungskräfte Die Gehälter steigen weiter

Der Trend setzt sich fort: Auch in diesem Jahr verdienen Führungskräfte wieder mehr als im vergangenen. Bei der Höhe kommt es aber auf das Geschlecht an. Mehr

08.09.2014, 16:00 Uhr | Beruf-Chance
Frauen kämpfen um ihre Rechte

Am 30. April wird im Irak ein neues Parlament gewählt. Ein wichtiges Thema im Wahlkampf sind die Rechte der Frauen. Seit dem Ende der Herrschaft von Saddam Hussein hat sich ihre Lage nicht verbessert. Mehr

22.04.2014, 23:30 Uhr | Politik
Neuer Entwurf Gesetz für Frauenquote wird entschärft

Die erste Fassung des Entwurfs für ein Frauengesetz hätte bei vielen Unternehmen faktisch einen Frauenanteil von 30 Prozent an der Spitze erzwungen. Jetzt wurde eine wichtige Klausel gestrichen. Mehr

10.09.2014, 08:31 Uhr | Wirtschaft
Kurdinnen bieten Dschihadisten die Stirn

Dutzende Frauen bieten an der Seite kurdischer Kämpfer dem Islamischen Staat im Nordirak die Stirn. Sie kämpfen nicht nur für die Rückeroberung ihrer Städte, sondern auch für die Freiheit der Frauen, die von den sunnitischen Extremisten unterdrückt werden. Mehr

15.09.2014, 11:12 Uhr | Politik
Deutscher EU-Kommissar Nicht happy, aber glücklich

Die Posten in der EU-Kommission sind verteilt, und Deutschland hat wieder kein Kerndossier abbekommen. Präsident Juncker erntet Kritik – und Energiekommissar Oettinger reagiert dialektisch. Mehr

10.09.2014, 17:50 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.10.2012, 15:00 Uhr