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Kolumne Die Schlampsche Sphärenlehre

Schlamp mochte keine klaren Verhältnisse. Wenn Vorgesetzte forsch nach Arbeitsergebnissen fragten, dann doch nur, weil sie selbst unter Druck standen. Schlamp war ein Meister darin, sich solchen Fragen zu entziehen.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Nichts fürchtete Schlamp so sehr wie angeblich klare Verhältnisse. Nichts vermied er sorgfältiger als übereiltes Handeln. Falls ihn Kollegen, zumal weisungsbefugte, dazu drängen wollten, scheute er sich auch nicht, die Wahrheit zu strapazieren. Dies musste erlaubt sein, dachte er, es handelte sich schließlich um Selbstverteidigung. Vorgesetzte fragten meist dann forsch nach Arbeitsergebnissen, wenn sie selbst unter Druck standen. Schlamp war ein Meister darin, sich solchen Fragen zu entziehen.

„Das musste nach hinten priorisiert werden“, antwortete er. Er habe die Sache an eine Unterabteilung zur Klärung eines Details weitergegeben. Solange man darüber nicht Bescheid wisse, könne man unmöglich weitermachen. Vorgesetzte reagierten auf diese Erklärung nie begeistert, weil sie von den Details nichts verstanden. Also machten sie Schlamp keinen Vorwurf, denn sie wollten nicht unwissend erscheinen.

Es war auch nicht so, dass Schlamp alles liegenließ. Manche Arbeiten packte er sofort an, erledigte sie zügig und für alle gut sichtbar, drehte eine Ehrenrunde und ging dann wieder hinter seinem Schreibtisch in Deckung. Schlamp musste nie um seinen Job fürchten. Den periodisch auftretenden Rationalisierern war er nie der größte Dorn im Auge. Zwar war offenkundig, dass er nicht gerade als Zugpferd diente. Wenn aber neue Richtlinien, Anweisungen, Marschrouten, Targets oder was auch immer formuliert wurden, war er stets der Erste, der sich mit einem beherzten „Wurde aber auch Zeit“ vernehmen ließ. Veränderungen zum Besseren trug er stets mit Begeisterung mit, bis sich herausstellte, dass sie mangelhaft waren.

Ebendann, in Zeiten der Krise, galt es, sich unauffällig und still zu verhalten. Gerade engagierte Mitarbeiter neigten in dieser Phase dazu, dezidierte Ansichten zu entwickeln, wie die Missstände am besten zu beseitigen seien. Für widerständige Köpfe, die in solchen Situationen den Kürzeren zogen und bald ihren Arbeitsplatz räumen mussten, hatte Schlamp nur ein Kopfschütteln übrig. Nicht, weil er ihre Meinungen für falsch gehalten hätte. Sie verstanden nur nicht, was er bei sich die Schlampsche Sphärenlehre nannte. Von ihnen wurden gar keine Lösungsvorschläge erwartet. Für sie ging es allein darum, möglichst schnell und unauffällig aus der Sphäre des Problems in die Sphäre der Lösung zu übersiedeln, durch maßvolle Anpassung an die neuen Impulse.

Als er in Rente ging, erklärte sein Chef, der erst seit einem Vierteljahr da war, Schlamps lange Betriebszugehörigkeit sei der schönste Beweis für den klaren Kurs des Unternehmens.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.11.2012, 06:00 Uhr