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Kolumne Die Sache mit dem Vertrauen

Frau Zwirn hatte sich ratsuchend an Frau Bork gewandt, denn Frau Bork war eine ältere Kollegin mit einem gewissen Einfluss. „Trauen Sie niemandem“, so lautete ihr Rat und Frau Zwirn war geneigt, ihr zu glauben.

© Cyprian Koscielniak

„Trauen Sie niemandem!“ Das war der Satz, den Frau Bork ans Ende ihrer vertraulichen Ausführungen stellte. Frau Zwirn hatte sich ratsuchend an sie gewandt. In den vergangenen Wochen und Monaten war viel die Rede gewesen von Umstrukturierung und Neuorganisation, von Stellenneuschaffung, -neuordnung und -streichung. Versprechen wurden gemacht und vergessen, Nachfragen wurden zuerst beantwortet, später nicht mehr. Frau Zwirn versuchte, das Verhalten von Kollegen und Vorgesetzten zu interpretieren, doch kam sie nicht zu eindeutigen Schlüssen. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie würde ausgebootet, dann wieder redete sie sich ein, mit ihr werde nicht anders umgegangen als mit allen anderen. Zwar nicht gut, aber wenigstens nicht anders. Schon dies schien ihr tröstlich. Sie suchte das Gespräch und bekam Aussagen, die ihre Überlegungen in neue Richtungen lenkten, ohne dabei an Klarheit zu gewinnen. War es wirklich ratsam, all diese Dinge nach dem Freund/Feind-Schema zu interpretieren?

Frau Bork war endlich jemand, der Klartext sprach. Sie sagte: ja. Frau Zwirn war geneigt ihr zu glauben, denn Frau Bork war eine ältere Kollegin mit einem gewissen Einfluss. Sie strahlte eine gewisse Unerschrockenheit aus, eine gewisse Unerschütterlichkeit. Ihre Position schien weniger angreifbar. Sie schien den Überblick zu behalten und zu wissen, wie man sich seine Chancen und seine Stellung erhält. Sie konnte sich Aufrichtigkeit leisten. Gründe genug, ihr genau zuzuhören, fand Frau Zwirn, zumal Frau Bork ihr gegenüber stets ein bestimmtes Wohlwollen, ja beinahe so etwas wie Güte ausgestrahlt hatte. Das zumindest war Frau Zwirns Interpretation gewesen.

Umso härter traf es sie, dass es einige Wochen nach diesem Gespräch schließlich Frau Bork war, welcher die Aufgabe zufiel, Frau Zwirn zu eröffnen, dass ihre Kompetenzen, natürlich wieder im Wege einer Umorganisation, weiter beschnitten würden. „Sie dürfen das nicht als Zurückstufung sehen. Aber sie werden verstehen, dass unter diesen Umständen auch die Bezeichnung ihrer Position neu formuliert werden muss. Wir werden uns da etwas Passendes für sie ausdenken. Vorerst müssen sie nur wissen, dass sich ihr Aufgabenkreis nun sehr viel übersichtlicher für sie gestaltet. Das ist doch auch positiv, nicht wahr?“

Frau Zwirn begriff nun, dass es schlimmere Dinge gab, als die Kündigung. „Trauen Sie niemandem!“, zitierte sie zum Abschluss des Gesprächs ihr Gegenüber. Auch das brachte Frau Bork keineswegs aus der Fassung. „Es stimmt, ich hatte Ihnen geraten, niemandem zu trauen. Das schloss mich natürlich mit ein.“

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Der Autorist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.12.2012, 15:00 Uhr