Home
http://www.faz.net/-gym-74pa6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Die Sache mit dem Vertrauen

Frau Zwirn hatte sich ratsuchend an Frau Bork gewandt, denn Frau Bork war eine ältere Kollegin mit einem gewissen Einfluss. „Trauen Sie niemandem“, so lautete ihr Rat und Frau Zwirn war geneigt, ihr zu glauben.

© Cyprian Koscielniak

„Trauen Sie niemandem!“ Das war der Satz, den Frau Bork ans Ende ihrer vertraulichen Ausführungen stellte. Frau Zwirn hatte sich ratsuchend an sie gewandt. In den vergangenen Wochen und Monaten war viel die Rede gewesen von Umstrukturierung und Neuorganisation, von Stellenneuschaffung, -neuordnung und -streichung. Versprechen wurden gemacht und vergessen, Nachfragen wurden zuerst beantwortet, später nicht mehr. Frau Zwirn versuchte, das Verhalten von Kollegen und Vorgesetzten zu interpretieren, doch kam sie nicht zu eindeutigen Schlüssen. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie würde ausgebootet, dann wieder redete sie sich ein, mit ihr werde nicht anders umgegangen als mit allen anderen. Zwar nicht gut, aber wenigstens nicht anders. Schon dies schien ihr tröstlich. Sie suchte das Gespräch und bekam Aussagen, die ihre Überlegungen in neue Richtungen lenkten, ohne dabei an Klarheit zu gewinnen. War es wirklich ratsam, all diese Dinge nach dem Freund/Feind-Schema zu interpretieren?

Frau Bork war endlich jemand, der Klartext sprach. Sie sagte: ja. Frau Zwirn war geneigt ihr zu glauben, denn Frau Bork war eine ältere Kollegin mit einem gewissen Einfluss. Sie strahlte eine gewisse Unerschrockenheit aus, eine gewisse Unerschütterlichkeit. Ihre Position schien weniger angreifbar. Sie schien den Überblick zu behalten und zu wissen, wie man sich seine Chancen und seine Stellung erhält. Sie konnte sich Aufrichtigkeit leisten. Gründe genug, ihr genau zuzuhören, fand Frau Zwirn, zumal Frau Bork ihr gegenüber stets ein bestimmtes Wohlwollen, ja beinahe so etwas wie Güte ausgestrahlt hatte. Das zumindest war Frau Zwirns Interpretation gewesen.

Umso härter traf es sie, dass es einige Wochen nach diesem Gespräch schließlich Frau Bork war, welcher die Aufgabe zufiel, Frau Zwirn zu eröffnen, dass ihre Kompetenzen, natürlich wieder im Wege einer Umorganisation, weiter beschnitten würden. „Sie dürfen das nicht als Zurückstufung sehen. Aber sie werden verstehen, dass unter diesen Umständen auch die Bezeichnung ihrer Position neu formuliert werden muss. Wir werden uns da etwas Passendes für sie ausdenken. Vorerst müssen sie nur wissen, dass sich ihr Aufgabenkreis nun sehr viel übersichtlicher für sie gestaltet. Das ist doch auch positiv, nicht wahr?“

Frau Zwirn begriff nun, dass es schlimmere Dinge gab, als die Kündigung. „Trauen Sie niemandem!“, zitierte sie zum Abschluss des Gesprächs ihr Gegenüber. Auch das brachte Frau Bork keineswegs aus der Fassung. „Es stimmt, ich hatte Ihnen geraten, niemandem zu trauen. Das schloss mich natürlich mit ein.“

Mehr zum Thema

Der Autorist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Drittes Hilfspaket für Hellas Eine Frage des Gewissens

Abgeordnete des Deutschen Bundestags sind nur ihrem Gewissen verpflichtet. Aber was ist überhaupt ein Gewissen? Und darf es auch eine Rolle spielen, wenn es um die Milliardenhilfen für Griechenland geht? Mehr Von Ralph Bollmann, Berlin

18.08.2015, 12:52 Uhr | Wirtschaft
Finanzkrise Griechenland braucht Umstrukturierung seiner Schulden

Die griechischen Banken bleiben wegen der Finanzkrise bis zum 13. Juli geschlossen. Griechische Kunden dürften bis dahin auch weiterhin nur 60 Euro pro Tag abheben, hat das Finanzministerium mitgeteilt. Laut IWF-Chefin Christine Lagarde, befindet sich Griechenland in einer akuten Krise und muss seine Schulden umstrukturieren. Mehr

09.07.2015, 09:43 Uhr | Wirtschaft
Star aus Game of Thrones Meine Größe definiert nicht mein Leben

Peter Dinklage, 46, ist kleinwüchsig und spielt in der Serie Game of Thrones eine der Hauptfiguren – mit sensationellem Erfolg. Ein Gespräch über seinen neuen Film, New Yorker Taxifahrerinnen und deutsche Ahnen. Mehr Von Christian Aust

17.08.2015, 14:30 Uhr | Gesellschaft
Flugzeugabsturz Einige Airbus-Besatzungen treten ihren Dienst nicht an

Trauer in Köln bei der Fluggesellschaft Germanwings: Am Dienstagabend versammeln sich Mitarbeiter der Airline, die eine Tochter des Konzerns Lufthansa ist, um gemeinsam ihrer Kolleginnen und Kollegen sowie der Passagiere von Flug Germanwings 4U 9525 zu gedenken. Mehr

27.03.2015, 14:23 Uhr | Gesellschaft
Herzblatt-Geschichten Die Frau, die ganz Europa suchte

Im Sommer geht es bei den Herzblättern drunter und drüber. Sylvie Meis ist schon wieder getrennt, Sabia Boulahrouz auch – obwohl sie schwanger ist. Und was ist mit Veronica Ferres’ Bauch-Tochter los? Mehr Von Jörg Thomann

23.08.2015, 13:24 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 07.12.2012, 15:00 Uhr