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Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Die Sache mit dem Alkohol

03.09.2010 ·  Der Ablauf war immer gleich: Nach zehn Stunden Vertretertagung fühlten sich alle wie gerädert und wechselten hinüber ins „Zapfenstüberl“, wo unter der Regie der Dienstältesten ordentlich getrunken wurde. Der neue Kollege Haag wirkte zwar ganz nett. Doch dann bestellte er sich ein Wasser...

Von Georg M. Oswald
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Die Vertretertagung fand traditionell im Hotel „Zum Zapfen“ statt, wo tagsüber im Sitzungssaal den Vertretern das neue Programm vorgestellt wurde, mit dem sie in den kommenden Monaten übers Land reisen würden, um es anzupreisen. Nach zehn Stunden Tagung fühlten sich alle wie gerädert und wechselten hinüber ins „Zapfenstüberl“, wo unter der Schirmherrschaft von Feist und Grunt gegessen und getrunken wurde. Feist und Grunt waren die Dienstältesten, sie hatten die besten Verträge und entschieden auch, wer es bei ihnen zu etwas bringen würde und wer nicht. Mindestens so wichtig wie das Verhalten in der Sitzung tagsüber war für diese Einschätzung das abendliche Benehmen im „Zapfenstüberl“.

Um die Anspannung des Tages vergessen zu können, schmissen Feist und Grunt erst mal eine Lokalrunde, die von allen dankbar angenommen wurde, außer von Haag, der sich ein Wasser bestellte. Haag war ein neuer Kollege, der in der Sitzung, seinen Beiträgen nach zu schließen, einen durchaus zurechnungsfähigen Eindruck hinterlassen hatte. Feist und Grunt hielten jedoch spätestens nach dem zweiten Wasser seine besondere Beobachtung für angezeigt. Nach vielen weiteren Runden, als sich der Ton vollends gelockert hatte, nahmen Feist und Grunt Haag in ihre Mitte und erklärten ihm: „Junge, wenn du bei uns was werden willst, solltest du schon ein bisschen mittun.“ Haag versicherte, er werde mittun, aber dabei nicht trinken.

Als sich am nächsten Morgen Feist und Grunt und die Ihren aus verquollenen Äuglein verschwörerisch zuzwinkerten, ignorierten sie Haag. Klar, dass es dem gutging. Bei den Diskussionen fand Haag nun weniger Zustimmung als am Vortag. Als er am Abend im „Zapfenstüberl“ wieder nur Wasser trank, während sich die anderen unter der Regie von Feist und Grunt die Kante gaben, wuchs die Kluft zwischen ihm und seinen neuen Kollegen, und bald fingen sie an, mehr über ihn als mit ihm zu reden.

Runde für Runde wurden die Theorien darüber, warum er nichts trank, verwegener, obwohl es, sozusagen nüchtern betrachtet, eigentlich nur eine einzige mögliche Erklärung gab. „Ein Kreuz ist das, wenn man sich nicht zusammenreißen kann“, resümierte Feist und gab eine weitere Runde in Auftrag. Am vierten und letzten Tag der Vertreterkonferenz brachen sie zur Heimreise auf. Alle sahen verquollen und verschwiemelt aus, um Jahre gealtert, Haag hingegen wie immer. „Sag mal abschließend, was hältst du eigentlich von unserem Neuen, dem Haag?“, fragte Feist Grunt. Grunt überlegte nicht lange: „Ganz netter Kerl eigentlich. Aber leider Vollalkoholiker.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
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