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Kolumne Die neue Brille

 ·  Kilchs neues Brillengestell war zweifelsohne eine Herausforderung. Die Rundungen erinnerten ihn an die Fernsehgeräte der fünfziger und sechziger Jahre. Er sah aus wie die Kompetenz in Person, und dabei noch lässig.

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Kilch war sich nicht sicher. Seine Kinder hatten ihm dazu geraten, auch seine Frau, doch in ihm selbst blieb so ein gewisses Unbehagen zurück, auch nachdem er zur Optikerin gesagt hatte: „Die ist es!“ Dieses neue Brillengestell war zweifelsohne eine Herausforderung. Die Rundungen erinnerten ihn an die Fernsehgeräte der fünfziger und sechziger Jahre.

Politiker, Ärzte, Professoren hatten in seiner Kindheit und Jugend solche Brillen getragen. Der große Werner Maihofer zum Beispiel. Größer als er war nur sein Brillengestell. Dergleichen wurde heute vermutlich gar nicht mehr hergestellt. Mit Gläsern wog es gewiss über ein Viertelpfund. Vor einem Kopf in dem gewichtige Gedanken wohnten, machte sich das nicht schlecht. Aber war Kilch so einer? Er selbst fand das schon, aber war es klug, diese Meinung so deutlich sichtbar im Gesicht stehen zu haben? Vielleicht.

Seine Kinder schienen jedenfalls von solchen Zweifeln nicht berührt, sie hatten einen ganz anderen Blick auf die Sache. Sie nannten das Ding eine „Nerd-Brille“. Auf Nachfrage war ihm erläutert worden, ursprünglich sei im Englischen „Nerd“ die pejorative Bezeichnung für einen Sonderling gewesen, heute aber werde sie anerkennend gebraucht, im weitesten Sinne sei ein Nerd jemand, der sich auskennt, ein Durchblicker, gut erkennbar an seiner schwarzen Balkenbrille. Ein gut erkennbarer Durchblicker, das klang doch großartig!

Wenn dieser Eindruck so leicht herzustellen war, was sprach dann dagegen, es zu tun? Kilch fand es merkwürdig, dass noch nicht mehr Leute auf diese Idee gekommen waren, aber umso besser! Vor dem Badezimmerspiegel probte er seinen ersten Auftritt im neuen Stil. Er stellte fest, dass ein strenger Seitenscheitel, ein weißes Hemd und eine einfarbige, leicht changierende Krawatte die Wirkung noch erhöhten. Er sah aus wie die Kompetenz in Person, und dabei noch lässig.

Kilch hatte gehöriges Lampenfieber, als er am nächsten Morgen ins Büro ging. Neugierig achtete er auf die Reaktionen der Kollegen. Doch es war merkwürdig. Während normalerweise sein Erscheinen durchaus eine gewisse Wirkung zeigte, schienen sie ihn nun gar nicht zu beachten, so als wäre er plötzlich unsichtbar. Sogar Frau Lex, seine Sekretärin, erkannte ihn erst aufs zweite Hinsehen. „Oh! Ach Sie sind’s! Guten morgen, Herr Kilch. Sie nun auch mit Nerd-Brille? Das ist aber schade. Sie waren einer der Letzten, der noch eine andere Brille getragen hat.“ „Wirklich?“, fragte Kilch bestürzt. „Aber ja! Sehen Sie sich nur mal um, jetzt sehen Sie aus wie all die anderen hier!“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.
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