02.07.2010 · Schon in ihrem Vorstellungsgespräch hatte Silk die Frage zum Rauchen falsch beantwortet. Den Job bekam sie trotzdem. Silk war achtundzwanzig Jahre alt und hatte nie in ihrem Leben daran gedacht zu rauchen. Und sie hatte auch vor, das in dieser Firma so zu handhaben.
Von Georg M. Oswald„Was würden Sie tun, wenn Sie sich Ihr Büro mit einem starken Raucher teilen müssten?“
Silk konnte sich noch genau an diese Frage bei ihrem Vorstellungsgespräch erinnern. Und auch an ihre Antwort, die zunächst in einer Gegenfrage bestanden hatte, um Zeit zu gewinnen: „Ich nehme an, im ganzen Gebäude ist rauchen verboten?“ „Natürlich. Aber nehmen wir an, Ihr Kollege hält sich nicht so richtig daran.“ „Ich würde ihn bitten, mehr Rücksicht zu nehmen.“ „Nehmen wir an, das interessiert ihn nicht. Was dann?“ „Ich würde mich um ein anderes Zimmer bemühen.“ Diese Antwort war falsch, wie ihr hinterher gesagt wurde. Richtig wäre es gewesen, einen Vermittler einzubeziehen, zum Beispiel den Chef. Den Job bekam sie trotzdem.
Immerhin hatte sie, ohne es zu sagen, eine Reihe von anderen Dingen klargemacht: Sie war Nichtraucherin, hielt Rauchen wie auch Passivrauchen für absolut überflüssig und schädlich, wusste sich damit im sicheren Hafen der herrschenden Meinung und hatte sich, trotz einer „falschen“ Antwort, empfohlen.
Natürlich gab es auch in dieser Firma eine Stelle, an der sich tagtäglich die Raucher einfanden. Silk hatte von dem Vorurteil gehört, dass man dort „die nettesten Leute“ treffe, hielt das aber für eine der substanzlosen Rechtfertigungsfloskeln der Raucher. Die Stelle befand sich neben dem Eingang, so dass sie bald einen Überblick bekam, wer rauchte und wer nicht. Ihre Überraschung war groß, als sie die Personalleiterin dort stehen sah, die das Vorstellungsgespräch mit ihr geführt hatte. Sie zwinkerte Silk mit vergnügtem Verschwörerlächeln zu.
Tag für Tag ging Silk an der Stelle vorbei. Im Lauf der Zeit sah sie dort, qualmend, im vertrauten Gespräch: den stellvertretenden Leiter der Rechtsabteilung, die zwei Entscheidungsträger aus der Vergabestelle, die Assistentin der Chef-Einkäuferin, die Sekretärin des Geschäftsführers, den Kollegen aus ihrem Zimmer. Sie fragte ihn, was er und seine Mitraucher eigentlich die ganze Zeit zu besprechen hatten. „Och, nichts Besonderes, nur dies und das.“
Trotzdem fiel ihr auf, dass er meist sehr viel besser informiert war als sie, obwohl auch er erst seit einigen Monaten im Haus war. Am nächsten Vormittag folgte sie ihm zur Raucherstelle vor der Tür. Die Personalleiterin war auch schon da.
Silk war achtundzwanzig Jahre alt und hatte nie in ihrem Leben daran gedacht zu rauchen. Ungesund, überflüssig, widerlich. Doch jetzt ließ sie sich von der Personalleiterin eine Zigarette geben, zündete sie an und sog den Rauch tief ein. Was gab es Neues?
Herr Hollenbach,
Johanna Geisel (Jea.nne)
- 04.07.2010, 01:36 Uhr