31.12.2011 · Zett hatte vor der Untersuchungskommission nicht gelogen, aber auch nicht mehr gesagt als nötig. Vielleicht sogar etwas weniger. Die Leute hatten eben keine Ahnung, was es brauchte, um in China Geschäfte zu machen.
Von Georg M. OswaldZett, der ins Gerede gekommene Aufsichtsratsvorsitzende, saß sonntagmorgens zu Hause in seinem Arbeitszimmer und lauschte der Vernehmung seines Sohnes Max durch dessen Mutter ein Stockwerk tiefer im Wohnzimmer. Woher hatte er plötzlich dieses teure Smartphone? „Gekauft.“ Von welchem Geld? Schweigen. „Hat dir Onkel Gerk das Geld dafür gegeben?“ Schweigen. Zett fühlte mit seinem Sohn. Er selbst musste sich gerade vor einer konzernintern einberufenen Untersuchungskommission verantworten. Thema: seine Rolle bei der Auftragsakquisition in China.
Zett hatte nicht gelogen, aber auch nicht mehr gesagt als nötig. Vielleicht sogar etwas weniger. Die Leute hatten keine Ahnung, was es brauchte, um dort Geschäfte zu machen. Am wenigsten jedenfalls den Luxus europäisch-demokratischer Spitzfindigkeiten. Doch Monk, der rasend selbstverliebte Kommissionsvorsitzende, wollte davon nichts wissen. Mit seiner lächerlichen Vorliebe für zugespitzte Formulierungen hatte er ihm entgegengeschmettert: „Es geht hier um den Unterschied zwischen Wahrheit und Ehrlichkeit, Herr Zett. Ich will annehmen, der ist Ihnen geläufig.“ Arroganter Trottel. Das Unternehmen, geleitet von lauter Monks, würde in kürzester Zeit seine Stellung im Weltmarkt verlieren. „Der Unterschied zwischen Wahrheit und Ehrlichkeit“, wie kompliziert war das denn?
Die Investigation im Wohnzimmer nahm Fahrt auf. „Es kann nur entweder dein Vater gewesen sein oder Onkel Gerk, der dir das Geld gegeben hat.“ Schweigen. „Antworte mir!“ „Erstens: Ich habe nicht gesagt, dass mir irgendwer das Geld dafür gegeben hat. Zweitens: Nein, weder mein Vater hat mir Geld gegeben noch Onkel Gerk.“ Zett applaudierte seinem Sohn innerlich. Glänzende Antwort. „Sag mir die Wahrheit!“, rief die Mutter. „Das ist die Wahrheit!“, beharrte Max.
Sekunden später stand seine Frau in der Tür: „Dein zwölfjähriger Sohn kauft sich ein Smartphone für ein paar hundert Euro und fühlt sich nicht verpflichtet, mir zu erklären, woher er das Geld dafür hat. Ich hoffe, du hast mit dieser Geschichte nichts zu tun. Sorg dafür, dass er antwortet!“ Zett verstand, dass er ein Ergebnis liefern musste, um nicht selbst in Verdacht zu geraten. Er rief Max dazu und stellte ihn zur Rede: „Hör mal, Junge. Niemand verlangt von dir, dass du dich um Kopf und Kragen redest. Aber du darfst nicht lügen. Von mir ist das Geld nicht. Also muss es von Onkel Gerk sein, gib’s zu.“ „Gebe ich nicht. Es ist von Tante Lisa, seiner Frau!“
Zetts Frau sah ihn halb fragend, halb vorwurfsvoll an: Woher hatte der Junge das nur?
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