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Kolumne Der ideale Bewerber

13.02.2008 ·  Hoffmann, der Personalchef, war mehr als angetan. Er hatte sich sein Urteil gebildet, und nur aus Neugier gab er die Internetadresse von Bratschs Homepage ein. Eine glückliche Entscheidung: Wie war dein Tag, Schatz?

Von Georg M. Oswald
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Hoffmann, der Personalchef, war mehr als angetan. Martin Bratsch, der gerade sein Zimmer verlassen hatte, schien der ideale Bewerber für die ausgeschriebene Stelle. Ein Mensch, der zu den schönsten Hoffnungen Anlass gab. Gut aussehend, gut gekleidet, nicht linkisch, auch nicht ängstlich, überdurchschnittlich intelligent, eloquent, geistesgegenwärtig und leistungsbereit. Warum waren nicht alle so? Auch die Bewerbungsunterlagen, die Hoffmann noch einmal durchblätterte, waren vorbildlich. Er hatte sich sein Urteil gebildet, und nur aus Neugier gab er die angegebene, nicht weiter auffällige Internetadresse von Bratschs Homepage ein.

Hoffmann staunte ein bisschen, dass Bratsch seinen Lebenslauf auch dort veröffentlicht hatte, einschließlich der Abiturnote. Außerdem konnte man lesen, welche Stipendien er erhalten hatte; es waren beeindruckend viele. Einen Teil seines Studiums hatte er im Ausland absolviert, und gerade eben hatte er seine Promotion abgeschlossen, man konnte sie als PDF-Datei herunterladen. Außerdem verwies die Seite auf einige Blogs zu unterschiedlichen, ganz unverfänglichen Themen. Hoffmann folgte den Links, stieß, ohne besonderen detektivischen Eifer, auf den Nick, den Bratsch offensichtlich im Netz verwendete und googelte ihn. Die Zahl der Treffer war beachtlich.

Er bewertete Produkte und Beiträge aller Art mit Sätzen wie: "Ich hätte da eine Erklärung. Mich fragt bloß keiner." "Hätte man das nicht besser machen können?" "Noch Fragen?" "Da beißt sich die Argumentation irgendwie in den Schwanz." "Ist das überhaupt erlaubt?" "Das wird dem Autor doch nicht entgangen sein???" "Na, da wollen wir den interessierten Leser mal nicht im Unklaren lassen." "Dem wäre nichts hinzuzufügen." "Bleiben wir alle wachsam." "Es ist schon seltsam." "Kein weiterer Kommentar nötig."

Manche Beiträge waren in Reimform verfasst. An einer anderen Stelle schrieb er: "Das Internet-Archiv speichert von Privat-Webseiten meist nur Texte, keine Fotos." Wie immer hatte er auch hier recht, glaubte aber wohl, dass Texte weniger aussagekräftig seien.

Hoffmann zählte nach. In etlichen Foren insgesamt mehr als hundert Beiträge, und alle in demselben Ton. Er war fassungslos. Dieser Mensch, der auf den ersten Blick so souverän und vielversprechend gewirkt hatte, war ein finsterer Querulant! Er stellte sich vor, wie es klingen würde, wenn Bratsch an einer Mitarbeitersitzung teilnähme: "Ich hätte da eine Erklärung. Mich fragt bloß keiner." "Hätte man das nicht besser machen können?" "Noch Fragen?" "Da beißt sich die Argumentation irgendwie in den Schwanz." "Ist das überhaupt erlaubt?"

Er ging hinaus zu seiner Sekretärin: "Sagen Sie den übrigen Bewerbern bitte erst mal doch nicht ab."

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München

Quelle: F.A.Z., 09.02.2008, Nr. 34 / Seite C1
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