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Kolumne Der grüne Pfeil

Verlängertes Coaching-Wochenende mit der gesamten Abteilung. Es war, in einem Wort zusammengefasst, ein Desaster. Knarr hatte die Nase voll.

© F.A.Z. - Cyprian Koscielniak Vergrößern

Knarr saß in der bequemen Lautlosigkeit seiner Limousine. Alles in diesem Wagen, die Einrichtung, die Armaturen, all diese Instrumente und Gadgets symbolisierten Kontrolle, Überlegenheit, Übersicht, ein ganz und gar souveränes Fahrerlebnis. Doch Knarr fuhr nicht. Er stand. An einer roten Ampel neben einer Baustelle beinahe mitten in der Straße. Knarr setzte den Blinker nach rechts. Vermutlich hatten sie die Bauarbeiter, die daneben in einer Grube werkelten, aufgestellt und vergessen, sie richtig zu programmieren. Knarr würde sie nicht darauf hinweisen. Er hatte die Nase voll.

Verlängertes Coaching-Wochenende mit der gesamten Abteilung. Es war, in einem Wort zusammengefasst, ein Desaster. Sein Ausruf „Autoritärer Führungsstil? Ich werd euch was husten!“ am dritten Tag der Veranstaltung hatte zu offener Erheiterung Anlass gegeben. War dafür Coaching gut? Sich über den Chef auf offener Bühne zu amüsieren? Er bestellte das Coaching-Team in einen Nebenraum und faltete es zusammen, doch diese Leute waren renitent, gaben nicht kleinbei. Sie bestätigten ihm eine eingeschränkte Wahrnehmung. „Nehmen Sie doch wahr, was Sie wollen!“ hatte er gefaucht und war abgereist.

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Zum Eklat hatte nicht mehr viel gefehlt. Es hatte ihn äußerste Disziplin gekostet, ihn zu vermeiden. Hinter ihm begannen sie zu hupen. Erst vereinzelt, dann immer mehr. Erst kurz, dann lang und bald durchgehend. War ihm doch egal. Schließlich war das nicht sein Fehler, dass hier offensichtlich die Ampelschaltung vergessen worden war. Oder jedenfalls die Intervalle viel zu lang waren. Warum schaltete diese verdammte Ampel nicht um? Und warum war diese Idiotenversammlung hinter ihm nicht in der Lage, das Offensichtliche zu erkennen. Diese Ampel war rot. Rot, rot, rot!

Knarr sah in den Rückspiegel. War das in dem Wagen hinter ihm nicht einer dieser Coaches? Knarr zeigte ihm den Mittelfinger. Notfalls konnte er später behaupten, er habe seinen Hintermann für einen Bekannten gehalten und ihm gewunken. Der Hintermann stieg aus seinem Wagen. Jetzt wurde es ernst. Knarr überlegte, ob er die Zentralverriegelung betätigen sollte. Eine derartige Feigheit mochte vernünftig sein, aber er war jetzt in der Stimmung zu kämpfen. Wenn es sein musste auch, sich zu prügeln. Schon während er herankam, machte der Hintermann Handzeichen, vermutlich um Knarr noch zusätzlich zu provozieren. „Haben Sie Tomaten auf den Augen? Es ist rot!“ kläffte Knarr aus dem Fenster. „Hab’ ich gesehen“, antwortete der Mann beinahe pädagogisch höflich, „aber daneben ist ein grüner Pfeil.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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