27.07.2010 · Gelassenheit, Weisheit, Bedürfnislosigkeit, das sind die drei Säulen, auf denen geistige Unabhängigkeit ruht. Sie bescheren viel Erfolg im Leben, jedenfalls im Urlaub.
Von Georg M. OswaldAn einem karibisch heißen Sommerabend saßen Schling und seine Frau auf der von weißem Segeltuch beschatteten Terrasse ihres Hauses, im Terrakotta-Kühler ruhte Schlings bevorzugter Weißwein, ein großer Österreicher mit einem klaren, vielschichtigen Bouquet von exotischen Früchten, Aprikosen, Melonen, Pfirsich und Blüten, die mit feinen Röstaromen, Noten von Honig und einem Hauch pfeffriger Würze verschmolzen. Am Gaumen vollmundig, mit guter Spannung, und opulenter, leicht exotischer Frucht (Ananas, Grapefruit), gestützt von einer eher dezenten Säure, insgesamt viel Fülle und Extrakt. Im Finale dominierte der würzige Rebsortencharakter mit großartiger Länge. Die Flasche kostete achtzig Euro. Ein exquisiter, im Grunde dabei aber ganz einfacher Wein.
Über die Großartigkeit und dabei Einfachheit des Weins kamen die Schlings ins Philosophieren, und Frau Schling wusste, es würde nicht lange dauern, bis ihr Mann bei Marc Aurel ankommen würde, von dessen stoischer Lebensauffassung sich Schling, so weit es ihm gelingen konnte, leiten ließ: Gelassenheit, Weisheit, Bedürfnislosigkeit, das waren die drei Säulen, auf denen seine geistige Unabhängigkeit ruhte. Sie hatte ihm im Leben viel Erfolg beschert.
Sicher, Schling war kein Kaiser, er hatte kein Imperium zu lenken, aber immerhin, ein ganzer Geschäftsbereich war es doch. Dass er so einen einmal leiten würde, hatte ihm niemand an der Wiege gesungen. So konnte er sich nun Dinge leisten, von denen er als junger Mann nicht einmal zu träumen gewagt hatte: ein Haus mit Garten in der ersten Uferreihe, eine englische Limousine, ein Cabriolet für seine Frau und viele andere gute Dinge, bis hin zu diesem wirklich sehr großen und dabei doch so klaren und deshalb eigentlich ganz einfachen Österreicher.
Aber man durfte nicht an den Dingen haften, man musste sie losgelöst von sich selbst sehen, jederzeit bereit sein, sie aufgeben zu können. Schling und seine Frau stellten fest, dass erstaunlich viele Philosophien und Glaubensrichtungen auf ganz unterschiedlichen Wegen zur selben Erkenntnis gelangten: Wer in der Lage war, sein Verlangen zu zügeln, musste die Unzufriedenheit nicht länger fürchten. Epikur hatte wirklich recht, als er sagte: "Wenn du einen Menschen glücklich machen willst, dann füge nichts seinem Reichtum hinzu, sondern nimm ihm einige von seinen Wünschen."
Schling nippte an dem großen Österreicher und beschloss, diese Erkenntnis in die anstehende Lohnrunde mitzunehmen, um ihr damit auch in philosophischer Hinsicht endlich die Bedeutung zu verleihen, die ihr zukam.
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.