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Kolumne Casual Friday

Freitags trugen Sells Kollegen immer gehobene Freizeitkleidung statt der üblichen Anzüge. Wie angenehm! Und erst die Themen beim Mittagessen! Diesmal ging es um die Bärte der erwachsenen Kinder.

© Cyprian Koscielniak

Freitags gab es eine Art rituelles Mittagessen mit den Kollegen seiner Ebene, das Seel nur verpasste, wenn er krank, im Urlaub oder dienstlich verhindert war. Alles drei kam selten vor, denn der Freitag war, nach längst übernommenem amerikanischen Vorbild, casual. Es war angenehm, die Kollegen statt im Anzug in der an diesem Tag angemessenen, sogenannten gehobenen Freizeitkleidung zu sehen. Es animierte zu Gesprächen nicht ausschließlich geschäftlichen Zuschnitts, und die nahmen manchmal seltsame Wege. Alle waren sich darüber einig, am Wochenende müsse man einfach mal abschalten. Ein Hauch selbstreflexiver Zivilisationskritik wehte über den Mittagstisch, als sie feststellten, wie viele Geräte und Vorrichtungen und wie viel Geld sie dazu benötigten. Es war aber natürlich auch eine gute Gelegenheit, all diese Geräte, Vorrichtungen und das Geld, das sie gekostet hatten, wieder einmal aufzuzählen.

Dann wandte sich das Gespräch dem Thema der Kinder zu. Seel und seine Kollegen hatten alle schon volljährige Kinder. Sie sprachen darüber, wie irritierend es sei, dass junge Männer nun wieder Vollbärte trugen. Bedeute das irgendetwas Politisches? Und sei sie nicht überhaupt merkwürdig, diese undeutliche und doch unbestreitbare Verbindung von Vollbart und gefühlter politischer Unzuverlässigkeit?

Seel wurde nachdenklich. Auch sein Sohn ließ sich seit einiger Zeit einen Bart stehen. Einen ganz besonders seltsamen leider auch noch. „Seemannskrause“ hätte man das früher genannt. Seel hatte mit ihm noch nicht darüber gesprochen, aus Angst vor den Abgründen, die sich dahinter auftun mochten. Er beschloss, es am nächsten Morgen zu tun. Früh morgens, als der noch schlief, schlich er sich in sein Zimmer. Er sah sich um und fand ein Buch auf dem Boden liegen mit dem Portrait eines Mannes aus dem vorletzten Jahrhundert. Genau der gleiche Bart!

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte . . . Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ Daher wehte der Wind! Seel sah sich plötzlich im Sommer Fische fangen mit bloßen Händen. Sich im Winter die nackte Brust mit Schnee einreiben zur Abhärtung. Werkzeuge herstellen aus Hölzern, Steinen und Schnüren. Jagen. Er beschloss, an diesem Wochenende das Rasieren bleibenzulassen.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.08.2012, 08:00 Uhr