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Kolumne Begegnung im Lift

Stutz war ins Personalbüro bestellt worden. In den Lift witschte noch eine Frau herein, kurz bevor die Türen schlossen. Stutz’ Aufmerksamkeit war geweckt.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Stutz stieg im Parterre in den Aufzug. Er war ins Personalbüro bestellt worden. Irgendeine verwaltungstechnische Kleinigkeit, nahm er an. Kurz bevor die Türen schlossen, witschte noch eine Frau herein. Stutz hatte auf die „5“ gedrückt, sie leuchtete. Die Frau drückte dennoch auch ihrerseits noch mal auf die „5“. Stutz betrachtete sie. Eine akkurat gekleidete, eher kleine Frau in ihren Fünfzigern. Stutz tippte auf eine Bürokraft der gehobenen Mitte, die ihm den Rücken zudrehte. Sie konnte durchaus mit dem Personalwesen zu tun haben, vielleicht sogar an entscheidender Stelle oder in der Nähe davon. Stutz’ Aufmerksamkeit war geweckt.

Der Lift fuhr los. Ein Stockwerk höher blieb er stehen, obwohl dort niemand darauf wartete, einsteigen zu können. „Es gibt so böse Menschen! So böse Menschen!“, sagte die Frau. Stutz war ein bisschen überrascht über die Heftigkeit ihrer Äußerung. Offenbar nahm sie an, jemand habe den Lift nur zum Stehen gebracht, um ihn aufzuhalten. Stutz vermutete, ihr Ausruf solle so im Raum stehenbleiben, aber sie wandte sich um und fragte ihn spitz: „Finden Sie nicht?“ Stutz hatte keine Lust zuzustimmen. „Vielleicht war es nur jemand, dem es zu lange gedauert hat und der dann zu Fuß gegangen ist.“

Die Frau wandte Stutz wieder den Rücken zu, deutete durch die sich gerade wieder schließende Glastür des Aufzugs hinaus auf eine Reinigungskraft mit Migrationshintergrund und rief aus: „Der war’s!“ Diese Behauptung war völlig willkürlich, dachte Stutz. Es konnte ebenso gut jeder andere gewesen sein, außer ihnen beiden. Die Frau bemerkte, dass Stutz ihren Anfangsverdacht nicht teilen mochte. Immer noch mit dem Rücken zu ihm, sagte sie: „Vermutlich haben Sie recht, man solle niemandem vorschnell etwas unterstellen. In der Tat wäre es eine bessere Annahme zu glauben, irgendjemand habe den Knopf gedrückt und dann während des Wartens aufgegeben. Aber selbst in diesem Fall hätte die betreffende Person billigend in Kauf genommen, dass andere ihretwegen sinnlos aufgehalten werden. Man sollte niemandem etwas unterstellen, obwohl die Menschen so böse sind! So böse!“

Die Frau, immer noch mit dem Rücken zu ihm, schien ihren finsteren Gedanken nachzuhängen. Als sie im fünften Stock angekommen und ausgestiegen waren, drehte sie sich plötzlich um und sagte zu Stutz: „Die Leute, die so nachsichtig sind, haben meistens selbst Dreck am Stecken. Ich will hoffen, Sie sind nicht auch so einer. Wo müssen Sie eigentlich hin?“ „Ins Personalbüro.“ „Aha. Da sind Sie bei mir richtig. Dann kommen Sie gleich mal mit!“

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.06.2012, 15:00 Uhr