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Kolumne Auswärtstermin

Kapp stand seit einer geschlagenen Viertelstunde an dem Parkplatz, den sie als Treffpunkt vereinbart hatten und kochte vor Wut: Sie hatten einen Auswärtstermin, da wollte man doch nicht zu spät kommen.

© Cyprian Koscielniak

Es war nicht zu fassen! Kapp stand seit einer geschlagenen Viertelstunde an dem Parkplatz, den sie als Treffpunkt vereinbart hatten. Gut, es waren zuvor noch einige Dinge zu erledigen gewesen, aber sie hatten einen Auswärtstermin, da wollte man doch nicht zu spät kommen. Aber es schien nicht nur niemand nötig zu finden, Kapp zu informieren, dass man später komme. Es fühlte sich offenbar überhaupt niemand dafür zuständig, ihn anzurufen!

Kapp kochte vor Wut, er rief alle Nummern durch, aber niemand ging ran. Er fauchte auf Mailboxen, man möge ihn doch zurückrufen gelegentlich! Passierte natürlich nicht! Dabei hatten sie alles minutiös besprochen. Noch am Morgen hatte Kapp jeder und jedem Einzelnen genau erklärt, was sie oder er zu tun hatte und wann. So machte er es immer, und so lief es auch in der Regel gut, wenn sich alle an seine Maßgaben hielten. Wenn aber schon diejenigen, die eigentlich Führungsverantwortung übernehmen sollten, nicht funktionierten, was sollte dann überhaupt funktionieren!

Er bemerkte, dass er innerlich ein bisschen vor dem Wort „funktionieren“ in diesem Zusammenhang zurückschreckte. Das hätten seine Leute sicher nicht gern gehört, „denn sie sind ja schließlich keine Maschinen“. Aber das war doch ohnehin klar. Und man musste sich wohl kaum in einen seelenlosen Apparat verwandeln, um wenigstens einen rudimentären Sinn für Pünktlichkeit zu entwickeln! Bei seinen Überlegungen geriet Kapp immer mehr ins Grundsätzliche. Schon die Form, in der sie kommunizierten, war vermutlich vollkommen falsch. Es war ja genaugenommen keine Form, sondern ebenjene Formlosigkeit, die eben alles angeblich bequemer machte.

Dieses Geduze zum Beispiel war eine Plage. Früher waren einfach alle per Sie, egal, ob sie sich nahestanden oder nicht. Im äußersten Fall siezte man sich und nannte sich beim Vornamen. Heute hieß es schon, bevor man sich noch richtig vorgestellt hatte: „Wir können uns duzen!“ Viele verstanden das von vornherein als Aufforderung zum Schlendrian. Wenn er Derartiges laut ausspräche, würden sie ihm glatt den Vogel zeigen, das wusste er auch, aber er war es einfach nicht gewohnt, dass er so hängen gelassen wurde. Er wollte das normalerweise wirklich nicht so heraushängen lassen, aber er war doch schließlich der Chef von diesem Haufen!

Endlich bog der Wagen um die Ecke, nach dem er die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte. „Entlassen! Alle drei! Barbara, Sven und Bianca! Das wäre das einzig Richtige“, dachte er. Aber das ging natürlich nicht. Denn es war Wochenende, und Barbara war seine Frau, und Sven und Bianca waren seine Kinder.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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