Home
http://www.faz.net/-gyn-73pt6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne Auswärtstermin

Kapp stand seit einer geschlagenen Viertelstunde an dem Parkplatz, den sie als Treffpunkt vereinbart hatten und kochte vor Wut: Sie hatten einen Auswärtstermin, da wollte man doch nicht zu spät kommen.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Es war nicht zu fassen! Kapp stand seit einer geschlagenen Viertelstunde an dem Parkplatz, den sie als Treffpunkt vereinbart hatten. Gut, es waren zuvor noch einige Dinge zu erledigen gewesen, aber sie hatten einen Auswärtstermin, da wollte man doch nicht zu spät kommen. Aber es schien nicht nur niemand nötig zu finden, Kapp zu informieren, dass man später komme. Es fühlte sich offenbar überhaupt niemand dafür zuständig, ihn anzurufen!

Kapp kochte vor Wut, er rief alle Nummern durch, aber niemand ging ran. Er fauchte auf Mailboxen, man möge ihn doch zurückrufen gelegentlich! Passierte natürlich nicht! Dabei hatten sie alles minutiös besprochen. Noch am Morgen hatte Kapp jeder und jedem Einzelnen genau erklärt, was sie oder er zu tun hatte und wann. So machte er es immer, und so lief es auch in der Regel gut, wenn sich alle an seine Maßgaben hielten. Wenn aber schon diejenigen, die eigentlich Führungsverantwortung übernehmen sollten, nicht funktionierten, was sollte dann überhaupt funktionieren!

Er bemerkte, dass er innerlich ein bisschen vor dem Wort „funktionieren“ in diesem Zusammenhang zurückschreckte. Das hätten seine Leute sicher nicht gern gehört, „denn sie sind ja schließlich keine Maschinen“. Aber das war doch ohnehin klar. Und man musste sich wohl kaum in einen seelenlosen Apparat verwandeln, um wenigstens einen rudimentären Sinn für Pünktlichkeit zu entwickeln! Bei seinen Überlegungen geriet Kapp immer mehr ins Grundsätzliche. Schon die Form, in der sie kommunizierten, war vermutlich vollkommen falsch. Es war ja genaugenommen keine Form, sondern ebenjene Formlosigkeit, die eben alles angeblich bequemer machte.

Dieses Geduze zum Beispiel war eine Plage. Früher waren einfach alle per Sie, egal, ob sie sich nahestanden oder nicht. Im äußersten Fall siezte man sich und nannte sich beim Vornamen. Heute hieß es schon, bevor man sich noch richtig vorgestellt hatte: „Wir können uns duzen!“ Viele verstanden das von vornherein als Aufforderung zum Schlendrian. Wenn er Derartiges laut ausspräche, würden sie ihm glatt den Vogel zeigen, das wusste er auch, aber er war es einfach nicht gewohnt, dass er so hängen gelassen wurde. Er wollte das normalerweise wirklich nicht so heraushängen lassen, aber er war doch schließlich der Chef von diesem Haufen!

Endlich bog der Wagen um die Ecke, nach dem er die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte. „Entlassen! Alle drei! Barbara, Sven und Bianca! Das wäre das einzig Richtige“, dachte er. Aber das ging natürlich nicht. Denn es war Wochenende, und Barbara war seine Frau, und Sven und Bianca waren seine Kinder.

Mehr zum Thema

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ohne Augenlicht am Herd Auch Blinde kochen nur mit Wasser

Kochen, ohne zu sehen - das klingt gefährlich, ist für Blinde aber Alltag. Eine Kochgruppe in Marburg beweist, dass auch bei Blinden weit mehr als nur Fertigkost auf den Teller kommt. Mehr Von Salomé Stühler, Marburg

28.09.2014, 14:24 Uhr | Rhein-Main
Roboter kocht und bedient die Gäste

In einem Restaurant der chinesischen Stadt Kunshan kocht der Chef nicht mehr selbst, sondern sein mechanischer Helfer. Roboter-Kellner begrüßen und bedienen die Gäste. Sogar vier Dutzend Alltagssätze verstehen sie. Mehr

14.08.2014, 15:52 Uhr | Stil
Ken Follett Liebevoll dirigiert von seiner Ehefrau

Ken Folletts neuer Roman spielt im späten 20. Jahrhundert: Bürgerrechtsbewegung, Kalter Krieg, Kuba-Krise, Mauerbau und Mauerfall. Die Charaktere in dem Buch erzählen indes auch viel über die Menschen, die den Starautor im Leben geprägt haben. Mehr Von Nina Rehfeld

16.09.2014, 12:50 Uhr | Gesellschaft
Wie ein Megastand entsteht

Auf 3000 Quadratmeter präsentiert sich Siemens auf der diesjährigen Hannover-Messe. Wie viel der Stand kostet, darüber herrscht Stillschweigen, doch es dürfte nicht wenig sein. Mehr

09.04.2014, 10:39 Uhr | Wirtschaft
Vincent Klink als Rezensent Ein Buch, das faucht und glüht

Spitzenköche haben eigentlich keine Zeit für Kochbücher. Vincent Klink hat für uns eine Ausnahme gemacht und Michael Pollans Ausführungen über das Kochen studiert. Wissenschaftliche Präzision trifft darin auf Sinnlichkeit. Mehr

19.09.2014, 21:03 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.10.2012, 15:00 Uhr