10.11.2011 · Specht wurde von seiner Frau ausgerechnet zum griechischen Gemüsehändler geschickt. Er war direkt nach Feierabend unschwer als Banker zu erkennen. Was hatte er in den letzten Wochen nicht alles über die Griechen gesagt und gedacht.
Von Georg M. OswaldAls Specht abends durch das halogenerleuchtete, in Chrom und Glas funkelnde Foyer des Bankgebäudes schritt, rief ihn Marianne, seine Frau, auf dem Handy an und bat ihn, auf dem Heimweg wegen einiger ausgefallener Kräuter noch bei einem bestimmten Gemüsehändler vorbeizuschauen. Etwas gedankenverloren, den Kopf noch voll von wichtigen Arbeitsdingen, betrat Specht in seinem modischen rostbraunen Anzug das Ladengeschäft, das sie ihm beschrieben hatte, und erst als er schon mittendrin war, fiel ihm auf: Seine Frau hatte ihn zu einem Griechen geschickt!
Specht hatte ganz und gar nichts gegen Griechen, Gott bewahre, aber in seiner Berufskleidung war er ohne weiteres sofort als Bankangestellter zu erkennen, und wer etwas genauer hinsah, musste an der Qualität seiner Kleidung und der Bestimmtheit seines Auftretens erkennen, dass er nicht zum Fußvolk zählte, sondern eindeutig Führungsverantwortung genoss! Unwillkürlich kam ihm in den Sinn, was er in den letzten Wochen so alles über Griechenland und die Griechen gesagt und gedacht hatte, und dazu stand er auch unzweifelhaft nach wie vor, aber Marianne hatte schon Nerven, sie hätte ihm das doch wenigstens sagen können.
Der Mann mit dem dichten schwarz-grauen Haar und dem dunklen Bartschatten hinter der Theke sah aus wie der Ladeninhaber und hatte bestimmt eine Mordswut auf Leute wie ihn, wegen all dieser Forderungen nach Einsparungen, Reduzierungen, Kürzungen, Streichungen und, nicht zu vergessen, der angekündigten scharfen Kontrollen. Specht stellte sich in die Schlange und wartete. Der Mann mit dem Bartschatten sprach viel, erzählte dies und das und bediente seine Kundschaft ausnehmend zuvorkommend und freundlich. Würde sich das bei Specht ändern?
Er legte sich eine kleine Verteidigungsrede zurecht, falls die Stimmung kippen sollte, sobald er dran wäre. Banker und Griechen, so würde er sagen, hatten doch immerhin so einiges gemeinsam. Für was machte man sie nicht alles verantwortlich! Aber konnten er, ein griechischer Geschäftsmann, und er, Specht, zugegebenermaßen ein deutscher Bankangestellter, da irgendetwas dafür?
Doch der Mann hinter der Theke wollte nur wissen, was Specht gerne hätte und erläuterte ihm lebhaft Bezeichnung, Wirkung und Geschmack der verlangten Kräuter. Wärmstens empfundene, völkerverbindende Freundschaftsgefühle durchströmten Specht, der dummerweise nur einen Hundert-Euro-Schein im Portemonnaie hatte, mit dem er bezahlte. Der griechische Ladeninhaber hielt ihn zuerst unter das Prüfgerät neben der Kasse, bevor er das Wechselgeld herausgab.
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