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Kolumne Auf Erholung programmiert

 ·  Wie würden Sie reagieren, wenn die liegengebliebenen Mails nach dem Urlaub einfach alle verschwunden wären? Jubilieren oder durchdrehen?

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Gut erholt?“ Merks ehrliche Antwort auf die Frage wäre gewesen: „Hätte besser sein können.“ Aber natürlich log er pflichtgemäß und antwortete mit einem schwärmerischen: „Traumhaft!“ Mit Träumen hatte sein Urlaub allerdings mehr zu tun gehabt, als ihm lieb sein konnte. Nacht für Nacht hatte ihn nämlich sein E-Mail-Programm heimgesucht.

Seine Frau riet ihm, einfach an etwas anderes zu denken. Aber so leicht ging das nicht. Den Posteingang seines Accounts benutzte Merk als eine Art To-do-Liste. Mails, die er später bearbeiten wollte, markierte er als „ungelesen“ und ließ sie im Posteingang stehen, bis sie an der Reihe waren. Wie es immer so lief, hatte er es vor dem Urlaub nicht mehr geschafft, den gesamten Posteingang zu bearbeiten. Einige Dinge waren einfach stehengeblieben. Und ebendiese Dinge hatten ihn im Urlaub Nacht für Nacht im Traum ereilt.

In gewisser Weise empfand er es deshalb als Erleichterung, am Montagmorgen endlich wieder an seinem Arbeitsplatz zu sitzen, seinen Computer hochzufahren und mit dem fortzufahren, was ihm nächtens andauernd vorgeschwebt hatte. Doch nun, als er das Fach „Posteingang“ öffnete, glaubte er sich von einem Moment zum anderen tatsächlich in einem Albtraum. Die Anzahl der ungelesenen Mails wurde mit 0 angegeben. Die Anzahl der empfangenen Mails ebenfalls.

Er klickte höchst alarmiert in sämtlichen Ordnern herum. Der Befund war so eindeutig wie unaussprechlich: Hunderte und Aberhunderte Mails waren verschwunden! Merk informierte die IT-Abteilung, die ihm bestätigte, so was könne schon mal vorkommen. Sämtliche Rettungsversuche blieben vergebens.

Merk fühlte sich auf eigenartige Weise nackt. Jedem Menschen, dem er begegnete, glaubte er eine E-Mail-Antwort zu schulden. Zu seiner Verwunderung wurde er jedoch nicht darauf angesprochen. Die wirklich wichtigen Vorgänge, an denen er zuletzt gearbeitet hatte, waren ihm auch so im Gedächtnis. Er erledigte sie zügig und, wie ihm vorkam, schneller als sonst. In den kommenden zwei Wochen kamen drei oder vier Nachfragen nach dem Sachstand in weniger wichtigen Angelegenheiten – die Ursprungsmails wurden ihm noch einmal mitgeschickt. Das war alles.

Merk hatte verstanden. Am Freitag der zweiten Woche nach dem Tag 0 hatte sich im Posteingang wieder eine enorme Menge ungelesener Mails angesammelt. Er klickte sich zielstrebig durch das „Bearbeiten“-Menü. „Wirklich alles löschen?“, fragte ihn der Computer scheinbar ungläubig. „Ja!“, klickte Merk vollen Herzens. Danach ging er erleichtert ins Wochenende. Nachts schlief er prächtig.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

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