Die Kosiek-Sache war eine langwierige und komplizierte Angelegenheit, die schon seit Jahren vor sich hin wucherte. Sie füllte Schrankwände. Kein Mensch hatte noch einen Überblick. Einige meinten, man solle nicht daran rühren, andere wieder, der Fortbestand des Unternehmens hänge davon ab, sie zu lösen. Alljährlich zur Vorweihnachtszeit machte ein Geschäftsleitungsmitglied einen Vorstoß und regte an, die Kosiek-Sache müsse ein für alle Mal vom Tisch. Schwenk, ein aufstrebender Mitarbeiter, wurde auserwählt, sich der Angelegenheit anzunehmen. Ein Termin bald nach dem Ende der Weihnachtsferien wurde bestimmt, zu dem er seine Lösungsvorschläge präsentieren sollte.
Geschmeichelt von der ehrenvollen Aufgabe, nahm er sich vor, den gordischen Knoten zu durchtrennen. Die wichtigsten Vorgänge der Kosiek-Sache wurden von seinen Mitarbeitern auf das Wesentlichste reduziert und in drei prall gefüllten Aktenordnern dokumentiert. Da er es vorher nicht mehr geschafft hatte, wollte er sie sich in den Ferien ansehen. Unheilschwanger lagen sie auf dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers. Ein Buch, das seine Frau gerade las, fiel ihm in die Hände. Wissenschaftlich, hieß es dort, werde das Aufschieben von Arbeit als Prokrastination bezeichnet. Prokrastination, so die These, sei keineswegs nur ein Fehlverhalten, gar eine Krankheit, sondern oft auch die ganz überraschende Lösung schier unlösbarer Probleme.
Schwenk gefiel der Gedanke. Vielleicht ging er umso frischer an seine Präsentation, je weniger er über ihren Gegenstand wusste. Zwar glaubte er letztlich nicht daran, ließ aber die drei Aktenordner auf seinem Arbeitstisch die Ferien über unberührt. Danach war im Büro so viel Aktuelles zu erledigen, dass auch die letzten Tage vor der Präsentation ungenutzt verstrichen. Am Tag der Präsentation machte sich Schwenk auf dem Weg ins Büro bittere Vorwürfe. Wie hatte er nur glauben können, die Kosiek-Sache würde sich in nichts auflösen?
Er war vollkommen unvorbereitet und würde sich fürchterlich blamieren. Eine halbe Stunde vor Beginn der Präsentation rief eine Assistentin der Geschäftsleitung in Schwenks Büro an und teilte mit, der Termin sei abgesetzt und auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Schwenk vollführte einen Luftsprung, bemühte sich dann aber um Betroffenheit in der Stimme. "Aber wieso das denn?", fragte er. "Andere Prioritäten", antwortete die Assistentin. "Ich darf den Sprecher der Geschäftsleitung wörtlich zitieren: ,Mit dem Quatsch können wir uns auch noch an Weihnachten beschäftigen.'"