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Veröffentlicht: 19.10.2012, 15:00 Uhr

Kolumne Am Zügel

Frau Strack war mit überdurchschnittlicher Intelligenz gesegnet. Doch trotz ihrer zweifellos hohen Kompetenzen zogen regelmäßig hochgewachsene, schlanke Männer in die Führungsetagen ein. Für Frau Strack hatten sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig.

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Frau Strack hatte diesen Artikel gelesen, der sie nicht mehr los ließ: Auffällig viele Führungskräfte großer Konzerne waren groß gewachsen und schlank. Dass es ausschließlich Männer waren, verstand sich ohnehin von selbst. Wenn sich Frau Strack ihr Aussehen hätte aussuchen dürfen, hätte sie sich auch für „groß“ und „schlank“ entschieden, allerdings nicht für die heute so gefragte sportliche Variante, eher für die hager-knochige adelige. Ihrer Kleidung und ihrem Auftreten hätte sie etwas rätselhaft Anachronistisches gegeben, und dies wäre in verblüffendem Gegensatz zu ihrer sehr heutigen, topaktuellen Intelligenz gestanden, mit der sie die hochgewachsenen Dauerläufer aus den oberen Etagen reihenweise aufs Kreuz gelegt hätte.

“Hätte, hätte, wäre, hätte“, dachte sie, denn sie konnte sich vor dem Spiegel drehen und wenden, wie sie wollte, es änderte nichts: Frau Strack war klein und dick und kam damit angeblich für Führungsaufgaben, glaubte man diesem Artikel, nicht in Betracht. Dessen Wahrnehmung deckte sich übrigens mit den Feststellungen des Personalbüros, das Frau Strack zwar ebenjene topaktuelle Intelligenz bescheinigte, weiter jedoch nichts, so dass sie schon seit geraumer Zeit auf einer hochqualifizierten Position ohne Führungsverantwortung feststeckte.

Lanz, Hotz, Büchs, Fink, all die hochgewachsenen, schlanken Männer, die mit ihr angefangen hatten, fachlich zumeist längst nicht so sattelfest wie sie, zogen, mit mitleidigem Lächeln, einer nach dem anderen an ihr vorbei. Nur, wenn sie belastbare Informationen brauchten, kamen sie zu ihr, und bisher hatte sie, stets pflichtbewusst und gewissenhaft, im Dienste des Unternehmens, aufbereitet, was von ihr verlangt worden war.

Jeder dieser Männer, wusste Frau Strack, belauerte die anderen, während mit ihr niemand rechnete. Warum nicht eine bewährte Technik anwenden, wenn sie zu ihr kamen und Fragen stellten? Der erste Kernsatz dieser Technik lautete: „Das sage ich jetzt nur Ihnen.“ Der zweite: „Sagen Sie’s nicht den anderen.“ Und der dritte: „Und erzählen Sie mir, wie’s gelaufen ist.“ Mit diesen drei Sätzen konnte man unbemerkt jedes Männergehirn in den Griff bekommen.

Zu Recht sah sich Frau Strack bereits als so eine Art Dr. Moreau des Direktionsabschnitts Südwest, die ihre hochgewachsenen Geschöpfe hinaus in die Welt schickte, wo sie, ihr zu Gefallen, taten, was immer sie ihnen zuvor aufgetragen hatte. Alle würden sagen: „Seht nur, diese langen Männer!“ Doch die Zügel, an denen sie liefen, würden unsichtbar bleiben.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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