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Veröffentlicht: 30.08.2012, 18:10 Uhr

Kolumne Achtung! Tellerrand!

Bloß nicht nur Zahlen, sagt Karr zu Wink vor dessen Vortrag. Der gibt vor Jungmanagern den Indiana Jones in Nadelstreifen und begeistert alle - bis auf einen ...

von Georg M. Oswald
© Cyprian Koscielniak

Wirk sollte einen Vortrag halten. Das war für ihn nichts Besonderes, das tat er tagein, tagaus in drei Sprachen fließend. „Aber beschränken Sie sich dabei bitte nicht allein auf die Zahlen. Es geht mir eher darum zu zeigen, dass unsere Leute über den Tellerrand hinaussehen. Das tun Sie doch, nicht wahr?“ hatte Karr, sein Chef, zu ihm gesagt. „Selbstverständlich“, hatte Wirk geantwortet, beinahe etwas indigniert.

Selbstverständlich war Wirk jemand, der über den Tellerrand hinaussah. Nach eigener Einschätzung waren das wohl die meisten, aber bei ihm traf es zu. Seit knapp fünfzehn Jahren war er nun für diese Firma tätig, oder, um es treffender auszudrücken, operierte er international für sie. Und wo er nicht überall für sie gewesen war: Taipeh, Schanghai, Hongkong, Seoul, Sydney, Johannesburg, Los Angeles, New York, London, Paris, Moskau.

An all diesen Orten hatte er stets das Gleiche gemacht: Am Flughafen angekommen, durch Gänge, Flure, Malls zur Gepäckausgabe und dann zum Taxistand marschiert, ins Hotel gefahren, sein Zimmer bezogen, den Jetlag in den Griff bekommen, sich frisch gemacht, mit dem Taxi zum Ort des Meetings gefahren, über Zahlen geredet, gemeinsam Essen gegangen, zurück ins Hotel, am nächsten Morgen mit dem Taxi zum Flughafen durch Gänge, Flure, Malls zum Gate marschiert, vorher noch ein paar Souvenirs gekauft und zurück in die Maschine.

Wenn er Karr richtig verstanden hatte, waren all dies Aktivitäten innerhalb des Tellerrandes. Und wenn er ihn weiter richtig verstanden hatte, sollte er die Jungmanager nicht damit desillusionieren, dass selbst die erfolgreichsten von ihnen nie etwas anderes zu Gesicht bekommen würden. Über etwas anderes aber konnte Wirk wirklich nichts erzählen, denn das war alles, was er mitbekam. Also begann er, den Bericht über seine Reisen etwas auszuschmücken, er nahm das Internet zu Hilfe, Bücher, Reiseberichte, vermischte selbst Erlebtes mit Erfundenem und Fremden. Das Ergebnis konnte sich hören lassen.

Die Jungmanager waren begeistert. Wenn das Wirks Leben war, dann war er so eine Art Indiana Jones im Anzug! Als Wirk später Karr traf, erkannte er schon am Gesichtsausdruck, dass es ein Problem gab. „Wie war das Feedback?“, fragte Wirk. „Euphorisch!“, antwortete Karr. „Wo ist dann der Haken?“ „,Über den Tellerrand hinaus’, hatte ich gesagt, nicht: ,Gullivers Reisen’, und außerdem: Ich wusste gar nicht, dass Sie auf Ihren Geschäftsreisen noch so viel Zeit haben, sich Land und Leute anzusehen. Wir werden künftig ihre Planung etwas straffen.“

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 

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