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Kolumne Abwarten und Kaffee trinken

Die Situation erinnerte Oz an die Videos, die er gesehen hatte, damals vom großen Tsunami. Irgendetwas Großes war im Busch. Bloß was?

© Cyprian Koscielniak

Unwillkürlich erinnerte Oz die Situation an die Videos, die er gesehen hatte, damals vom großen Tsunami. Genauer, von den Stunden davor. Die Augenzeugen berichteten, der allgemeine Lärmpegel habe sich gesenkt. Auf dem Markt, auf der Straße, in der Luft, überall sei es stiller geworden. Einigen Menschen sei das zwar aufgefallen, doch sie hätten sich die Ursache nicht erklären können. Die Tiere hingegen, die ebenfalls verstummten, hätten sich auf Anhöhen und in die Berge zurückgezogen. Sie besaßen wohl eine besondere Antenne, eine Art biologisches Frühwarnsystem, das bei vielen von uns nicht mehr so einwandfrei funktionierte.

Außer vielleicht bei Frau Birk, seiner Sekretärin, die stiller und ernster wirkte als sonst. Wusste sie vielleicht von irgendwas? Oz bat sie zu sich. „Frau Birk, wissen Sie von irgendetwas?“ Frau Birk sah ihn irritiert an. „Wovon sollte ich wissen?“ „Das weiß ich nicht, das frage ich Sie.“ „Nein, ich weiß nichts, was Sie nicht auch wüssten.“ Über diesen Satz, dachte Oz, hätte man lange diskutieren können. War das überhaupt möglich, das zu wissen, was jemand anderer wusste? Aber das hier war kein philosophisches Seminar, man hatte keine Zeit, sich in derartigen Spekulationen zu verlieren.

Frau Birk stand immer noch in Oz’ Zimmer, etwas verloren wartend, ob noch etwas käme. Mehr aus Verlegenheit, nicht, weil er echte Zweifel hatte, fragte er: „Es bleibt bei meinem Termin um fünf?“ „Sicher, ich habe nichts Gegenteiliges gehört.“ „Ich auch nicht“, sagte Oz und deutete Frau Birk an, er habe im Augenblick keine weiteren Fragen, worauf sie sich ins Vorzimmer zurückzog. Jetzt war das Gefühl des Unwirklichen noch stärker.

Es war viertel nach Vier. Kaum Zeit genug, vor dem Termin noch etwas Neues anzufangen. Er beschloss, zum Kaffeeautomaten zu gehen, um „etwas Atmosphäre einzufangen“, wie er das bei sich nannte. Auf dem Gang wurde er von allen, die ihm begegneten, mit, wie ihm vorkam, besonderer Höflichkeit gegrüßt. In manchen Gesichtern lag dabei so eine Spur von Schmerz. Oder bildete er sich das nur ein? Es hing, daran gab es keinen Zweifel, alles mit dem Termin um fünf zusammen. Was würde man ihm eröffnen? Niemand hatte ihm auch nur die geringste Andeutung gemacht. Oz wusste es nicht. Er ging wieder in sein Zimmer.

Um kurz vor fünf klopfte Frau Birk an seine Tür und kam herein. „Ihr Termin wurde abgesagt. Verschoben auf nächste Woche.“ Und schon war sie wieder draußen. Oz widerstand der Versuchung, sie noch einmal zu fragen, ob sie irgendetwas wisse. Da war etwas im Busch, etwas Großes, aber es kam noch nicht raus. Oz blieb nichts anders übrig, als noch eine Woche zu warten.

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Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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