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Kolumne Absolute Loyalität

Groll eilte der Ruf eines unerbittlichen Sanierers voraus. Er kündigte an, er werde aufräumen, verjüngen und verschlanken. Die Belegschaft war gewarnt.

© Cyprian Koscielniak

Wie sehen Sie die Abteilung?“, fragte Korn, der Jungvorstand, der Groll von Groll Business Solutions ins Haus geholt hatte. Korn hatte es gegen den Willen von Kimm, einem älteren Vorstand, getan. Groll eilte der Ruf eines unerbittlichen Sanierers voraus. Er kündigte an, er werde aufräumen, verjüngen und verschlanken. Die Belegschaft war gewarnt, zog die Köpfe zwischen die Schultern und erwartete in stummer Feindseligkeit das Schlimmste.

„So ineffektiv wie verschworen“, antwortete Groll. „Ineffektiv und verschworen? Keine Überraschung also“, sagte Korn. „Nein. Nicht ineffektiv und verschworen. So ineffektiv wie verschworen“, erwiderte Groll. „Die Ineffektivität steht in Relation zur Verschworenheit. Sie sind so ineffektiv, weil sie so verschworen sind, und sie sind so verschworen, weil sie so ineffektiv sind.“ „Und was gedenken Sie dagegen zu tun? Wollen Sie es wie die Konquistadoren versuchen? Mit Glasperlen?“ „Nein, so einfach kaufen lassen die sich nicht. Da müssen wir uns schon was Besseres einfallen lassen.“ „Und was wäre das?“ „Ich werde ihre Personalakten studieren.“ „Um ihre Schwächen herauszufinden?“ „Nein, ihre Stärken. Ich werde Einzelgespräche mit ihnen führen, in denen ich sie dafür lobe. Jede noch so geringfügige Qualifikation werde ich beinahe schon übertrieben hervorheben.“ „Aber wenn sie doch so ineffektiv sind?“ „Dann lobe ich ihre Loyalität. Je mehr ich sie für ihre Loyalität lobe, desto schneller werden sie bereit sein, sie zu verletzen.“ „Warum das denn?“ „Weil ich mit Satzteilen arbeite wie: ,Behalten Sie es für sich ...’, ,Ich sollte es Ihnen wohl nicht sagen, aber ...’, ,Über Sie hört man ja ...’, ,Ich dachte, das wüsste hier jeder ...’, ,Wissen Sie eigentlich ...?’“ „Und das soll funktionieren?“, fragte Korn skeptisch. Groll wusste, wovon er sprach.

Er begann mit den Einzelgesprächen. Mitarbeiter um Mitarbeiter saß vor ihm, alle mit ernsten Minen, entschlossen, sich von Lob nicht beeindrucken zu lassen. Groll verrichtete sein Werk. Nachdem er sie weichgeklopft hatte, gab er ihnen den Kern seiner Lehre mit auf den Weg: „Loyalität ist für Leute, die etwas zu verbergen haben.“

Unter Grolls Anleitung wurde die Abteilung zerschlagen. Groll wollte Korn berichten. Mitarbeiter eines anderen Vorstandsmitglieds, Kimm, fingen ihn im Flur ab. „Ich beobachte Ihre Arbeit mit Interesse“, sagte Kimm zu Groll. „Lässt sie sich auch auf den Vorstand anwenden?“ „Gewiss, warum nicht?“ „Prima“, sagte Kimm, „dann sagen Sie mir doch mal ganz offen, was Sie von Korn halten.“ Groll dachte einen Augenblick nach, bevor er mit Nachdruck antwortete: „Nun, ich halte ihn für absolut loyal.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Quelle: F.A.Z.

 
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