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Veröffentlicht: 03.11.2015, 05:35 Uhr

Nicht das Beste vom Besten Autos für Indien und Handys für Oma


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Doch Entwicklerteams bereiten solcherlei Innovationen nicht immer nur Freude. „Wenn man auf einmal nicht mehr das Schönere und Größere schaffen, sondern Kosten einsparen und Dinge zurechtstutzen soll, erscheint das Jungingenieuren oder Kollegen aus anderen Fachbereichen erst einmal als ein wenig attraktiver Job“, sagt Elmar Rummert, Projektleiter bei Siemens Healthcare. „Doch das ist ein Missverständnis. Denn in den meisten Fällen geht es gar nicht ums Abspecken oder Zurechtstutzen von Produkten. Kosteninnovationen sind technisch sogar meist höchst anspruchsvoll und von der Ingenieurkunst her große Leistungen.“ Unter Rummerts Regie arbeitet Siemens etwa daran, Magnetresonanztomographen (MRT) herzustellen, die mit Hilfe von neuartigen Algorithmen die Arbeit eines EKG-Geräts mitmachen und den Herzschlag von Patienten aus den magnetischen Signalen berechnen können. „So braucht der Kunde am Ende viel weniger Hardware. Durch eine kluge Software übernimmt das MRT-Gerät gleich mehrere Aufgaben auf einmal.“ Am Ende sei das natürlich eine sehr kostengünstige Lösung, etwa für Krankenhäuser in Entwicklungsländern. Und für ein Entwicklerteam sei es eine mindestens ebenso anspruchsvolle Aufgabe, wie die Arbeit an einem High-End-Gerät. Rummert beschäftigt in seiner Abteilung deshalb auch gar nicht so gern Absolventen, die frisch von der Uni kommen, sondern lieber alte Hasen. „Unsere Problemstellungen sind nämlich letzten Endes sehr komplex. Und wir müssen sehr interdisziplinär arbeiten.“ Dazu gehöre es vor allem, ständig mit dem Kunden in Kontakt zu stehen und sich mit anderen Abteilungen im Unternehmen zu vernetzen. „Für frugale Innovationen brauchen wir kommunikative Leute, die nicht nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen“, sagt Rummert.

Kein Touchscreen, dafür ein Notrufsystem

Ein weiteres häufiges Missverständnis im Bereich der frugalen Innovationen sei, dass es ausschließlich um den Preis und ausschließlich um die Märkte in Entwicklungs- und Schwellenländern gehe, sagt Forscher Rajnish Tiwari. Wenn Ingenieure, Entwickler und Programmierer stärker versuchten, die Brille ihrer Kunden aufzusetzen, könnten auch Produkte entstehen, die jenseits von Indien, China oder Taiwan für den hiesigen Markt spannend seien. „Der günstigere Preis ist dann oft ein angenehmer Nebeneffekt.“

So ist es auch im Falle des österreichischen Handyherstellers Emporia. Das Unternehmen baut Mobiltelefone speziell für Senioren. Bewusst einfache Geräte, mit wenig Schnickschnack, die selbsterklärend, statt verwirrend sind. Natürlich sind die meisten Emporia-Telefone auch billiger als aktuelle Smartphones von Apple oder Samsung. Was nicht heißt, dass wenig oder schlechtere Ingenieurleistungen in den Geräten stecken. „Unsere Mitarbeiter brauchen schlicht eine andere Art zu denken als Leute, die bei Apple oder Samsung Top-End-Geräte entwickeln“, sagt der Technikchef des Unternehmens, Harry Obereder. „Wer bei uns arbeiten will, darf nicht einfach bloß ein Geek sein. Wir brauchen Leute, die sich in ihre eigenen Großeltern hineinversetzen können. Die dann merken, dass der Opa in einem iPhone den Ziffernblock nicht finden würde. Und dass er generell lieber ein Gerät mit Tasten haben möchte.“ Jungen Berufsanfängern sei das oft nicht einfach zu vermitteln. „Wenn wir Bewerbern sagen, dass sie bei uns an Tastentelefonen arbeiten sollen, dann finden die das häufig nicht so sexy“, gibt Obereder zu. „Teilweise müssen wir viel Geld investieren, um die richtigen Leute zu finden.“

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Für geeignet hält er Menschen, die ihre berufliche Herausforderung darin sehen, Dinge einfacher zu machen und sich gleichzeitig in den Kunden hineinzuversetzen. „Wenn ich meiner Oma sage: Du brauchst keine EC-Karte mehr, sondern kannst im Supermarkt direkt mit deinem Handy bezahlen, dann schüttelt die Oma nur den Kopf. Die wird das in ihrem Alter nicht mehr akzeptieren.“ Genauso müssten Ingenieure bei frugalen Innovationen denken, sagt Obereder. „Dafür haben unsere Handys viel bessere Lautsprecher und ein ganz ausgefeiltes Notrufsystem.“ Eine frugale Innovation führe eben nicht unbedingt dazu, dass hinterher ein schlechteres Produkt herauskommt. „Im Gegenteil: Unser Produkt kann der Menschheit wirklich weiterhelfen, im Extremfall kann es sogar Leben retten.“ Auch für seine eigene berufliche Erfüllung sei das „ein richtig gutes Gefühl“.

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