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Wenn Zuwanderer gründen Nadelstreifen und Dönerspieß

Migranten gründen drei mal häufiger ein eigenes Unternehmen als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Viele von ihnen scheitern jedoch. Und das, obwohl sie einen Wettbewerbsvorteil mitbringen: Sie kennen zwei Wirtschaftskulturen.

© Cyprian Koscielniak Vergrößern

Irgendwie wusste keiner so richtig, wo er ihn hinstecken sollte. Damals auf der Pressekonferenz, als Babak Norooz seine Geschäftsidee zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte. Auf der Veranstaltung sollten Beratungsangebote für Gründer mit Migrationshintergrund bekannt gemacht werden. Und irgendwie stellten sich die Journalisten einen Migranten, der sich selbständig macht, wohl etwas anders vor. Am nächsten Tag stand in den Zeitungen jedenfalls nichts über Norooz, sondern über einen lokalen türkischen Dönerspießhersteller. „Der passt eben besser ins Bild als ein iranischer Unternehmer mit einer Wirtschaftsberatung“, meint Norooz.

Ohne Zweifel, der Dönerspießhersteller ist ein Klischee. Aber das Klischee kommt nicht von ungefähr: Die Gastronomie ist neben der Handels- und der Verkehrsbranche noch immer die beliebteste Branche, in der Deutsche mit Migrationshintergrund gründen. Aber diese Branchen sind sehr wettbewerbsintensiv. Mittlerweile gibt es in jeder größeren Stadt Hunderte Gemüsehändler, Imbissbesitzer und Taxifahrer.

Besser gebildet als die Änderungsschneiderin von früher

Die alten „Migrantennischen“ sind deswegen nicht mehr attraktiv, hinzu kommt: Wer heute gründet, hat im Durchschnitt eine bessere Ausbildung und viel größere Ambitionen, als der Imbissbesitzer oder die Änderungsschneiderin von früher. So wie Babak Norooz. Vor 24 Jahren kam er aus Iran nach Kassel - allein. Da war er gerade 14 Jahre alt. Er besuchte die Gesamtschule und spezialisierte sich schon während des Abiturs auf Maschinenbau. Es folgte eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und später erwarb er berufsbegleitend seinen Handelsfachwirt. Heute führt er nicht nur seine Wirtschaftsberatung Norotec, sondern hat mit Nowaste sogar noch eine zweite Firma gegründet, die nachhaltige Trinkbecher aus Baumsaft produziert und sogar schon einen Gründerpreis gewonnen hat.

„Das Bild der Gründer mit Migrationshintergrund ist überholt, nur in den Köpfen der Entscheidungsträger steckt es immer noch“, sagt Ellen Bommersheim. Sie ist Geschäftsführerin von Kompass, einem Beratungszentrum in Frankfurt für diese Personengruppe. „Es mangelt den Migranten, die zu uns kommen, nicht an der Ausbildung oder den Ideen, sondern an den Finanzierungsmöglichkeiten“, sagt Bommersheim. Viele Banken sehen in den Migranten immer nur die Dönerspießproduzent, von denen es schon genug gibt, und nicht die neuen Konzepte, die sie vielleicht mitbringen.

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Die Idee, eine Wirtschaftsberatung zu gründen, kam Norooz, als ihn ein befreundeter deutscher Unternehmer um Hilfe bat. Dieser hatte einem Kunden in Iran eine Maschine geliefert, aber der wollte einfach nicht zahlen - so zumindest die Sichtweise des Deutschen. Norooz schaltete sich ein und schnell war klar, dass hier unterschiedliche Wirtschaftskulturen aufeinandertrafen. Der Iraner bestand darauf, dass der Deutsche die Maschine, die er geliefert hatte, auch noch ans Stromnetz anschließt, wie es in Iran üblich ist. „Bis das nicht geschehen ist, zahlt der Iraner nicht. Da kann ein deutscher Unternehmer noch so oft darauf hinweisen, dass davon im Vertrag nichts steht“, sagt Norooz. Er organisierte daraufhin einen iranischen Elektriker - und entschloss sich, in Zukunft deutsche Unternehmen zu beraten, die im Nahen Osten aktiv werden wollen.

Damit hat Norooz sein Alleinstellungsmerkmal zu seinem Geschäftsmodell gemacht. Viele Deutsche kennen sich in der Maschinenbaubranche aus, aber nur wenige wissen, wie die Wirtschaft und die Geschäftsleute im Nahen Osten ticken. Genau das sind die Ideen, die Ellen Bommersheim im Gründerzentrum sucht. „Der erste Schritt bei jeder Beratung ist deswegen die Frage, wie man das kulturelle Potential des Gründers nutzen kann.“ Denn das sei der entscheidende Wettbewerbsvorteil, den Migranten gegenüber deutschen Unternehmern hätten. „Sie sprechen mehrere Sprachen, kennen mehrere Kulturen. Diese Fähigkeiten sollte man im Wertschöpfungsprozess nutzen“, sagt Bommersheim.

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