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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wenn Zuwanderer gründen Nadelstreifen und Dönerspieß

 ·  Migranten gründen drei mal häufiger ein eigenes Unternehmen als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Viele von ihnen scheitern jedoch. Und das, obwohl sie einen Wettbewerbsvorteil mitbringen: Sie kennen zwei Wirtschaftskulturen.

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Irgendwie wusste keiner so richtig, wo er ihn hinstecken sollte. Damals auf der Pressekonferenz, als Babak Norooz seine Geschäftsidee zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte. Auf der Veranstaltung sollten Beratungsangebote für Gründer mit Migrationshintergrund bekannt gemacht werden. Und irgendwie stellten sich die Journalisten einen Migranten, der sich selbständig macht, wohl etwas anders vor. Am nächsten Tag stand in den Zeitungen jedenfalls nichts über Norooz, sondern über einen lokalen türkischen Dönerspießhersteller. „Der passt eben besser ins Bild als ein iranischer Unternehmer mit einer Wirtschaftsberatung“, meint Norooz.

Ohne Zweifel, der Dönerspießhersteller ist ein Klischee. Aber das Klischee kommt nicht von ungefähr: Die Gastronomie ist neben der Handels- und der Verkehrsbranche noch immer die beliebteste Branche, in der Deutsche mit Migrationshintergrund gründen. Aber diese Branchen sind sehr wettbewerbsintensiv. Mittlerweile gibt es in jeder größeren Stadt Hunderte Gemüsehändler, Imbissbesitzer und Taxifahrer.

Besser gebildet als die Änderungsschneiderin von früher

Die alten „Migrantennischen“ sind deswegen nicht mehr attraktiv, hinzu kommt: Wer heute gründet, hat im Durchschnitt eine bessere Ausbildung und viel größere Ambitionen, als der Imbissbesitzer oder die Änderungsschneiderin von früher. So wie Babak Norooz. Vor 24 Jahren kam er aus Iran nach Kassel - allein. Da war er gerade 14 Jahre alt. Er besuchte die Gesamtschule und spezialisierte sich schon während des Abiturs auf Maschinenbau. Es folgte eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und später erwarb er berufsbegleitend seinen Handelsfachwirt. Heute führt er nicht nur seine Wirtschaftsberatung Norotec, sondern hat mit Nowaste sogar noch eine zweite Firma gegründet, die nachhaltige Trinkbecher aus Baumsaft produziert und sogar schon einen Gründerpreis gewonnen hat.

„Das Bild der Gründer mit Migrationshintergrund ist überholt, nur in den Köpfen der Entscheidungsträger steckt es immer noch“, sagt Ellen Bommersheim. Sie ist Geschäftsführerin von Kompass, einem Beratungszentrum in Frankfurt für diese Personengruppe. „Es mangelt den Migranten, die zu uns kommen, nicht an der Ausbildung oder den Ideen, sondern an den Finanzierungsmöglichkeiten“, sagt Bommersheim. Viele Banken sehen in den Migranten immer nur die Dönerspießproduzent, von denen es schon genug gibt, und nicht die neuen Konzepte, die sie vielleicht mitbringen.

Die Idee, eine Wirtschaftsberatung zu gründen, kam Norooz, als ihn ein befreundeter deutscher Unternehmer um Hilfe bat. Dieser hatte einem Kunden in Iran eine Maschine geliefert, aber der wollte einfach nicht zahlen - so zumindest die Sichtweise des Deutschen. Norooz schaltete sich ein und schnell war klar, dass hier unterschiedliche Wirtschaftskulturen aufeinandertrafen. Der Iraner bestand darauf, dass der Deutsche die Maschine, die er geliefert hatte, auch noch ans Stromnetz anschließt, wie es in Iran üblich ist. „Bis das nicht geschehen ist, zahlt der Iraner nicht. Da kann ein deutscher Unternehmer noch so oft darauf hinweisen, dass davon im Vertrag nichts steht“, sagt Norooz. Er organisierte daraufhin einen iranischen Elektriker - und entschloss sich, in Zukunft deutsche Unternehmen zu beraten, die im Nahen Osten aktiv werden wollen.

Damit hat Norooz sein Alleinstellungsmerkmal zu seinem Geschäftsmodell gemacht. Viele Deutsche kennen sich in der Maschinenbaubranche aus, aber nur wenige wissen, wie die Wirtschaft und die Geschäftsleute im Nahen Osten ticken. Genau das sind die Ideen, die Ellen Bommersheim im Gründerzentrum sucht. „Der erste Schritt bei jeder Beratung ist deswegen die Frage, wie man das kulturelle Potential des Gründers nutzen kann.“ Denn das sei der entscheidende Wettbewerbsvorteil, den Migranten gegenüber deutschen Unternehmern hätten. „Sie sprechen mehrere Sprachen, kennen mehrere Kulturen. Diese Fähigkeiten sollte man im Wertschöpfungsprozess nutzen“, sagt Bommersheim.

Nordic Walking in Spanien

Bei Dolores Barreda Perez-Fischer hat es einige Zeit gedauert, bis sie erkannt hat, wie sie das am besten macht. Im Alter von drei Jahren kam mit ihren Eltern aus Spanien nach Deutschland. Der Vater war Arbeiter bei Opel. „Mir fiel es schwer, in der Schule zurechtzukommen“, erinnert sie sich heute mit 51 Jahren. Aber sie biss sich durch und schaffte die Mittlere Reife. „Danach wusste ich erstmal nicht wohin mit mir.“ Sie versuchte sich als Apothekenhelferin und als Büroangestellte, bevor sie eine Ausbildung zur Krankenschwester machte. Über die Jahre und an der Seite ihres deutschen Mannes wurde ihr Deutsch immer besser - oder zumindest ihr Hessisch. Perez-Fischer schulte um, machte einen Stenographie-Kurs und kam über Beziehungen als Sekretärin zu Opel. Mit Ende dreißig bekam sie Zwillinge und ging in Erziehungsurlaub.

Eine Sekretärin in Mutterschaft - ein weiter Weg in die Selbständigkeit, könnte man meinen. „Man muss immer an seine Ideen glauben, dann findet man auch einen Weg, sie umzusetzen“, sagt Perez-Fischer. Ihre Idee kam ihr im Urlaub in ihrer ehemaligen Heimat: „In Andalusien, an der Costa del Luz, gibt es kilometerlange Strände, die sich perfekt für Nordic Walking eignen“, befand die junge Mutter damals. Und weil sie privat immer schon viel Sport und auch schon einige Übungsleiterscheine gemacht hatte, reifte die Idee in ihr heran.

Heute bietet Perez-Fischer sportliche Andalusien-Urlaube für Frauen, Rentner und Diabetiskranke an. Sie könne Spanisch, Deutsch, habe alle nötigen Lizenzen und sei noch dazu ausgebildete Krankenschwester. „Leute, die sich normalerweise nicht trauen würden, allein zu verreisen und im Ausland dann auch noch Sport zu treiben, vertrauen mir“, erklärt die Gründerin das, was ihr Unternehmen einzigartig macht. Dank ihrer spanischen Herkunft kann sie mit den Hotelbetreibern die Preise verhandeln, ihre Schützlinge bei der Auswahl eines Gerichts von der Karte beraten und wenn wirklich mal etwas sein sollte, auch mit ins Krankenhaus fahren. Nachdem sie sich beruflich an verschiedenen Stationen ausprobiert hatte, hat sich Perez-Fischer mir ihrem Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes selbst verwirklicht. Die Kompetenzen, die sie in ihrer privaten und beruflichen Biographie erworben hat, kann sie nun endlich nutzen.

Hilfe für den Businessplan

Das persönliche Alleinstellungsmerkmal zu erkennen gelingt aber nicht allen Gründern mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen verwenden darauf nicht genug Zeit, weil sie aus der Arbeitslosigkeit heraus gründen. Stattdessen setzen sie auf das, was sich vermeintlich bei anderen bewährt hat. „Dass ihre Idee nicht tragfähig ist, weil sie keinerlei Wettbewerbsvorteil vor den Mitbewerbern haben, stellt sich spätestens heraus, wenn ein Businessplan erarbeitet wird“, sagt Ellen Bommersheim. „Der Businessplan ist eine Hürde, an der viele Gründer scheitern.“ Auch Babak Norooz hat sich deswegen bei seinem Businessplan von einem ehrenamtlichen Berater helfen lassen, einem Geschäftsmann der sich als sogenannter „Wirtschaftspate“ engagiert. Mit dessen Hilfe hat er aus seiner Idee und seinen speziellen Fähigkeiten ein tragfähiges Unternehmenskonzept erarbeitet.

Die viel größere Hürde war für Norooz der Gang zur Bank. Für Migranten ist der oft noch schwerer als für andere deutsche Gründer. „Als ich mit der Bank einen Kredit aushandeln wollte“, sagt Norooz, „da fragte mich der Angestellte: ’Und wer verspricht uns, dass Sie nicht das Geld nehmen und damit in den Iran abhauen?‘“ Norooz war baff. Monatelang hatte er mit seinem Wirtschaftspaten an seinem Businessplan gearbeitet, auch privat stand viel auf dem Spiel. Und dann so eine Frage. Was antwortet man da? „Gar nichts, man vertraut auf seine Geschäftsidee.“

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