Der Stempel wird fest und mit voller Wucht aufgedrückt. Abwaschen ist, wenn überhaupt, meist erst nach Jahren möglich. So lange prangern die Buchstaben an. Attila von Unruh kämpft gegen das Abstempeln, zieren ihn doch selbst noch die Zeichen aus einer vergangenen Zeit: „Gescheitert!“ Der Unternehmer musste sich 2005 eingestehen, bankrott zu sein. Mit 300.000 Euro haftete von Unruh durch eine persönliche Bürgschaft für seine schon zuvor veräußerte Event-Marketing-Agentur. Als Unternehmer gescheitert, war er nun mitten in der Privatpleite.
Im vergangenen Jahr meldeten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 23.000 Personen Insolvenz an, die vorher einer selbständigen Tätigkeit nachgingen. Hinzu kommen fast 32.000 Unternehmenspleiten. Die Möglichkeit des Scheiterns von Unternehmern gehört zu einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung dazu. Von Unruhs Erfahrung ist, dass sich damit aber niemand beschäftigen will. Scheitern bedeutet Versagen. Und Versager scheinen in einer erfolgsorientierten Gesellschaft nicht gebraucht zu werden.
In zehn Städten treffen sich die „anonymen Insolvenzer“
„Alleingelassen“ hat sich von Unruh gefühlt, als es höchste Zeit wurde, den Insolvenzverwalter einzuschalten. Er beteuert, weder unfähig im Umgang mit Geld noch fahrlässig in seinem Verhalten gewesen zu sein. Er habe schlicht dem Falschen vertraut. Da das niemand verstehe, verheimlichte von Unruh sein Scheitern zunächst den befreundeten Geschäftspartnern, mit denen es bis dahin regelmäßige Verabredungen gab. Von den Treffen blieb er fern. „Man hat sowieso kein Geld, etwas zusammen zu unternehmen“ sagt der heute Fünfzigjährige, „und ich wollte mich nicht aushalten lassen.“ Der Kontakt wurde gekappt. Juristen, mit denen Insolvenzer noch geschäftliche Verbindungen haben, sieht der Vater von zwei Kindern kritisch: „Mich hat mein damaliger Anwalt falsch beraten. Es ist so wahnsinnig schwer, verlässliche Informationen zu bekommen.“
Alleingelassen und überfordert, wachsen auch Suizidgedanken. Der Freitod des Unternehmers Adolf Merckle 2009 ist dafür ein prominentes Beispiele. „Extremfall“ nennt von Unruh den Tod Merckles. Um eben nicht in einer Isolation zu verschwinden, sind Ansprechpartner in einer solchen Situation wichtig. Deswegen gründete von Unruh vor vier Jahren den Bundesverband den (BV) INSO, die bundesweit erste Selbsthilfegruppe für Menschen vor und in Insolvenz. Die Gesprächskreise der „anonymen Insolvenzer“ treffen sich heute in neun deutschen Städten und in einer österreichischen Stadt.
Viele können nicht loslassen
„Hallo, ich bin Jürgen und stehe kurz vor der Insolvenz“, waren Anfang 2009 die ersten Worte des Unternehmers Jürgen Blass, heute 52 Jahre alt, im Kölner Gesprächskreis. Der Familienvater war seit zwei Jahrzehnten in der Zulieferbranche selbständig, als er sich nach Wirtschaftskrise und Umsatzeinbußen an den BV INSO wandte. Und das auch, obwohl er noch nicht insolvent war. „Ich habe mich einfach früh genug mit dem Thema beschäftigt. Die Insolvenz wurde ja drei Monate später angemeldet“, sagt der Diplom-Ingenieur. Durch das frühe Auseinandersetzen fand sich noch ein neuer Investor für das Unternehmen, auch wenn Blass dort heute nicht mehr arbeitet. Die meisten gescheiterten Unternehmer, so eine Studie des Zentrums für Insolvenz und Sanierung (ZIS) in Mannheim, handeln anders. Dort gaben 96 Prozent der Insolvenzverwalter an, dass Unternehmer die Hoffnung hegten, es werde „irgendwie von selbst wieder aufwärtsgehen“. Philosoph Hans-Jürgen Stöhr, der eine Agentur für gescheites Scheitern besitzt, erklärt diese Hoffnung: „Wer ist schon bereit loszulassen, wenn es noch ein Fünkchen Hoffnung gibt? Da regiert der Bauch und setzt den Kopf außer Kraft.“
Laut Studie stellen die meisten Unternehmer deshalb den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens nicht rechtzeitig. Blass macht im Gesprächskreis ähnliche Erfahrungen und sieht um sich herum zahlungsunfähige Unternehmer, die viel zu spät gehandelt haben: „Dann sind gestandene Männer, die nie Ärger mit dem Gesetz hatten, auf einmal wegen Insolvenzverschleppung dran.“ Die Angst vor Bloßstellung im Bekanntenkreis und in der Branche gilt als wichtiger Grund für dieses Verhalten. Nach einer im Jahr 2010 veröffentlichten Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung stellt neben den finanziellen Sorgen für rund die Hälfte der Betroffenen die Angst vor dem Reputationsverlust das größte Problem dar.
„Viele Freunde sind weg“
Diese Angst geht einher mit Rückzug von Geschäftspartnern, wie BV-INSO-Gründer von Unruh sie erlebt hat, aber auch mit dem, was Stephan Schramm berichtet: „Viele Freunde sind weg. Also die, von denen ich dachte, dass es Freunde seien.“ Der 47-Jährige hatte 10 Jahre gemeinsam mit seiner Frau eine Akademie für Gesundheitsberufe, bis er im vergangenen August die Umsatzeinbrüche nicht mehr abfangen konnte. Durch die Unternehmensinsolvenz verschwanden viele soziale Bindungen, ebenso wie die Altersvorsorge des Ehepaars. „Eine Situation, die einen in den Untergang treiben kann“, beschreibt Schramm den sozialen Rückzug parallel zum finanziellen Ruin. Für ihn ist der Kontakt zu anderen Insolventen deswegen sehr wichtig.
Noch immer droht dem Kaufmann zudem die Privatinsolvenz. Deshalb hat Schramm große Zukunftsangst. Anders als von Unruh, der mit dem BV-INSO eine neue Aufgabe hat, und auch als Blass, der nun als auf Krisen spezialisierte Unternehmensberater arbeitet, fehlt Schramm eine neue berufliche Perspektive. Nach mehren Monaten Arbeitslosigkeit ist er derzeit, befristet, als Herbergsvater tätig. „Ich habe 20 bis 30 Bewerbungen auf Stellen mit meinem Qualifikationsprofil geschrieben. Aber wenn sich ein ehemaliger Unternehmer bewirbt, wird man mit einer Insolvenz im Lebenslauf nicht mal mehr zum Vorstellungsgespräch eingeladen“, sagt Schramm. Probleme beim Neustart sehen rund ein Drittel der insolventen Unternehmer laut ZIW-Studie. „Das Stigma des Scheiterns“, so heißt es dort, „bewirkt, dass Folgeprojekten ehemals gescheiterter Unternehmer mindere Erfolgschancen zugebilligt werden.“
BV INSO-Gründer von Unruh kennt diese Schwierigkeiten. „Man bekommt kein Bankkonto, keine Büroanmietung, keine Kreditwürdigkeit, keinen Telefonvertrag. Da fällt es schwer, wieder Fuß zu fassen.“ Der ehemalige Unternehmer Blass meint, dass das Scheitern in Deutschland einer Krankheit gleiche, die man nicht loswerde. In anderen Kulturen sieht die Einstellung zum Scheitern anders aus. Der Wirtschaftsgeograph Rolf Sternberg glaubt, dass das Image gescheiterter Unternehmer nicht in allen Ländern so schlecht wie in Deutschland ist: „In den Vereinigten Staaten ist es quasi Pflicht, Schulden zu haben.“ Wer Schulden hat, zeigt, dass er Erfahrung hat. Von Unruh fordert deshalb: „Scheitern muss hier auch als Kompetenz und nicht als Makel gesehen werden.“ Er hat nach seiner Pleite einen Neuanfang geschafft, das Scheitern zum Thema der zweiten Chance gemacht und sie erfolgreich genutzt.
