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Weiterbildung Mit Papierfliegern auf die Präsentation

Wenn Erwachsene wieder auf der Schulbank sitzen, fühlen sie sich oft zurückversetzt in die achte Klasse. Und manche benehmen sich auch so. Die Lehrenden in der Erwachsenenbildung sind dann oft überfordert.

© Seuffert, Felix Vergrößern Mit Brainstorming zum Erfolg: So mancher Arbeitnehmer schmunzelt über solche Gedankenspiele, Trainer sind von ihrer Wirkung überzeugt.

Vorn bricht Frau Mischka in Tränen aus, schräg dahinter droht Herr Zidan Herrn Köhler Schläge an. Von hinten segelt ein Papierflieger quer durch den Raum, abgeschossen auf Tobias Schneiders Powerpoint-Präsentation. Bevor er auf dem White Board auftreffen kann, schnappt Schneider den Flieger aus der Luft. Er betrachtet das kunstvoll gefaltete Papier einen Moment lang. Dann zerknüllt er es wütend, nimmt seine Jacke, seine Zigaretten, und geht, ohne einen weiteren Blick auf die Klasse zu werfen, aus dem Raum. „Mein Kopf war absolut leer“, sagt Schneider heute. „Ich wusste nur, dass ich die Gruppe vollkommen verloren hatte.“

Die Gruppe - das war keine Mittelstufenschulklasse voll pubertierender Jugendlicher. Das waren erwachsene Menschen, Informatiker, ein gutes Dutzend, die beim Seminarleiter Schneider eine Fortbildung machen sollten. „Die Gruppe war nicht homogen. Fünf Leute kamen aus demselben Betrieb und dort gab es wohl Konflikte.“ Doch Schneider weiß, dass die Eskalation damit nicht zu entschuldigen ist: Er hätte an den ersten zwei Tagen stärker auf die schlechte Stimmung eingehen müssen. Und nie, niemals hätte er den Seminarraum verlassen dürfen. „Ich war unprofessionell.“ Er und die Teilnehmer heißen in Wahrheit anders.

Umfassende pädagogische Kompetenzen sind nötig

Vielleicht ging seine Lehrtätigkeit trotz jahrelanger Erfahrung schief, weil der 39 Jahre alte Informatiker kein ausgebildeter Pädagoge ist. „Die Lehrenden in der Erwachsenenbildung sollten grundsätzlich umfassende pädagogische Kompetenzen erwerben“, sagt Monika Tröster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn. „Sie müssen zum Beispiel über Interaktionsgeschehen in Gruppen Bescheid wissen und Lernprozesse analysieren können.“ Auch der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried pocht darauf, dass man die Erwachsenen in pädagogischer Hinsicht nicht vernachlässigen darf: „Eine gute didaktische Vermittlung der Lerninhalte ist bei Erwachsenen genauso wichtig wie bei Schülern.“ In der Grundschule sei die Didaktik am besten, in der Erwachsenenbildung dagegen noch nicht so etabliert. Das bedeutet Nachholbedarf für einen Bildungszweig, der wächst. Bildung im Erwachsenenalter ist nicht mehr nur etwas für Menschen, die in ihrem erlernten Beruf keine Arbeit mehr finden und umsatteln müssen. Im Weiterbildungsbericht 2011 hat das Statistische Bundesamt ermittelt, dass knapp die Hälfte der Erwerbstätigen, die sich fortbilden, die Hochschul- oder Fachhochschulreife hat. Ein Drittel hat studiert. „Lebenslanges Lernen“ ist eine Losung, die Bildungspolitiker und Arbeitsforscher schon vor Jahren als unerlässlich für den Wirtschaftsstandort Deutschland ausgerufen haben.

Dass Weiterbildung wichtig ist, darüber sind sich alle einig. Wie sie konkret auszusehen hat, ist dagegen unklar. Vor allem fehlen verbindliche Qualifikationsstandards für die Ausbilder. Forschungseinrichtungen wie das DIE arbeiten daran. Doch zurzeit kann im Prinzip jeder sein Wissen zur Vermittlung anbieten. Und so mancher Akteur auf dem Markt für Weiterbildung hat als Dozent seine missglückte Berufslaufbahn auf Erfolgskurs gedreht. Es besteht die Gefahr, dass Unternehmen, der Staat oder freiwillige Erwerbstätige, die in Weiterbildung investieren, ihr Geld zum Fenster hinauswerfen.

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„Ein gutes Sozialklima erzeugt die besten Lernergebnisse - auch bei Erwachsenen“, sagt Seifried. „Dafür muss der Ausbilder sorgen.“ Jedoch: Liegt es allein am Lehrer, für ein anständiges Miteinander zu sorgen? Kann man nicht von Erwachsenen erwarten, dass sie sich ihres Alters würdig verhalten und nicht auf ein Achte-Klasse-Niveau zurückfallen? „Wenn Menschen zusammenkommen, werden Gruppendynamiken in Gang gesetzt. Es geht immer auch darum, dass wechselseitige soziale Bedürfnisse befriedigt werden“, erklärt Monika Tröster.

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Veröffentlicht: 01.11.2012, 06:00 Uhr