Vorn bricht Frau Mischka in Tränen aus, schräg dahinter droht Herr Zidan Herrn Köhler Schläge an. Von hinten segelt ein Papierflieger quer durch den Raum, abgeschossen auf Tobias Schneiders Powerpoint-Präsentation. Bevor er auf dem White Board auftreffen kann, schnappt Schneider den Flieger aus der Luft. Er betrachtet das kunstvoll gefaltete Papier einen Moment lang. Dann zerknüllt er es wütend, nimmt seine Jacke, seine Zigaretten, und geht, ohne einen weiteren Blick auf die Klasse zu werfen, aus dem Raum. „Mein Kopf war absolut leer“, sagt Schneider heute. „Ich wusste nur, dass ich die Gruppe vollkommen verloren hatte.“
Die Gruppe - das war keine Mittelstufenschulklasse voll pubertierender Jugendlicher. Das waren erwachsene Menschen, Informatiker, ein gutes Dutzend, die beim Seminarleiter Schneider eine Fortbildung machen sollten. „Die Gruppe war nicht homogen. Fünf Leute kamen aus demselben Betrieb und dort gab es wohl Konflikte.“ Doch Schneider weiß, dass die Eskalation damit nicht zu entschuldigen ist: Er hätte an den ersten zwei Tagen stärker auf die schlechte Stimmung eingehen müssen. Und nie, niemals hätte er den Seminarraum verlassen dürfen. „Ich war unprofessionell.“ Er und die Teilnehmer heißen in Wahrheit anders.
Umfassende pädagogische Kompetenzen sind nötig
Vielleicht ging seine Lehrtätigkeit trotz jahrelanger Erfahrung schief, weil der 39 Jahre alte Informatiker kein ausgebildeter Pädagoge ist. „Die Lehrenden in der Erwachsenenbildung sollten grundsätzlich umfassende pädagogische Kompetenzen erwerben“, sagt Monika Tröster, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn. „Sie müssen zum Beispiel über Interaktionsgeschehen in Gruppen Bescheid wissen und Lernprozesse analysieren können.“ Auch der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried pocht darauf, dass man die Erwachsenen in pädagogischer Hinsicht nicht vernachlässigen darf: „Eine gute didaktische Vermittlung der Lerninhalte ist bei Erwachsenen genauso wichtig wie bei Schülern.“ In der Grundschule sei die Didaktik am besten, in der Erwachsenenbildung dagegen noch nicht so etabliert. Das bedeutet Nachholbedarf für einen Bildungszweig, der wächst. Bildung im Erwachsenenalter ist nicht mehr nur etwas für Menschen, die in ihrem erlernten Beruf keine Arbeit mehr finden und umsatteln müssen. Im Weiterbildungsbericht 2011 hat das Statistische Bundesamt ermittelt, dass knapp die Hälfte der Erwerbstätigen, die sich fortbilden, die Hochschul- oder Fachhochschulreife hat. Ein Drittel hat studiert. „Lebenslanges Lernen“ ist eine Losung, die Bildungspolitiker und Arbeitsforscher schon vor Jahren als unerlässlich für den Wirtschaftsstandort Deutschland ausgerufen haben.
Dass Weiterbildung wichtig ist, darüber sind sich alle einig. Wie sie konkret auszusehen hat, ist dagegen unklar. Vor allem fehlen verbindliche Qualifikationsstandards für die Ausbilder. Forschungseinrichtungen wie das DIE arbeiten daran. Doch zurzeit kann im Prinzip jeder sein Wissen zur Vermittlung anbieten. Und so mancher Akteur auf dem Markt für Weiterbildung hat als Dozent seine missglückte Berufslaufbahn auf Erfolgskurs gedreht. Es besteht die Gefahr, dass Unternehmen, der Staat oder freiwillige Erwerbstätige, die in Weiterbildung investieren, ihr Geld zum Fenster hinauswerfen.
„Ein gutes Sozialklima erzeugt die besten Lernergebnisse - auch bei Erwachsenen“, sagt Seifried. „Dafür muss der Ausbilder sorgen.“ Jedoch: Liegt es allein am Lehrer, für ein anständiges Miteinander zu sorgen? Kann man nicht von Erwachsenen erwarten, dass sie sich ihres Alters würdig verhalten und nicht auf ein Achte-Klasse-Niveau zurückfallen? „Wenn Menschen zusammenkommen, werden Gruppendynamiken in Gang gesetzt. Es geht immer auch darum, dass wechselseitige soziale Bedürfnisse befriedigt werden“, erklärt Monika Tröster.
Wissenschaftler sprechen von einem Phasenmodell der Gruppe. Eine der Phasen heißt „Storming“, in der es etwas stürmischer zugeht. Es ist das Stadium, in dem die Teilnehmer anfangen, sich gegenseitig auszutesten, Reibung zu erzeugen. Es werden Meinungen und Positionen ausgetauscht, es kommt zur Cliquenbildung und zu Konkurrenzen. Ein guter Gruppenführer erkennt das und sorgt dafür, dass nach dem „Storming“ ein „Norming“ folgt: Das Definieren gemeinsamer Ziele und Verhaltensregeln. Zu denken, so viel pädagogische Fürsorge sei Kinderkram, ist falsch. Mehr noch als Jugendliche und Kinder werden Ältere von ihren Ängsten bestimmt. Manche schlechten Erfahrungen aus der Schulzeit werden in Fortbildungssituationen aktiviert und führen zu Unsicherheiten. „Wenn Menschen unsicher werden, entwickeln sie eine Abwehrhaltung“, sagt Schulpsychologe Seifried. Das kann zu Verweigerungshaltungen gegenüber dem Seminarleiter führen, so kindisch sich das auch anhört. „Es ist Aufgabe des Moderators, den Teilnehmern die Ängste zu nehmen.“
Freiwillig oder unfreiwillig - das ist oft entscheidend
In Tobias Schneiders Seminar kam noch ein Konfliktfaktor hinzu: Die Teilnehmer waren alle von ihren Arbeitgebern zu der Fortbildung verpflichtet worden. Manchmal gehe das nicht anders, aber Zwang sei nie gut, sagt Walter Schaff, Personalverantwortlicher bei Daimler Financial Services. Bei der Tochtergesellschaft des Stuttgarter Automobilbauers mit rund 7000 Beschäftigten wird das Thema Weiterbildung großgeschrieben, die meisten Mitarbeiter machen mindestens einmal im Jahr eine Qualifizierungsmaßnahme, manche auch deutlich mehr. Alles freiwillig. „Jemanden zu einem Training zu verdonnern, ist aus dem Fenster geschmissenes Geld“, sagt Schaff. Entscheidend für den Bildungserfolg ist die Motivation des Einzelnen - und die hänge eben stark davon ab, wie gut die Kurse zu den individuellen Lerninteressen passen. Bei dem schwäbischen Finanzdienstleister legen deshalb die Mitarbeiter mit ihren Vorgesetzten einmal im Jahr fest, wie sich jeder im Folgejahr weiterbilden kann. Das ist Teil des individuellen Entwicklungsplans.
Sitzen Menschen dennoch unmotiviert in der Fortbildung, ist der Ausbilder gefragt. Er muss die Barrieren aufbrechen, Neugierde und Vertrauen schaffen. Dafür gibt es simple Übungen, wie etwa die, dass jeder Teilnehmer sich kurz vorstellt und auch noch sagt, was er gern oder gar nicht gern isst. Man muss aber darauf achten, dass es des Guten nicht zu viel wird. Wer etwa bei Medizinern, die sich ständig fortbilden müssen, das gute alte Wollknäuel für die Begrüßungsrunde auspackt, wird Augenverdrehen ernten. Und Schwierigkeiten haben, sich Respekt zu verschaffen.
Lehrer in der Erwachsenenbildung können viel falsch machen. Ein Gruppenleiter muss die Ängste und Schwingungen in der Gruppe spüren und zum Thema machen, da sind sich die Experten einig. Tobias Schneider selbst weiß das auch. „Es ist einfach total schiefgelaufen. Ich hatte zu viele Projekte gleichzeitig und Stress zu Hause, da war ich den Teilnehmern wirklich kein guter Lehrer.“ Schneider kehrte damals übrigens zurück. Die Teilnehmer saßen noch verdattert im Raum. Zidan und Köhler hatten sich nicht geprügelt. Schneider sprach darüber, was passiert war. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie gehen können, wenn sie möchten.“ Für ihn hätte das bedeutet, dass er den Arbeitgebern das Geld und auch den Arbeitsausfall hätte erstatten müssen. Aber keiner ging, und es wurde dann doch noch eine recht würdige Veranstaltung. Seminare gibt Schneider jedoch heute nicht mehr.
Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) hat zusammen mit verschiedenen Verbänden der Weiterbildung und Stiftung Warentest eine Checkliste erstellt:
- Ziele festlegen: Man sollte sich von vornherein klarmachen, warum man eine Fortbildung machen möchte und welche Kompetenzen man schon mitbringt. Es ist hilfreich, sich früh zu überlegen, welcher Lerntyp man ist, wie der zeitliche und finanzielle Rahmen gesteckt ist, und ob Förderprogramme in Frage kommen.
- Überblick verschaffen: Am besten informiert man sich darüber, was es alles gibt bei einer Bildungseinrichtung am eigenen Wohnort. Ansonsten: Gespräche mit der Personalabteilung im eigenen Betrieb führen; Gespräche mit Beratungsstellen, etwa der Arbeitsagentur oder einer Kammer; Weiterbildungsdatenbanken im Internet durchforsten.
- Qualität des Angebots prüfen: Gibt es viele Informationen über den Anbieter und das Angebot? Gibt es Ansprechpartner? Kann man die Lernerfolge abprüfen? Sind die Ausbilder fachlich und pädagogisch qualifiziert?
- Qualität des Anbieters prüfen: Neben Zertifikaten und Gütesiegeln, die Anbieter zum Teil ausweisen, zählt vor allem der persönliche Eindruck. Näheres unter www.die-bonn.de/checkliste
Schafft das unglueckliche Piloten ?
Egon Weissmann (EgonOne)
- 03.11.2012, 02:41 Uhr
