03.12.2006 · Wenn der Controller baggert, der Chef flirtet und die Sekretärin juchzt, dann ist wieder Weihnachtsfeier. Und das ist auch nicht leicht. Vor allem der Tag danach kann das Grauen sein.
Von Gunda AchterholdDer Tag danach kann das Grauen sein. Die Kollegen streichen merkwürdig verklemmt durch die Gänge. "Der Peter" heißt auf einmal wieder "Dr. Schmidt". Und nach der Soloeinlage auf dem glatten Parkett schmerzt das Knie.
Dabei war's am Abend noch so nett. Aufgeräumte Stimmung, Prosecco für alle und mit dem Abteilungsleiter auf du und du. Kein Ereignis wirkt auf den Flurfunk belebender als das betriebliche Tête-à-tête zum Jahresende. Kaum brennt das erste Kerzchen im Advent, geht's im Intranet schon rund. Bowlingbahn oder Tombola? Stylish im Schein von Neonröhren oder doch lieber umrahmt von Adventsschmuck?
Immer auch kleine Beweisproben
Das Spektrum vorweihnachtlicher Zusammenkünfte ist groß. Eines ist allen gemeinsam: "Weihnachtsfeiern sind immer auch kleine Beweisproben", stellt Thomas Rübl vom Berliner Büro für Berufsstrategie fest. Und manchmal sind es auch Mutproben.
Höher, schneller, weiter: Nach Jahren flauer Konjunktur registrieren Veranstaltungsagenturen bei Konzernen wie Mittelständlern auch in der Adventszeit wieder ein zunehmendes Interesse an ungewöhnlichen Orten und Erlebnissen. Je innovativer das Team, desto größer das Event, so Fritz Schladitz von der Jochen Schweizer Agentur für Actionmarketing.
BMW schickt seine Finance Group in den hüpfburgähnlichen Human Kicker, die Wirtschaftsprüfer von KPMG versenken sich in der respekteinflößenden Metallröhre des Weltmeisterbobs und stürzen sich in die Berchtesgadener Olympiastrecke. Während andernorts noch gewichtelt wird, marschieren ganze Teams im Turbo-Tempo gewandter Huskies durch den oberbayerischen Wald.
Doch nicht nur die Aussicht auf ein Kletter-Event bei Minustemperaturen kann schweißtreibend sein. Auch beim Gedanken an Karaoke-Einlagen vor der Geschäftsführung erwägt manch einer ein ärztliches Attest. Alphatierchen und Angsthasen lassen sich bei Weihnachtsveranstaltungen aller Art aufs schönste auseinanderdividieren.
Selten ein Karriere-Sprungbrett
Als Karriere-Sprungbrett werden die obligatorischen Events zum Jahresende selten gesehen. Dabei sind sie weit mehr als ein geselliges Beisammensein, bei dem sich die Belegschaft - vom Praktikanten bis zum Vorstandsvorsitzenden - auch mal von einer lockeren Seite zeigen kann.
Im spontan Mitmenschlichen lauern Fallen - vor allem für neue Mitarbeiter. Wer die internen Spielregeln nicht kennt, wird leicht zum nächsten Opfer von Klatsch und Tratsch. "Viele Berufseinsteiger fühlen sich sehr unsicher, wenn sie zum ersten Mal an einer Betriebsfeier teilnehmen", so Rübl. Sie kennen die Strukturen nicht, tun sich oft schwer mit Small talk und fühlen sich spontanen Verbrüderungsaktionen sonst eher reservierter Kollegen gegenüber ratlos.
"Es ist ein Balanceakt", betont der Berliner Karriereberater. "Wie vermittele ich Nähe, ohne zu viel von mir zu verraten?" Ein aufgeschlossenes Auftreten ist unbedingt erwünscht. Aber in Maßen. Schließlich sitzen auch die Chefs mit am Tisch. Und die beobachten sehr genau, wie sich ihre Mitarbeiter im halbprivaten Kreis verhalten. Wer sich großzügig am Buffet bedient, dem Kellner behende die Flasche entwendet oder eine Zigarette nach der anderen raucht, offenbart schnell, daß er seine Gelüste nicht im Griff hat.
Doch auch zurückhaltendere Naturen landen schnell auf dem Glatteis. Wer mitten aus dem stressigen Tagesgeschäft kommt, mit leerem Magen, weil es abends etwas Gutes gibt, und den Tag über wenig getrunken hat, macht gleich zwei Kardinalfehler. Ein, zwei Gläschen, und die Kontrolle ist dahin, eine wichtige Chance vertan.
Die Teilnehmer sind schließlich keine Statisten, sondern haben die seltene Möglichkeit, im großen Kreis einen positiven und sympathischen Eindruck zu hinterlassen. Auf Betriebsfeiern können sich Mitarbeiter bestens für höhere Aufgaben empfehlen, betonen Jobexperten unisono.
Gehaltserhöhung in diesem Rahmen absolut tabu
Mit einer witzigen Rede, einem originellen Beitrag oder einfach einem angenehm lockeren Auftreten werden bei dieser Gelegenheit selbst die Neuen von ganz oben wahrgenommen. Wem es gelingt, endlich einmal den Bereichsleiter zu einem persönlichen Gespräch zu gewinnen oder mit dem Personalchef ein paar Worte zu wechseln, läßt die eigenen Interessen allerdings peinlich aus dem Spiel.
Die superinteressante Position im Ausland oder eine längst fällige Gehaltserhöhung sind in diesem Rahmen absolut tabu. Es sei denn, der Chef selbst spricht die Karrierepläne an. In diesem Fall sollte man den Bogen aufgreifen, Interesse signalisieren - und die Details auf einen geeigneteren Zeitpunkt vertagen.
Wer sich dazu hinreißen läßt, die Gunst der Stunde zu nutzen, um mit seinen Vorstellungen voll loszulegen, demonstriert Planlosigkeit und läßt nicht nur im persönlichen Umgang auf Defizite schließen. Vorgesetzte übertragen das Verhalten ihrer Mitarbeiter auf die Beziehung zum Kunden. Und wenn die Verkaufsgespräche ähnlich plump ablaufen - Pech gehabt.
Schuld am lockeren Mundwerk ist meistens der Alkohol. Hochprozentiges fließt nicht selten in Strömen, die Stimmung steigt und entlockt selbst Autoritätspersonen gelegentlich ein eher enthemmtes Verhalten. Wer von seinem Chef mit gelöster Zunge das "Du" angeboten bekommt, darf sich nicht zu schnell über die extrem flachen Hierarchien im Unternehmen freuen. Chefs sind von Natur aus einsam und wollen diese Tatsache wenigstens zu Advent vergessen. Deshalb suchen sie Nähe, die im normalen Alltag nur stört. Zu keinem anderen Zeitpunkt ist der Flirt-Faktor am Arbeitsplatz so hoch. Berühmt-berüchtigt sind die vorweihnachtlichen Aktivitäten nicht erst seit der legendären Feier beim FC Bayern, die neun Monate später Früchte im Hause Beckenbauer trug. Und dabei sind die Vorsätze so gut. Laut einer Umfrage des Karriere-Netzwerks Monster lehnt mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland Küsse auf Weihnachtsfeiern kategorisch ab. Zumindest offiziell.
Annäherungsversuche keine Seltenheit
In der Praxis sind Annäherungsversuche auf Firmenfeiern keine Seltenheit. Vor notorischen Kavalieren hilft nur die möglichst elegante Flucht in die Gesellschaft anderer. "Oder man zieht das rote Kärtchen, auf dem draufsteht: AGG", lacht der Brühler Anwalt Michael W. Felser. Wie sich das in diesem Jahr beschlossene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufs betriebsinterne Halali auswirken wird, wissen nicht einmal die Arbeitsrechtler. Auf jeden Fall haben sich die Spielregeln für notorische Kavaliere verschärft. Schon das subjektive Empfinden sexueller Belästigung kann zu einer Klage führen. "Da weiß man eben nie, wie sich die Sache entwickelt", warnt Felser.
Das Risiko, den Tag danach mit Kopfschmerzen und Kündigung zu erleben, sei ohnehin unkalkulierbarer als vielfach vermutet. Nicht nur wer den Chef direkt beleidigt, riskiert eine fristlose Entlassung. Auch im Kreise der Kollegen sollte die Meinungsfreiheit nicht zu deutlich ausgereizt werden. Wer am Tisch zu laut über die Führung schimpft, begibt sich auf dünnes Eis. Das Landgericht Rheinland-Pfalz hat gerade eine Kündigung aus diesem Grund akzeptiert.