03.01.2012 · Ob im Sandkasten oder im Berufsleben: Vorbilder können helfen, die eigene Position zu bestimmen. Vorausgesetzt, man kopiert sie nicht naiv.
Von Ursula KalsKinder theoretisieren nicht groß herum, sondern entscheiden sich leicht für ein Rollenvorbild. Ob das nun „Bob der Baumeister“ im Baufieber, „Prinzessin Lillifee“ im Rosarausch oder die netteste aller Erzieherinnen ist. Dahin strebt der Nachwuchs. Anschaulich zu beobachten ist die Sache mit dem Vorbild beim feierlichen Einlauf auf dem Fußballfeld, wenn auserwählte Kickerknirpse an der Hand ihres Sportidols ins Stadion schweben und sich in anderen Sphären wähnen: Mit Mario Gómez in die Allianz Arena einzuziehen beschert den bis dahin erhebendsten Moment im Leben. Das rührt die Fußballnation. Dem Auserwählten der D-Jugend stockt derweil der Atem und enthusiasmiert ihn fortan so, dass er noch eifriger im TSV Posemuckel kickt und bei eisigem Nordwind durch den Matsch grätscht wie kein anderer. Denn er will ja Super-Mario beerben. Und er hat erkannt, was der Frankfurter Psychologieprofessor Henning Haase bekräftigt: „Bei Vorbildern geht es nicht nur um Nachahmung, sondern um Vergleichsprozesse, also ein Referenzmodell, eine Benchmark, an der man misst, wo man steht. Selbstverständlich sind junge Leute viel stärker darauf angewiesen.“
Von Menschen, die wir bewundern, mit denen wir uns identifizieren, lernen wir viel und leicht. „Nachahmen ist Entwickeln in eine vorbildliche Lebensrichtung“, hat Albert Schweitzer gesagt. Manchmal geschieht das unbewusst, dann nämlich, wenn wir im sozialen Umfeld, also von Eltern oder der vielzitierten Peergroup, deren Verhalten nachahmen. Manchmal aber imponieren uns Menschen, die uns überhaupt nicht nahestehen, die wir aber als Modell wählen, weil sie bei uns ganz persönlich hohes Ansehen genießen.
„Denn andere Menschen zeigen uns, was in dieser Welt so möglich ist. Wir brauchen ein realistisches Selbst- und Weltbild, dabei können Vorbilder helfen“, sagt Rainer Dollase. Der Bielefelder Psychologieprofessor ergänzt allerdings kritisch: „Man macht sein trauriges, einfaches Leben ein bisschen glanzvoller, holt sich Elemente des Glücklichseins, wenn man zum Beispiel Fan von Diana oder William und Kate ist. Ich sonne mich im Ruhm meiner Idole. Dann kann ich Konkurrenten in meiner Gegend abwehren, gegen mein Vorbild ist das ja alles nichts.“ Dollase zitiert den Psychologen Robert A. Wicklund, der den Begriff von der „symbolischen Selbstergänzung“ geprägt hat.
Das funktioniert natürlich auch im Berufsleben, erklärt die Berliner Wirtschaftspsychologin Brigitte Scheidt: „Ein berufliches Vorbild zu haben gibt Halt und Orientierung. Nicht jeder hat ein Vorbild, manch einer mag auf den ersten Blick keine Vorbilder, wobei viele davon ausgehen, dass Vorbilder ,ideale Menschen’ sein müssten, denen man nacheifern kann.“ Orientierung bieten aber natürlich auch Menschen, die nicht prominent sind. „Als Karriereberaterin rate ich dennoch immer dazu, sich nach Vorbildern umzutun, um damit ,sich auf die Spur’ zu kommen.“ Vorbilder stünden so verstanden für Fähigkeiten. In der Beratung frage sie daher immer nach: „Gibt es real oder aus Büchern oder Filmen jemanden, den Sie bewundern oder den Sie in einem Teilbereich für beispielhaft halten? Was kann dieser Mensch, was Sie gerne können möchten?“ Diese Fragen helfen unter anderem bei einer beruflichen Neuorientierung, betont die psychologische Psychotherapeutin: „Über die Auswahl solcher Vorbilder können eigene Wünsche, Sehnsüchte wie auch Lernziele entdeckt oder bestätigt werden.“
Aus gutem Grund ist die Frage nach dem persönlichen Vorbild eine beliebte Fragenbogen-Bewerberfrage. „Man versucht, Leute so besser verstehen zu können. Manchmal erlebt man dann eine Selbstdarstellungstaktik, also so übertriebene Vorbilder, dass man nur noch den Kopf schütteln kann“, erklärt Henning Haase. Und natürlich gebe es auch materielle Vorbilder. „Ein starkes Konto kann auch ein Vorbild sein. Es geht um Sachverhalte in der Welt, die man für beneidens- und nachahmenswert hält.“ Was oder wer als Vorbild akzeptiert werde, sei gesellschaftlich wandelbar. Haase nennt ein Beispiel: „Die echten Bankiers sind keine Vorbilder für toughe Investmentbanker.“ Führungskräfte als Vorbilder hätten in Zeiten der Globalisierung ohnehin eine kurze Halbwertzeit: „Die Rolle als Patriarch lässt sich zwei, drei Jahre durchhalten. Die hohe Wechselquote der Topmanager zeugt davon. Die Globalisierung erfordert unterschiedliche Führungstypen. Wird jemand zum Beispiel nach Fernost versetzt, dann braucht man andere Tugenden, um dort als Vorbild zu dienen.“
Wer sich über den Diana-Kult, die Adelanbetung oder Kerzenaltäre für Michael Jackson erhebt und darüber, Fernsehstars quasi zu eigenen Bekannten zu küren, der sollte einen Blick in sein Bücherregal werfen. „Die Funktion der Vorbilder zieht sich durch Mythen und Sagen bis in die Gegenwart. Selbstverständlich finden wir in Lebensläufen von Personen Vorbilder“, sagt Haase. „Wir Intellektuellen lesen Biographien, das ist ein Schlüsselloch“, gibt sein Berufskollege Dollase selbstironisch zu bedenken. Der eloquente Psychologe ist bekennender Arno-Schmidt-Fan: Dieser habe auch auf dem Land in einer Studierstube gearbeitet. „So wie ich“, lacht Dollase und referiert mit amüsiertem Unterton: „Was ist das, ein Idol? Formt das mein Leben? Nicht direkt, aber es ist eine Stabilisierung, eine Erweiterung meines Selbst. Ich bepflastere mich, ich projiziere hinein, erfahre eine Aufwertung meiner selbst.“ Nämlich dann, wenn der in einem kleinen Ort bei Bielefeld lebende Wissenschaftler über Aufsätzen grübelt und sich in „einer Phase der Vergrabung“ befindet. Seinen Schmidt lese er dann geradezu „identifiziert“.
Es sei schließlich ein menschliches Bedürfnis, die Gesellschaft anderer zu suchen. „Wir mögen andere Menschen, auch wenn wir die nicht erreichen können“, erklärt er. Ein angenehmer Nebeneffekt: Vorbilder sind gegen das Scheitern in der Realität gefeit.
Zweifellos gibt es Menschen, die anfällig sind für Vorbilder, darunter nicht wenige, die Schwierigkeiten haben, ihre Rolle im Leben zu finden. „Das ist eine Frage des Selbstwertgefühls und auch eine Bildungsfrage“, erklärt Haase.
Dollase ist hingegen überzeugt, dass die meisten Menschen durchaus Bodenhaftung besitzen, gerade was prominente Vorbilder betrifft. „Auch einfache Leute wissen, dass das eine Schwärmerei ist und keine Realität. Das ist eine Ersatzbefriedigung, es ist schön, zu träumen, daran teilzunehmen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man so aufsteigt wie Diana, ist genealogisch nicht machbar.“ Schon kleine Kinder liebten Als-ob-Spiele. Da dient der Kochlöffel als Handy oder der Sandkastenfreund als Besetzung für das Vater-Mutter-Kind-Spiel. Und sie wissen genau, dass der Löffel eben kein Telefon ist und der Leon auch nicht der Papa. „Dass Phantasie nicht Realität ist, lernen die meisten“, sagt Rainer Dollase.
Wen man sich nun genau und vor allem warum man sich jemanden zum Vorbild erwählt, ist noch ein weites Feld der Forschung. Genau wie die Frage der Partnerwahl. „Da gibt es Scheinerklärungen, man sucht nach Ähnlichkeiten, nach Gegensätzen. Aber warum sich zwei verlieben, das ist archaisch und unaufgeklärt, das weiß man so genau nicht“, sagt Rainer Dollase.
Für Anselm Grün, Benediktinerpater und Bestsellerautor, ist der britische Theologe Anselm von Canterbury ein Vorbild: „Er wollte den Glauben erfahrbar und durchschaubar machen, um ihn zu verstehen. Das hat mich fasziniert.“
Roland Berger, Unternehmensberater, nennt seinen Vater, der 1938 aus der NSDAP austrat und 1944 und 1945 im KZ Dachau inhaftiert war, als sein moralisches Vorbild.
Der Rocksänger Peter Maffay blickt ebenso zu seinem Vater auf: „Er ist ein extrem guter Ratgeber, und die Zeit mit ihm ist sehr wertvoll verbrachte Zeit.“
Heiner Geißler, CDU-Politiker, nennt Jesus als seinen einzigen Leitstern.
Christine Bortenlänger, Chefin der Münchner Börse, war von ihrer Grundschullehrerin fasziniert. Die Pädagogin ist Mutter von drei Kindern, engagiert und fröhlich.
Daniel Wall, Vorstandsvorsitzender des Berliner Spezialisten für Stadtmöblierung und Außenwerbung Wall, bezeichnet Apple-Gründer Steve Jobs als seine Leitfigur.
Erich Sixt, Chef der Autovermietung, hat sich am amerikanischen Investor Warren Buffett orientiert.
Für Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und Wirtschaftsprofessor, ist Martin Luther King ein großes Vorbild. „Von ihm nahm ich das Gefühl mit, dass auch die Armen und Unterdrückten aufstehen und etwas erreichen können.“
Für Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin, war lange Zeit Pierre Brice als Winnetou ein Vorbild. Damals war sie allerdings zwölf Jahre alt.
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Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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