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Verrückte Versicherungen Die Policenstricker

16.11.2010 ·  Der Kundenwunsch ist ihnen Befehl: Spezialisierte Makler vertreiben Versicherungen gegen den Verlust der Haarpracht und des Geschmackssinns. Oder gegen das Risiko eines Cyberangriffs.

Von Philipp Krohn
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Wenn die Haarpracht zur Einkommensquelle wird, muss das Haupt gut geschützt werden. Troy Polamalu trägt seine üppige Mähne, die in einem Jahrzehnt friseurfreier Zeit gewachsen ist, zumindest im Eifer des Gefechts meist unter einem Helm. So richtig sicher aber sind die wertvollen dunklen Locken des American-Football-Stars dort nicht. Denn sie sind so lang, dass sie unter der Haube hindurchwehen, wenn der Verteidiger zu einem seiner Ausflüge in des Gegners Hälfte startet. Manch einer hat den Spieler der Pittsburgh Steelers mit der Rückennummer 43 schon am Schopf gepackt, um ihn aufzuhalten.

Der Kalifornier setzt sich damit einem Risiko aus, denn er ist Werbeträger der Shampoomarke Head & Shoulders. Zusätzlich zum Helm schützt deshalb seit Ende August eine Police der Londoner Versicherungsbörse Lloyd's über eine Million Dollar Polamalus Locken. „Wenn sein Haar beschädigt wird, droht ihm ein Einkommensverlust“, erklärt Jonathan Thomas, der als Underwriter des Watkins-Syndikats die Police entwickelt hat, den Sinn des Vertrags. Hat Polamalu einen Haarunfall, zahlt Lloyd's die Summe aus. „Aber nicht, wenn eine fremde Person die Haare absichtlich herauszieht oder sie in einem Nachtclub in Brand gesteckt werden“, präzisiert Thomas. Wie genau der Versicherungsfall definiert ist, gibt der Spezialist für individualisierte Kranken- und Unfallversicherungen indes nicht preis - Geschäftsgeheimnis!

Nasen von Parfümeuren und Knie von Fußballern

Seit 27 Jahren betreibt Thomas das Geschäft. Er hat Zungen von Weinsachverständigen, Nasen von Parfümeuren, Knie von Fußballern und Brüste von Schauspielerinnen versichert. „Wie für ein Gebäudegutachten benötige ich zunächst die Einschätzung eines Arztes über den Körperteil“, erklärt er sein Vorgehen. „Anschließend muss ich einen möglichst präzisen Weg finden, wie der Schaden bemessen wird, was gedeckt ist und was nicht.“ Die Prämie sei nicht allzu schwer zu kalkulieren. Sie müsse abgeleitet werden von allgemeineren Unfalldeckungen. „Zudem herrscht auf dem Markt nicht besonders viel Wettbewerb. Wenn ich eine Prämie festsetze, hat der Kunde also wenig andere Möglichkeiten, als zu zahlen“, sagt er.

Fast schon Standardware seien solche Policen, stichelt Jörg Bechert amüsiert. Er leitet beim Versicherungsmakler Aon Jauch & Hübener eine Denkfabrik mit elf Mitarbeitern, die Deckungskonzepte aushecken für solche Risiken, die bislang noch keiner auf der Rechnung hat. „Wer auf so etwas kommen will, darf nicht über Versicherungen nachdenken, sondern muss den Kunden fragen, was ihn nachts schlecht schlafen lässt“, sagt Bechert. Das seien seltener klassische Gefahren wie Feuer oder Unfälle. Eher schon das Risiko, dass ein chinesischer Wettbewerber in das eigene Computersystem eindringt und die intellektuellen Schätze des Unternehmens stiehlt. „Über Annahmen können wir den Schaden modellieren, der sich durch Umsatzeinbußen realisieren könnte“, sagt er. Mit der Unterstützung eines kompetenten Versicherers ließen sich schließlich sogar die schlimmsten Albträume rund um den drohenden Cyberangriff vermeiden.

Der deutsche Markt ist vergleichsweise konventionell

Noch ist die Deckung hypothetisch, aber bereit, sie zu entwickeln, wäre Bechert. „Solche Policen verkauft man nicht, denn es gibt weder einen Abnehmer- noch einen Anbietermarkt“, erklärt er. Spezialisierte Versicherungen müssten individuell gestrickt werden: sei es für einen Motorschlittenhersteller, der sich gegen mangelnden Schneefall absichert, oder den Windparkbetreiber, der Flauten in der Nordsee fürchtet. Dafür müsse man intensiv über Statistiken und Risiken nachdenken. Das heißt nicht, dass schräge Freaks sich die Policen in einem dunklen Statistiklabor ausdenken. „Niemand ist der alleinige Erfinder solcher Deckungen“, sagt der Makler. „Man muss die Expertise an einem Tisch zusammenbringen: den Kunden, der sein Risiko kennt; den Makler, der weiß, wie man so etwas stricken könnte; und den Versicherer, der bereit ist, das Risiko zu übernehmen.“

Den deutschen Markt hält er aber für vergleichsweise konventionell. Eine Haarpolice wie die des Footballstars Polamalu wurde kaum zufällig deshalb auch in London gezeichnet. Manchmal schwappen von dort aber Versicherungslösungen auf den deutschen Markt herüber. Vor gut einem Jahr hat sich Peter Bensmann mit Hansekuranz Kontor selbständig gemacht. Mit sieben Mitarbeitern hat der frühere Lloyd's-Mitarbeiter ein Versicherungskonzept entwickelt, mit dem sich Exporteure gegen Entführungen ihrer Mitarbeiter im Ausland schützen können. „Bis 1998 waren solche Policen in Deutschland gar nicht zulässig“, sagt Bensmann. „Der Bedarf wächst aber, weil wir ein Exportland sind. In China gab es im vergangenen Jahr 7000 Entführungen. Noch waren keine Ausländer dabei, das wird sich aber ändern.“

Individuelle Policen

Bensmanns Unternehmen ist ein Assekuradeur, ein Dienstleister, der Unternehmen zu Spezialversicherungen berät. Als Partner stellen die Ergo und die Gothaer den Versicherungsschutz bereit. Gebühren für Unterhändler, Dolmetscher- und Reisekosten, selbst die psychologische Betreuung der Familie und des Opfers sind gedeckt. Zu Bensmanns Produkt gehört aber noch mehr: die Vorbereitung der Reisen mit Krisenmanagern und Informationen über die Besonderheiten in einem Land. „In Mexiko-Stadt oder São Paulo ist das Express-Kidnapping üblich, um innerhalb von 24 Stunden zweimal Geld mit der Geldkarte abzuheben. Wer unnötige Gewalt vermeiden will, kann sich darauf gezielt vorbereiten“, sagt Bensmann. Für jeden Kunden wird der Tarif individuell nach Prominenz des Unternehmens, der Reiseregion, der Mitarbeiterzahl und der Deckungssumme kalkuliert. Um auf sich aufmerksam zu machen, wirbt Bensmann beispielsweise auf Außenwirtschaftsmessen.

Wie wahrscheinlich ein Schadensfall ist und wie hoch der drohende Verlust ausfallen könnte - das sind die zwei entscheidenden Kriterien für die individuellen Policen. Noch zu Lebzeiten von Prinzessin Diana verkaufte Watkins-Underwriter Jonathan Thomas eine Police, die die Wahrscheinlichkeit ihres Todes kalkulieren musste. Ein südafrikanischer Seifenhersteller hatte eine achtwöchige Werbekampagne mit einem Diana-Double geplant. Nun wollte das Unternehmen seine Kosten decken für den Fall, dass in der Zwischenzeit die Prinzessin ums Leben kommen und die Kampagne aus Pietätsgründen nicht lanciert werden könnte. „Wir wissen viel über Risiken, der Kunde muss aber bereit sein, die Informationen zu beschaffen“, sagt Thomas. Sein Schadensfall trat übrigens nicht ein. Der Unfalltod Prinzessin Dianas ereignete sich drei Jahre nach Vertragsende. Kaum eine Gefahr sei nicht versicherbar, resümiert Makler Bechert. „Je individueller und einzigartiger aber ein Risiko ist, desto mehr muss der Kunde gegenüber dem Makler offenlegen.“

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

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