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Verliebt am Arbeitsplatz Keine Küsse am Kopierer

22.10.2009 ·  Der Arbeitsplatz als Partnerbörse hat viele Vorteile: Auf neutralem Terrain kommen sich Mann und Frau ganz unauffällig näher. Aber die Liebe im Büro birgt auch Tücken. Vor allem, wenn sie wieder in die Brüche geht.

Von Ursula Kals
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Partnersuche im 21. Jahrhundert hat oft etwas Angestrengtes: Liebesanbahnungen im Internet sind längst gesellschaftsfähig, mehr als 100 Millionen Euro geben die Deutschen jährlich für die virtuelle Partnersuche aus. Romantik buchstabiert sich allerdings anders. Die smarte Fünfunddreißigjährige entpuppt sich nicht selten als frustrierte Vierzigjährige mit Torschlusspanik, den laut Selbstauskunft erfolgreichen IT-Spezialisten plagen Bauch und Bindungsängste. Nach mehr oder weniger aufrichtig verfassten Mails treffen sich die beiden und stehen unter gewaltigem Druck: Ist das der Mensch, mit dem ich mein Leben verbringen möchte?

Der Arbeitsplatz ist eine viel effizientere Kontaktbörse. „Grob gesehen, findet sich jedes dritte Ehepaar im Berufsleben“, sagt Stephan Lermer. Ähnlichkeit schaffe Sympathie, Kontakt schafft Sympathie, erklärt der promovierte Psychologe aus München. „Eine gute Abteilung ist wie eine gute Party. Man kann die Dame aus dem dritten Stock wohlwollend anflirten und fragen: Was machen Sie am Wochenende? Das geht auf der Straße so nicht.“ Außerdem bekomme man „eine Clearance“, sagt Lermer. „Der Arbeitgeber hat einen eingestellt, für sauber erklärt - schon dieses Wir-Gefühl schafft Nähe.“ Ein Gefühl von Nähe beschert außerdem der gemeinsame Außenfeind: Sich gegen den Druck von oben, den ekelhaften Chef oder nervige Kunden zu solidarisieren, das verbindet.

„Der Kollege wird gläsern“

„Es gibt eine ähnliche Basis, größeres Verständnis für besondere Arbeitszeiten, man muss nicht so viel erklären“, fasst Meike Müller zusammen, die als Führungskräfte-Coach in Berlin arbeitet. Den am Arbeitsplatz entstandenen Beziehungen werde deshalb eine hohe Haltbarkeit nachgesagt. Das liegt auch am „Abklopffaktor“, den Müller so beschreibt: „Bevor man ein Paar wird, gibt es viele Situationen, den anderen kennenzulernen.“ Ganz unauffällig, quasi automatisch nimmt man sich gegenseitig in Augenschein. Wer kommt schon auf die Idee, dass der Gang zum Kopierer durch den Blick auf den hübschen Controller im Büro gegenüber versüßt wird? „Um den potentiellen Partner zu filtern, kann man das Umfeld befragen und über den Umweg des Sachthemas Kontakt aufnehmen“, hakt Stephan Lermer ein. „Der Kollege wird gläsern.“

Mit Kollegen verbringt man in der Regel mehr Zeit als mit Familie und Freunden. Und die sinnenvernebelnde rosarote Brille der Verliebten ist am Arbeitsplatz möglicherweise nicht ganz so rosarot gefärbt. Man sieht, wer überangepasst ist, wer unter Druck die Nerven verliert, wer souverän mit Problemen umgeht. In Beziehungsratgebern, ebenso banal wie auflagenstark, wird für die Partnerwahl etwa der Rotweintest empfohlen: Beim Ausgehen soll er ihr Wein übers Kleid schütten und sehen, wie sie reagiert. Lacht sie über den Patzer - oder flippt sie aus? „Humor ist eine große Basis für eine Partnerschaft. Wie humorvoll jemand ist, erlebt man in Unternehmen realistisch“, sagt Lermer dazu. Der Therapeut hält in Liebesdingen viel vom Prinzip „Survival of the Fittest“ - nicht um den Vorzug des Starken geht es ihm dabei, sondern um die Passung: Wie verhalten sich die Kompetenzprofile der Partner zueinander?

Doch nicht jeder Flirt unter Kollegen übersteht die Wochen nach dem Betriebsfest. Um nach einem verglühten Strohfeuer nicht von den Kollegen verspottet und vom Chef beschmunzelt zu werden, rät Lermer am Anfang zu Geheimhaltung. „Das ist psychohygienisch klüger.“ Zumindest drei, vier Monate sollten deshalb verstreichen, bevor die Arbeitskollegen informiert werden. Das wiederum ist sinnvoll, um Tratsch vorzubeugen. Je nach Temperament und Unternehmenskultur lässt sich das Ganze vielleicht sogar mit einem kleinen Umtrunk offiziell machen. Das sei der vielleicht wichtigste Tipp für verliebte Kollegen, findet Meike Müller. „Und hierbei auch den Vorgesetzten einbinden“, rät sie. „Hat ein neues Paar zufällig gemeinsam die Budgetverantwortung, kann es sinnvoll sein, sie auseinanderzusetzen.“

Mit offenen Worten gegen das Getuschel

Dass ein Chef zufällig als Letzter von der Putzfrau erfährt, dass Frau A. aus dem Vertrieb und Herr B. vom Einkauf jetzt ein Paar sind, ist unprofessionell. Und es geht ja gerade darum, das Private möglichst professionell abzufedern. Für Getuschel sorgen die Liebenden allein schon durch ihre Existenz. „Am besten, man formuliert die nicht ausgesprochenen Bedenken der Kollegen gleich selbst“, sagt Paartherapeut Lermer deshalb. „Wir trennen Berufliches und Privates voneinander und hoffen, Sie tun das auch. Wir trauen Ihnen zu, dass Sie damit leben können“ - so ließe sich das nach seiner Vorstellung über die Bühne bringen.

Noch sensibler zu handhaben sind Beziehungen zwischen sehr unterschiedlichen Hierarchieebenen. In einer Umfrage des Personalberaters Robert Half Finance & Accounting gaben 91 Prozent der Personal- und Finanzmanager an, Beziehungen am Arbeitsplatz in Ordnung zu finden. Kritisch allerdings werden Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern gesehen: Da könne es zu einem Missbrauch von Macht und Kompetenzen kommen. Das Klischee des Fünfziger-Jahre-Films schließlich, die in den Chef verliebte Sekretärin, wird heute meist begleitet von regelrechten Bösartigkeiten: Sieh an, die setzt ihre Beine ein, um seine Kreditkarte auszuführen. Tatsächlich ist das für reibungslose Arbeitsabläufe unabdingbare Vertrauensverhältnis ein guter Nährboden, sich menschlich nahezukommen. Umso eindringlicher warnt Meike Müller davor: „Wenn das auseinandergeht, steht der Mann oft als toller Hecht da, der Frau werden andere Motive als Liebe unterstellt. Der Imageverlust ist für den Hierarchieuntergebenen größer.“ Das gilt natürlich genauso für den jungen Krankenpfleger, der die gestandene Oberärztin liebt. Lermer rät auch hier dazu, offensiv mit den Gefühlen umzugehen und deutlich zu artikulieren, was die kritisch-spöttischen Kollegen denken sollen.

Das Zwei-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl ist unangebracht

Die Arbeitsleistung zu drosseln, den E-Mail-Eingang mit seligen Liebesbotschaften zu verstopfen und fortan turtelnd über die Flure zu schweben - das geht natürlich nicht, ganz gleich auf welcher Hierarchiestufe. Eine gute Idee ist es auch nicht, mit dem Liebsten ein Mittagessen beim Italiener einzuschieben, statt mit den Kollegen in die Kantine zu gehen. So verführerisch das Zwei-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl auch sein mag, es ist unangebracht und führt dazu, dass künftig beide vom Informationsfluss abgeschnitten werden. Die Gruppendynamik in einem Arbeitsteam verändert sich ohnehin. „Zu klüngeln und sich abzuschotten ist eine Gefahr, besonders für den weiblichen Teil“, warnt Meike Müller. „Privates hat privat zu bleiben. Das ist eine Herausforderung, hier größere Zurückhaltung zu üben“, sagt sie. Gerade Frauen sollten sich hüten, nur noch in Wir-Form zu sprechen und als Individuum nicht mehr greifbar zu sein.

Ein Freundeskreis außerhalb der Arbeitswelt ist nicht nur in dieser Situation besonders wichtig, sondern auch ein unverzichtbarer Rettungsanker für den Fall, dass es sich ausgeschäkert hat und die Beziehung endet. „Das Ritual, eine Probebeziehung zu führen - das geht in der Firma eben nicht“, warnt Stephan Lermer. Und Meike Müllers gutgemeinten Rat, sich vorher darüber zu einigen, wie beide sich verhalten, sollte die Beziehung scheitern, beherzigt kaum jemand. „Das ist so eine Vernunftsache, an die sich keiner hält“, gibt die Beraterin schmunzelnd zu. Wer verlassen worden ist, kämpft mitunter hart damit, seiner verflossenen Liebe Tag für Tag begegnen zu müssen. „Es kann sein, dass man sich nicht mehr erträgt am Arbeitsplatz“, sagt Lermer. Möglicherweise rettet ein Urlaub oder ein Wechsel in eine andere Abteilung über das Leid hinweg, das unter Umständen sogar in Hass umschlagen kann. Manchmal aber bleibt nur die Kündigung, um Seelenheil und Arbeitskraft wiederzuerlangen.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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