05.09.2009 · Die Unternehmerin Sabine Beer wollte lange Zeit kein Kind, sondern Karriere machen. Als sie ihre Meinung änderte, war es zu spät. Das Protokoll einer schwierigen Entscheidung.
Während meines Studiums hatte ich ein ziemlich klares Bild von mir: Ich bin eine Frau, die Karriere macht. Meine Eltern hatten ein größeres Unternehmen in Gütersloh, und ich - die älteste von drei Töchtern - sollte es später einmal übernehmen. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden, Biologie-Lehrerin, aber die Aussicht darauf, ein Unternehmen zu führen, fand ich toll. Als Frau so etwas zu machen, nicht wie meine Mutter Kinder großzuziehen - das hatte in den siebziger Jahren etwas Revolutionäres. Damals kam ich mir mit meiner Haltung sehr fortschrittlich vor. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ich sehr ich-fixiert und materialistisch war.
Doch dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Der Betrieb meiner Eltern musste Konkurs anmelden, genau in dem Jahr, in dem ich mit dem Studium fertig wurde. Das hat mein Bild von mir und meiner Zukunft radikal verändert. Auf einmal war ich nicht mehr „die Tochter von“, sondern die Nachfolgerin. Ich war Mitte zwanzig, Diplom-Betriebswirtin und musste mich neu definieren. Im Nachhinein betrachte ich das als großes Geschenk, weil ich mich sonst wahrscheinlich sehr einseitig karriereorientiert entwickelt hätte. Mit Geld von Freunden kauften meine Mutter und ich einen Teil des Betriebs aus der Insolvenzmasse zurück. Wir fingen ganz klein wieder von vorne an. Es war ein schönes Gefühl, etwas Eigenes zu schaffen, aber irgendwann merkte ich, dass ich aus der Enge Güterslohs herauswollte. Kinder waren immer noch kein Thema. Ich sah mich als Unternehmerin - mit dem Drang in die Großstadt.
Die biologische Uhr habe ich nicht ticken gehört
Ich zog nach Hamburg. Dort habe ich Mitte der achtziger Jahre im Alter von 30 Jahren meinen heutigen Mann kennengelernt. Durch ihn habe ich das erste Mal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, doch ein Kind zu bekommen. Mein Mann hatte aus seiner früheren Ehe eine Tochter, die damals sechs Jahre alt war. Und er wollte gerne noch ein Kind. Ich habe mir lange Zeit gelassen mit der Entscheidung. Mein Mann und ich gründeten unser Unternehmen Santaverde, wir waren viel unterwegs, bauten ökologisch bewirtschaftete Anbauflächen in Spanien und Brasilien auf, um den Rohstoff für unsere Kosmetika selbst herstellen zu können. Die biologische Uhr habe ich nicht ticken gehört, es gab ja viele Frauen, die auch mit vierzig noch ein Kind bekamen. Als meine Stieftochter zehn Jahre alt war und die Schule wechselte, zog sie zu uns. Das hat meine Entscheidung sicherlich beeinflusst. Wir wuchsen immer stärker zu einer Familie zusammen, und ich fand es großartig, einem jungen Menschen ins Leben zu helfen. Auf einen dicken Bauch und Stillen war ich nicht scharf.
Als ich mit Mitte dreißig dann tatsächlich auch den Wunsch nach einem eigenen Kind verspürte, als wir es darauf anlegten, dass ich schwanger wurde, da war es wohl schon zu spät. Auf jeden Fall hat es nicht mehr geklappt. In ein mentales Loch bin ich deswegen nicht gefallen. Wir hatten unsere Tochter, wir hatten unsere Firma. Auch mein Mann hat recht entspannt darauf reagiert, dass wir kein Kind mehr bekommen haben.
Letztlich ist alles eine Frage des Willens und der Organisation
Heute bin ich 54 Jahre alt, meine Stieftochter ist 30 und in der gleichen Situation, in der ich damals war. Mit einem Unterschied: Sie hat einen ausgeprägten Kinderwunsch. Gleichzeitig will sie weiterhin arbeiten. Ich bestärke sie darin, beides zu tun, das ist meines Erachtens eine große Errungenschaft in unserer westlichen Welt. Letztlich ist alles eine Frage des Willens und der Organisation. Ich würde aber schon sagen, dass es Selbständige in der Hinsicht einfacher haben. Man kann seine Zeit freier einteilen als in einem Großunternehmen. Außerdem sind Selbständige daran gewöhnt, dass es keine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit gibt.
In unserem Freundeskreis gibt es etliche Paare, die keine Kinder haben. Sie sind alle erfolgreich, zufrieden und genießen ihre Freiheit. Die Entscheidung hat keiner von ihnen bereut. Ich finde nicht, dass es die Aufgabe jeder Frau ist, Kinder zu bekommen. Wer sich auf seinen Beruf konzentriert, kann auch persönlich glücklich werden. Ich selbst ziehe viel Zufriedenheit daraus, dass mein Unternehmen Naturkosmetika produziert und damit einen Beitrag zu mehr Ökologie und fairen Arbeitsbedingungen leistet. Jede Frau, die in ihrem Beruf Werte wie Humanität und Rücksicht auf die Umwelt in das Wirtschaftsleben trägt, schafft einen Wert für die Gesellschaft. Und darum geht es.
Ich wollte, es gäbe...
René Kaiser (forsthauskaiser)
- 05.09.2009, 14:11 Uhr
@Kaiser - fehlende Konsequenz
Stefan Rubens (RubensStefan)
- 05.09.2009, 14:51 Uhr
Wenn die Frau zum Manne wird
Horst Trummler (Vandale6906)
- 05.09.2009, 16:58 Uhr
Ihre Meinung in allen Ehren, Frau Beer,
Peter Becker (sidewinderpeter)
- 06.09.2009, 18:35 Uhr
@Rubens - fehlende Konsequenz
René Kaiser (forsthauskaiser)
- 07.09.2009, 11:46 Uhr