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Unternehmensnachfolgerinnen Gestern Tochter, heute Chefin

 ·  Die Führung von Familienunternehmen war lange Zeit reine Männersache. Heute kommen auch Töchter und Ehefrauen an die Spitze - manchmal nicht ganz freiwillig. Um Anerkennung müssen sie besonders kämpfen.

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Es gibt Momente im Leben, die alles verändern. Nach denen nichts mehr so ist, wie es vorher war. Hannelore Kirchner hat schon einige Situationen erlebt, in denen sie nicht wusste, wie es weitergehen wird. Als die Berliner Mauer gebaut wurde und sie gerade in Thüringen in die Schule kam zum Beispiel. Oder nach der Wende, als ihr Mann ein Unternehmen in Ostdeutschland gründete und beide nach ihren eigenen Worten nicht so genau wussten, „was Marktwirtschaft überhaupt ist“. Und natürlich erinnert sich Hannelore Kirchner noch gut an jenen Novembertag vor dreizehn Jahren, an dem ihr Mann bei einem Autounfall starb. Seine Firma, die Kirchner Gabelstapler GmbH, brauchte zu dieser Zeit dringend neue Kredite. Hannelore Kirchner, die seit der Gründung als Buchhalterin in der Firma gearbeitet hatte, stand von einer Sekunde auf die andere vor dem Nichts.

Drei Tage nach dem Tod ihres Mannes entschied sich die Ingenieurin, das Unternehmen weiterzuführen. „Ich wäre niemals freiwillig in die erste Reihe gerückt“, sagt sie heute. „Aber in diesem Moment hatte ich Angst, dass ich alles verlieren würde, wenn ich es nicht versuche. Ich habe eine Krisensitzung einberufen und die Mitarbeiter gefragt, ob sie hinter mir stehen würden, wenn ich weitermache.“ Alle sagten ja und machten ihr Mut.

Misstrauisch waren nur die Banken. Hannelore Kirchner bekam keine Kredite für ihr Unternehmen. „Man hat mir wohl nicht zugetraut, dass ich das packe“, vermutet sie selbst. „Auch unsere japanischen Geschäftspartner von Toyota, bei denen wir Gabelstapler kaufen, hielten nichts von einer Frau als Chefin. Sie gaben mir anfangs nicht einmal die Hand.“ Heute ist Hannelore Kirchner 54 Jahre alt, die Probleme von damals hat sie bewältigt. Ob eins ihrer beiden Kinder später ins Unternehmen einsteigen wird, weiß sie noch nicht.

Jeder vierte Nachfolger ist weiblich

Etwa zwei Millionen Familienunternehmen mit einem Umsatz von mindestens 50.000 Euro im Jahr gibt es in Deutschland. Rund 70.000 davon werden jedes Jahr von Nachfolgern übernommen, etwa jeder vierte Nachfolger ist weiblich. Nach einer Studie der Sozialpsychologin Bettina Daser von der Universität Frankfurt behaupten sich die meisten Nachfolgerinnen - auch in männerdominierten Branchen. „Leider bekommen Frauen aber häufig nur dann eine Chance, wenn der Firmengründer stirbt und wenn es keine Söhne gibt, die Interesse am Unternehmen haben“, kritisiert Daser.

Auch Annette Kaltenbach landete auf diese Weise auf dem Chefsessel. Sie studierte Pädagogik und arbeitete danach für ein Jugendfilmzentrum in Remscheid. Als ihr Vater 1990 starb, übernahm sie den Scharnierhersteller Emil Kaltenbach GmbH in Ennepetal. In fünf Generationen Firmengeschichte ist die heute 57 Jahre alte Chefin die erste Frau an der Spitze. Vor allem im Personalbereich hat sie vieles verändert. „Mein Vater war ein Patriarch“, sagt sie. „Er hat das Unternehmen eher autoritär geführt. Ich verlange mehr Eigenverantwortung.“ Inzwischen kennt Annette Kaltenbach alle ihre Mitarbeiter persönlich, anfangs musste sie sich als Quereinsteigerin ihren Respekt allerdings erst erwerben. „In der Metallverarbeitung gehören Frauen nach wie vor zur Minderheit. Ich hatte zwar schon nach dem Studium nebenbei in der Firma gearbeitet, trotzdem hat mich die Belegschaft am Anfang getestet.“

In den Fußstapfen der Männer oder Väter

Die meisten Frauen, die in die Fußstapfen ihrer Männer oder Väter treten, müssen gegen Widerstände kämpfen. Das zeigt zumindest die Studie von Bettina Daser. „Erfolgreiche Nachfolgerinnen betrachten Bewährungsproben als Herausforderung. Viele kommen über den Umweg fachfremder Ausbildungen in die Führungsposition. Dafür haben sie aber gelernt, wie man sich schnell neues Wissen aneignet“, analysiert die Wissenschaftlerin. „Der Vorteil einer Übergabe vom Vater an die Tochter ist, dass der Wechsel konfliktärmer abläuft, weil Töchter nicht so stark mit ihren Vätern konkurrieren wie Söhne.“ Am einfachsten haben es der Studie zufolge diejenigen Frauen, die vor der Übernahme eine Weile mit ihrem Vorgänger zusammengearbeitet und ihm zu verstehen gegeben haben, dass sie seinen Rat auch nach der Übergabe schätzen werden. Denn gerade Gründern falle der Rückzug schwer, hat Bettina Daser festgestellt. „Schließlich sind Familienunternehmen meistens ihr Lebenswerk.“

Claudia Gläser wusste schon als Mädchen, dass sie eines Tages die Firma ihres Vaters leiten würde, der das Hydraulikunternehmen Gläser GmbH in Horb am Neckar gegründet hat. Sie ist 40 Jahre alt und hat keine Brüder, auf die Übernahme wurde sie schon früh vorbereitet. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Industriemechanikerin, danach studierte sie Maschinenbau an der Berufsakademie in Stuttgart. Nach ihrem Abschluss stieg sie ins Unternehmen ein, zuerst im Verkauf, dann als Geschäftsführerin. „Mein Vater ist noch Teilhaber und hat eine beratende Funktion“, sagt sie. „Er hat den Mitarbeitern gezeigt, dass er mir die Leitung zutraut. Das war ein Vorteil für mich. Wenn der Senior mit der Nachfolgerin zufrieden ist, akzeptieren Mitarbeiter den Wechsel leichter.“

„Das Weitertragen der Glut“

Barbara Fröbes Vater war strenger. Er gründete 1955 die Werbeagentur Liebscher GbR in Jena. Schon als Kind half seine heute 57 Jahre alte Tochter beim Ausschneiden von Papier für Layouts mit, später lernte sie von ihrem Vater das grafische Handwerk. „Mein Vater war Perfektionist und hatte einen guten Ruf in der Branche. Ich hatte das Gefühl, dass er mit mir viel kritischer ist als mit anderen Grafikern, die er ausgebildet hat“, sagt sie im Rückblick. 1992 übernahm sie die Agentur. „Mein Vater war krank und ist überraschend schnell gestorben. Wir haben nie über eine Übernahme gesprochen, nichts war vorbereitet. Für mich war das eine Last, und ich hatte Zweifel, ob ich alles genauso gut machen kann wie er.“

Die Erfahrung, dass eine Familientradition belastend sein kann, hat auch Annette Roeckl gemacht. Sie leitet das Unternehmen Roeckl Handschuhe & Accessoires, das ihr Ururgroßvater 1839 in München gegründet hat. Über die Jahre wuchs das Geschäft des Handschuhmachers, bald gehörten der bayerische Königshof und Kaiserin Sissi von Österreich zu den Kunden. Heute ist Roeckl in der Branche der europäische Marktführer, und Annette Roeckl, die sich lange gegen eine Übernahme der Firma sträubte, trägt die Verantwortung für rund 250 Mitarbeiter und Läden in 23 Städten. „Als ich jung war, kannte jeder in meinem Umfeld meine Familie“, berichtet die heute Zweiundvierzigjährige. „In der Nähe des Münchner Firmensitzes ist sogar ein Platz nach uns benannt.“ Roeckl war darüber alles andere als froh. „Aus Protest habe ich nie Handschuhe getragen“, sagt sie. „Ich wollte mich abgrenzen und habe Traditionen immer für etwas Verkrustetes gehalten.“ Nach einer Ausbildung zur Handelsfachwirtin sprang sie 1996 für ihre kranke Mutter ein, die zu dieser Zeit das Marketing leitete. „Damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mir das Unternehmen ans Herz wächst“, sagt Roeckl. „Ich hatte eine Aufgabe und musste zeigen, was ich kann.“ Obwohl sie drei Brüder hat, trat die alleinerziehende Mutter 2003 dann die Nachfolge ihres Vaters an. Mit den Mitarbeitern habe es keine größeren Probleme gegeben, sagt sie. Von einigen Geschäftspartnern habe sie allerdings skeptische Blicke geerntet.

Die Zweifler hat Annette Roeckl inzwischen mit ihrem Gespür für Trends, ihrem Qualitätsbewusstsein und ihrer Durchsetzungskraft überzeugt. Zugleich betont sie ihren „weiblichen, kooperativen Führungsstil“. Ihre Einstellung zu den alten Werten, für die ihr Unternehmen steht, hat sich geändert. „Tradition“, sagt sie, „ist nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weitertragen der Glut.“

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