Die unterirdische Begegnung auf dem Flur des Medienhauses ist Monate her, hat sich aber ins Gedächtnis der Berliner Webdesignerin gebrannt. Die neue Kollegin, nennen wir sie Laura Meier, überhäuft den Chef mit Komplimenten: Sein souveräner Auftritt vor Großkunde A., seine mutige Entscheidung im Fall B., überhaupt, seine vielen tollen Anregungen – die Liste der Lobhudeleien ist lang. „Mir haben die Ohren geklungen, wie die sich rangewanzt hat. Auf deren Schleimspur hätte man bis zum Konferenzraum gleiten können“, sagt die Webdesignerin, der die Empörung über so ein „liebedienerisches Verhalten dieses Chef-Zäpfchens“ auch jetzt noch ins gerötete Gesicht geschrieben steht.
Der Chef habe sich angesichts dieser unerwarteten Beifallsbekundung sichtlich unwohl gefühlt. Er habe den Monolog dann beendet. Dennoch scheint sich die Strategie der Egoschmeichlerin ausgezahlt zu haben. Sie hat einen Karrieresprung gemacht und betreut schon eigene Projekte. „Andere, zurückhaltendere Kollegen müssen darauf ein, zwei Jahre warten“, registriert ihre genervte Kollegin verärgert. „Als ich die Süßholzrasplerin auf ihr verlogenes Verhalten angesprochen habe, hat sie kühl lächelnd gemeint, ich solle mich ,locker machen’. Aber locker machen, wenn die jedem Kantinengang des Chefs auflauert, obwohl sie eigentlich auf Dauerdiät ist?“
Soll ich schleimen oder leisten?
Jeder kennt Laura Meier. Deren Katzbuckeln hat zunächst gesiegt. Vorgesetzte, die zwar betonen, bei ihnen zähle nur die Leistung, „und dann den größten Schleimer befördern, verunsichern uns: Soll ich schleimen oder leisten? Was wird denn nun belohnt?“, fragt die Managementtrainerin Gabriele Stöger aus Oberbayern und stellt fest: „Schleimerei ist auch eine Form von Leistung. Es muss nur klar und deutlich gesagt werden.“ Anfällig für Jasager sind eitle Chefs, die nach Bestätigung lechzen. „Eine Bemerkung wie ,der Kongress war perfekt vorbereitet’ reicht schon“, sagt Stöger.
Der Berliner Wirtschaftspsychologe Torsten Liemandt sieht dahinter „narzisstische Chef-Persönlichkeiten, für die es selbstwertstabilisierend ist, wenn sie unkritische Jasager um sich haben“. Mit moderner Führungsmethode, Partizipation und kooperativem Stil habe das natürlich „rein gar nichts zu tun“.
Umgang mit dem Chef ist eine Herausforderung, erklärt Karrierecoach Martin Wehrle aus Hamburg: „Einerseits will man sich weder andienen noch katzbuckeln. Andererseits möchte man aber auch nicht andere vorbeiziehen lassen, die nicht mehr auf dem Kasten haben, sondern nur einen besseren Draht nach oben!“
Der ernüchternde Effekt der bloßen Darstellung
Denn die Binsenweisheit bestätigt sich Tag für Tag: Leistung muss für Vorgesetzte sichtbar sein, und die Chemie muss stimmen. Ernüchternd ist das, was in der Psychologie „Effekt der bloßen Darstellung“ genannt wird – wir mögen Menschen allein dadurch, dass wir sie öfter sehen. „Es geht in unserer Kultur mehr darum, gesehen zu werden, als etwas zu leisten“, untermauert die Freisinger Psychotherapeutin Monika Stützle-Hebel.
Um das zu befeuern, bemühen sich Aufstiegswillige, Sympathiesignale Richtung Chefetage zu senden und bei jeder noch so drittrangigen Konferenz Präsenz zu zeigen. Und sie sind damit oft erfolgreich. Wer Vorgesetzten Komplimente macht, ist im Vorteil. Untersucht haben das die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Chad Higgins und Timothy Judge, indem sie 116 Studenten in Bewerbungsgesprächen beobachtet und später die Personalverantwortlichen befragt haben.
Den größten Erfolg hatten nicht die Selbstdarsteller, sondern diejenigen, die Komplimente machten und Gemeinsamkeiten subtil ins Gespräch einbauten. Gleich und gleich gesellt sich eben gern. Skifahrer finden Skifahrer sympathischer als aufgedunsene Genussmenschen.
Über die Witze des Chefs lachen – auch über die schlechten
So füttern Karrierebuchautoren ihre Leser mit zweifelhaften Tipps, dem Chef zu schmeicheln: den Weg über die Sekretärin wählen, im Vorzimmer den Vortrag des Chefs loben, in der Hoffnung, das wird später jenseits der Tür zitiert. Beim Chef Rat einholen, dabei immer glaubhaft machen, dass es um die Firmeninteressen geht, nicht um die eigenen. Außer-der-Reihe-Einsätze thematisieren und wie beiläufig erwähnen, an der Präsentation bis Mitternacht gearbeitet zu haben. Und natürlich über seine Witze lachen. Auch über die schlechten.
Aber allzu Willfährige, die ihr Rückgrat an der Pforte abgeben, leben riskant. Denn sie isolieren sich im Kollegenkreis. Und sie erleben möglicherweise nicht nur den Aufstieg ihres Vorgesetzten mit, „sondern auch die Abstürze“, warnt Karriereberater Wehrle.
Wirtschaftspsychologe Liemandt verweist auf ein Dissonanzerlebnis: „Wenn ich den Chef innerlich verachte, ihn aber äußerlich lobe, um Vorteile zu genießen, muss ich mich entscheiden, inwieweit ich mein Selbstbild aufrechterhalten kann.“ Allerdings räumt er ein: „Manche lassen das aus Selbstschutz gar nicht an sich ran. Das sind sehr karriereorientierte Personen. Für sie stellt der Chef nur eine Leitersprosse dar, um weiterzukommen.“
Konkurrenz und Unsicherheit treiben die Schleimer an
Monika Stützle-Hebel beobachtet, dass Schüler und Studenten konkurrenzorientierter sind als Generationen davor. „Sie haben eine Autoritätsorientierung, gucken stark darauf: Was will der Lehrer, der Professor?, möchten deren Erwartungen erfüllen, anstatt die Dinge richtig zu denken und zu überlegen: Was halte ich für richtig?.“
Anbiedern, so erklärt Stützle-Hebel, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik, hat mit Konkurrenz und Unsicherheit zu tun. Funktioniert ein Team schlecht, gebe es unterschwellige Konkurrenz, die tabuisiert werde.
Dann neigten unsichere Menschen dazu, sich vor der Leitungsfigur in den Vordergrund zu spielen. Allzu gefällig dem Chef gegenüberzutreten, dazu neigten manche neue Kollegen, sie kennen die Spielregeln nicht, erkennbar in seiner Funktion ist zunächst nur der Chef.
Als berechnend empfinden sie sich dabei nicht
Der Konkurrenzgetriebene, im Kollegenteam Isolierte begreift die Arbeit als Wettkampf, den er auch mit unlauteren Mitteln bestreitet. Unrechtsbewusstsein beschäftigt solche Menschen selten. Als berechnend empfinden sie sich nicht, Komplimente gegenüber ihrem Chef werten sie als diplomatisch. So wie Laura Meier ihre Taktik als lockeres Geplauder etikettiert.
Dass es unangenehm ist, sich als Sprachrohr des Vorgesetzten aufzuführen und jeden Wortbeitrag mit „Der Chef wünscht“ einzuleiten, ist diesen Typen nicht bewusst. Manchmal helfen Rückfragen: „Und was wünschen Sie?“ Psychologin Stützle-Hebel empfiehlt, diese Stromlinienförmigen aktiv mit einzubeziehen, statt sich zurückzuziehen. „Übers Gespräch gehen, Sachfragen stellen, der Autoritätsorientierung das Team als Gegengewicht zu stellen und fragen: Was ist bei uns los, dass du das tust?“.
Manche Fälle sind aber hoffnungslos. So wie der offenbar unter Starkstrom stehende Bewerber. Gleich zu Beginn des Alles-oder-nichts-Gesprächs erkundigte er sich nach der Privatadresse des möglicherweise künftigen Chefs. Auf dessen erstaunte Nachfrage erklärte der junge Mann treuherzig, dahin wolle er einen Blumenstrauß schicken. Ob diese Absichtserklärung in eine Anstellungsverhältnis gemündet ist, ist nicht überliefert.
Schleimspur plus Vitamin B
david nopotis (davidnopotis)
- 11.04.2012, 20:19 Uhr
also auf die leistung kommt es nicht an im ausschlaggebenden sinne
Closed via SSO (dr_goldmann)
- 11.04.2012, 10:27 Uhr
Kommt das nicht auch auf den Chef an?
Jürgen Falkenstein (jfalkenstein)
- 11.04.2012, 09:09 Uhr
wohin?
Günter Blümel (guenterbluemel)
- 11.04.2012, 08:48 Uhr
