21.11.2007 · Übersetzer des Europäischen Parlaments haben es nicht leicht: In der babylonischen Sprachverwirrung arbeiten sie mit Relaissprachen - Deutsch, Englisch, Französisch. Und dann erst mit Gälisch oder Maltesisch. Das kostet Geld und Nerven.
Von Philip EppelsheimMehr als zwanzig Jahre arbeitete Angela Wicharz-Lindner für den "Turm von Babel" und kämpfte sich durch ein "Dickicht von Grammatik und Semantik". So beschreibt sie ihre Arbeit auf dem Kirchberg in Luxemburg, wo sich die Übersetzungsdienste des Europäischen Parlaments befinden. Nach biblischer Überlieferung scheiterte der Turmbau zu Babel daran, dass Gott für die babylonische Sprachverwirrung sorgte. Jeder redete in seiner Sprache, keiner verstand mehr den anderen, Gott hatte die Menschen mit Sprachenvielfalt gestraft. Die Gründer der Europäischen Union werden die Möglichkeit göttlicher Strafen nicht einkalkuliert haben. Also beschlossen sie, dass alle Sprachen gleichberechtigt seien und jedes EU-Mitglied ein Recht auf seine eigene Sprache habe. Alles sollte verstanden und alle sollten gehört werden. Zuständig: die Übersetzer und Dolmetscher.
Angela Wicharz-Lindner sollte für das Europäische Parlament gegen die Sprachverwirrung ankämpfen. Im Jahr 1985 hatte sich die Mutter von drei Kindern für diese Aufgabe entschieden, das Übersetzen war seit ihrer Kindheit ihre Leidenschaft. Seit 1985 galt für die Düsseldorferin, die am Dolmetscher-Institut in Heidelberg Italienisch und Französisch studiert hat, die Vorgabe: eine Seite pro Stunde und acht Seiten am Tag. Meist waren es mehr: Berichte, Änderungsanträge, Petitionen, Reden aus Politik, Haushalt, Verwaltung.
Dokumente auf drei Millionen Seiten
Nach elf Jahren erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. In der Zeit der Römischen Verträge, als die damalige Sechsergemeinschaft noch mit vier Sprachen auskam, konnte man sich noch leicht verständigen. Mittlerweile aber ist die Europäische Union, in der seit dem 1. Januar 2007 dreiundzwanzig Amtssprachen gesprochen werden, zu einem Synonym für die babylonische Sprachverwirrung geworden. Der wohl größte und teuerste Dolmetscher- und Übersetzungsdienst der Welt muss fast drei Millionen Seiten jährlich für Kommission, Rat und Parlament übersetzen. Ein Ende der Sprach- und Seitenflut ist nicht in Sicht - und die Kosten steigen immer weiter. Dabei fordern Abgeordnete wie der Quästor im Präsidium des Europäischen Parlaments, Ingo Friedrich, schon lange ein Ende des teuren Versuchs, Ordnung in die Sprachen zu bringen. Im Jahr 2005 lagen die Ausgaben für Übersetzungen laut Europäischem Rechnungshof bei rund 128 Millionen Euro für das Parlament, 126 Millionen Euro für den Rat und 257 Millionen Euro für die Kommission. Im Schnitt kostet eine Seite bei der Kommission 194 Euro, beim Rat 276 Euro und beim Parlament 119 Euro.
Jedes Jahr wurden es mehr Seiten, die Angela Wicharz-Lindner und ihre Kollegen übersetzten. Früher per Diktat an eine Sekretärin, mittlerweile am Computer. Die Erweiterungsrunden der Jahre 2004 und 2007 ließen die Zahl der Sprachen rapide ansteigen. Mit 506 möglichen Übersetzungskombinationen sehen sich die Übersetzer heute konfrontiert. Jede Sprache muss von den Länder-Übersetzungsdiensten abgedeckt werden. Englisch, Deutsch und Französisch ebenso wie Gälisch, Maltesisch oder Katalanisch. Denn die Sprache gehört zur nationalen Identität. Und so beharrten die Iren auf dem Gälischen, obwohl nicht einmal zwei Prozent der irischen Bevölkerung die Sprache im Alltag nutzen. Und so bestanden die Malteser auf dem Maltesischen, obwohl nahezu alle Malteser durch die lange britische Kolonialzeit die Sprache ihrer einstigen Kolonialherren beherrschen.
Teuer: die „Einheit in Vielfalt“
Immer wieder machten Abgeordnete Vorschläge, wie man des Sprachgewirrs Herr werden könne. Aber zuletzt beruft sich jeder Mitgliedstaat auf den Grundsatz "Einheit in Vielfalt", mit dem Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Mehrsprachigkeit zur strategischen Frage für die Zukunft der Union erklärte. Ganz im Sinne dieses Grundsatzes agiert auch der Kommissar für Sprachenvielfalt, Leonard Orban. Er legte die "Politische Agenda für Mehrsprachigkeit" vor, in der es heißt: "Die Sprachenvielfalt ist in der Europäischen Union alltäglich Realität. Die Europäische Kommission ist dem Erhalt und der Förderung dieses wesentlichen Merkmals verpflichtet."
Um dem Gewirr dennoch Einhalt zu gebieten, begrenzten Notverordnungen die Länge von Dokumenten. Papiere werden zunächst in eine der drei sogenannten Relaissprachen - Deutsch, Englisch, Französisch - und erst dann in die anderen Sprachen übersetzt. Angela Wicharz-Lindner nennt das "Stille Post Stufe eins". Glücklich war sie nie über die Relaissprachenordnung. Die Verantwortung sei für den Übersetzer groß, die Fristen bei den Relais-Dokumenten kurz. Angela Wicharz-Lindner hat sich nie an der Themenvielfalt gestört: "Aber ich bin oft unzufrieden gewesen, weil ich keine Zeit hatte, Texte so gut zu übersetzen, wie ich es wollte." An manchen Tagen wusste sie nach der Arbeit nicht einmal mehr, aus welcher Sprache sie übersetzt hatte.
Der Klage einiger Abgeordneter, manche Dokumente würden erst nach Monaten übersetzt, widerspricht Angela Wicharz-Lindner: "Alle Texte werden in der vorgegebenen Frist übersetzt. Vielleicht dauert es mal einen Tag länger. Mehr aber nicht." Sei die Arbeitsbelastung zu hoch, beantrage die Abteilungsleitung Fristverlängerung oder genehmige Überstunden. Der Haushaltskontrollausschuss bezeichnet die Produktivität der Übersetzungsdienste der Europäischen Kommission jedoch als niedriger als die der privaten Übersetzer. Zudem seien die Externen rund ein Drittel günstiger. Auch dieser Kritik widerspricht Angela Wicharz-Lindner: "Unsere Arbeit besteht nicht nur aus den Übersetzungen. Es gehören unter anderem auch Revisionsarbeiten und Fortbildungen dazu." So lernte Wicharz-Lindner während ihrer Zeit beim Europäischen Parlament nebenher Spanisch und Niederländisch und besuchte Englischkurse, um sich auch in dieser Sprache zu verbessern. Als sie im Oktober 1985 nach Luxemburg kam, wurde man auch in Spanisch und Portugiesisch unterrichtet. Vor Jahren kamen Kroatisch und Türkisch hinzu.
Tücken im Detail
Die besondere Herausforderung beim Übersetzen, meint Wicharz-Lindner, liegt im Detail: Viele Texte seien knifflig, Dossiers enthielten Fachbegriffe, und oft komme es auf Nuancen in der Auslegung an: "Es kommt immer wieder vor, dass man Begriffe nicht kennt. Die muss man dann recherchieren. Früher wälzte man dafür Bücher oder telefonierte. Heute hilft das Internet." Die Gleichberechtigung der Sprachen hält sie für sinnvoll. Weil es um kulturelle Vielfalt gehe und darum, dass sich die Bürger in ihrer Sprache informieren könnten. Auf diese Weise werde ihnen Europa nähergebracht: "Wer nichts in seiner Muttersprache erfährt, der hat noch mehr Vorurteile."
Problematisch findet Wicharz-Lindner vielmehr den gegenteiligen Trend. Über Jahrzehnte dominierte in der Europäischen Union die französische Sprache. Doch sie wurde nicht durch die heiß diskutierte Sprachenvielfalt ersetzt, sondern durch einen Hang zum Englischen, der mit dem Einzug der Skandinavier in die Europäische Union begann und mit der Ost-Erweiterung fortgeführt wurde: "Englisch ist bei diesen Staaten Lingua Franca." 55 Prozent aller Ausgangstexte, die die Übersetzer erhalten, sind mittlerweile auf Englisch abgefasst. Abgeordnete riskierten schlechtes Englisch, vermutet Wicharz-Lindner, um sich mit Weltgewandtheit zu profilieren. Die Ergebnisse lassen die Übersetzer dann oft verzweifeln. "Manchmal ist das ein reines Rätselraten", sagt Wicharz-Lindner. Ihr wäre es lieber, ein Spanier würde sich seiner Muttersprache - dann aber korrekt - bedienen. Andererseitsw kann es ihr nun egal sein. Gerade ist sie in den vorzeitigen Ruhestand eingetreten. Die Kinder sind selbständig, sie verlässt Luxemburg und lässt sich in Bonn nieder. Jetzt will sie mehr wirkliche Literatur übersetzen.
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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