„Fliegende Bauten“ heißt die Abteilung mit 26 Mitarbeitern, die Stefan Kasper leitet. Gemeint sind bauliche Anlagen, die nicht ortsfest mit dem Baugrund verbunden sind. Und hierzu zählen Hightech-Karussells und rasante Achterbahnen, die bei den Besuchern des Münchner Oktoberfestes wohldosierten Nervenkitzel auslösen. Zwei Wochen, bevor an diesem Wochenende das größte Volksfest der Welt beginnt, sind 20 Ingenieure des TÜV Süd täglich auf der Theresienwiese, um die technischen Anlagen zu prüfen und die sichere Einsatzfähigkeit des Fahrgeschäfts an seinem Stellplatz zu kontrollieren. Das macht der TÜV übrigens seit 1929 auf dem Oktoberfest.
Bevor die Besucher feiern und auf die Wiesn strömen, haben 13 Maschinenbau- und Bauingenieure und die sieben Elektroingenieure aus dem Team von Kasper viel geleistet. Insgesamt stehen dann auf dem Gelände 200 Anlagen, für deren vorübergehenden Aufbau eine Baugenehmigung verlangt wird. Denn zu den Fliegenden Bauten gehören auch Zelte, Tribünen und beispielsweise temporäre Ausstellungshallen. „Wenn die Großachterbahnen aufgebaut werden, dann sind wir auf jeden Fall dabei“, sagt Stefan Kasper. Natürlich sei das rein logistisch anspruchsvoll, die Kollegen einzuteilen. „Viele Schausteller sind aber gut organisiert, so dass es keine bösen Überraschungen gibt. Ihr wirtschaftlicher Druck ist immens, denn jeder Tag, an dem eine Anlage stillsteht, bedeutet einen erheblichen Verlust“, erklärt der 43-Jährige. Außerdem sei der Konkurrenzdruck in der Branche groß geworden.
Auch Mediziner sind dabei
In Deutschland sind die Prüfungsintervalle klar geregelt. Beschauliche Kinderkarussells werden alle fünf Jahre überprüft, eine große Achterbahn mit Loopings, Spiralen und Steilfahrten wird in jedem Jahr vom Technischen Überwachungsverein geprüft. Das Fahrvergnügen beschert den Besuchern die Höhe, Kurven und der Wechsel aus Be- und Entschleunigung. „Fahrgeschäfte werden immer schneller und gehen stärker an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit. Bei manchen Erstabnahmen sind auch Mediziner dabei“, berichtet Stefan Kasper. „Maximal darf bei der Beschleunigung eine Belastung von 6,0 G auf den Körper einwirken, das ist eine Maßeinheit der Erdbeschleunigung. Zum Vergleich: Stehe ich auf der Erde, habe ich 1 G, beim Joggen hat man 3 G.“
Kaspers Abteilung hat eine geringe Fluktuation. „Das liegt einfach daran, dass wir ein breites Spektrum an Aufgaben haben“, bekräftigt der Münchner Maschinenbauingenieur. Anders als in der hochspezialisierten Produktion von Autos oder auch dem Bau von Brücken decken er und seine Kollegen viele Gebiete ab, müssen sich beispielsweise in Hydraulik, Pneumatik, Antriebseinheiten bis hin zu Fragen von Verriegelungsmechanismen auskennen. „Viele der Anlagen, die wir prüfen, die gibt es nur einmal. Und die stehen auf der ganzen Welt“, sagt der sportliche Familienvater, der in diesem Jahr bereits dreimal in Brasilien war.
Nach Abu Dhabi zur „Ferrari World“
Die Ingenieure reisen zu den Betreibern, die zwischen 500.000 und zwei Millionen Euro für ihre Anlagen zahlen. Das trug der jungen Kollegin Margot Gmeiner eine Reise nach Abu Dhabi ein. Dort ist im Themenpark „Ferrari World“ vor einem Jahr die mit 240 Stundenkilometern schnellste Achterbahn der Welt eröffnet worden. Ein Einsatzgebiet der jungen Elektroingenieurin war der Fallturm: Die Besucher fahren mit der Gondel 61 Meter hoch, um mit ihr dann in atemberaubender Geschwindigkeit abwärtszusausen, „aber nur 40 Meter“, sagt die 30-Jährige und meint das ernst. Allerdings sei der Freifallturm schon „eine technische Herausforderung“ gewesen. Die Ingenieure hatten vor allem das Risiko im Blick, „dass er oben zu weit rausfährt oder zu schnell wird“. Das verhindern unter anderem mechanische Barrieren und Stoßdämpfer, sorgfältige Kontrollen des Bremswegs und die vielen Fahrtests, bei denen auch Fehler simuliert werden. Bevor Menschen die Bahn besteigen dürfen, fahren Sandsäcke ihre Runden ab. Um die Funktion zu überprüfen, brauchen die Wagen Ballast und müssen einen sogenannten Volllasttest bestehen.
Die Klemm- und Schaltkästen sind mitunter in luftiger Höhe, Karabinerhaken gehören zu Margot Gmeiners Standardausrüstung, wenn sie im Blaumann hochklettert. „Klar wird einem da manchmal mulmig. Aber ich sehe das rational und bin schwindelfrei. Das war übrigens eine der ersten Fragen im Bewerbungsgespräch.“ Rund ein Drittel des Jahres sind die Ingenieure zu den Kunden unterwegs, machen Parkprüfungen und Erstabnahmen, den Rest der Zeit verbringen sie überwiegend im Büro, das erfordert schon die Dokumentationspflicht.
Kurs „Frauen und Technik“
Die Frau mit den kurzen braunen Haaren und den Sommersprossen liebt ihren ungewöhnlichen Arbeitsplatz, bei dem der Wechsel beständig ist, und sie hat die dazugehörige Nüchternheit, den Adrenalinkick der Fahrgäste in geordnete Bahnen zu lenken. Sich oder andere in Gefahr zu bringen käme ihr nicht in den Sinn, „da muss man sich der Verantwortung schon bewusst sein“, sagt die gebürtige Österreicherin, die in Marburg aufgewachsen ist. Wer nach der möglichen Gefahr einer Achterbahnfahrt fragt, erhält von ihrem Chef Stefan Kasper eine Standardantwort: „Wenn Sie mit dem Auto zum Volksfest angereist sind, dann haben Sie 50 Prozent des gefährlichsten Wegs überstanden, die anderen 50 Prozent sind die Heimreise.“ Aber selbstverständlich habe er Respekt. Die ersten Kettenflieger brachten es auf eine Höhe von zehn Metern. „Inzwischen sind 110 Meter angesagt, das ist ordentlich. Früher fuhr eine Achterbahn 40 Stundenkilometer, aber wer will das noch fahren, heute fährt sie bis zu 240.“
Trotz Rekordbauten hat Margot Gmeiner keine Probleme, im harten Fahrgeschäft ernst genommen zu werden. „Mit Schaustellern habe ich gute Erfahrungen gemacht. Einige Hersteller sind zuerst überrascht, dass ich als Frau das mache, aber ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass das ein richtiges Thema war.“ In Mathe war die Ingenieurin immer schon gut, nachdem sie an der Duisburger Universität dann den Kurs „Frauen und Technik“ abgeschlossen hatte, war klar, dass Elektrotechnik sie am meisten fasziniert. „Es ist unglaublich, welche Prozessabläufe mit so kleinen, kompakten Geräten gesteuert werden können“, sagt sie und widmet sich wieder den großen Bahnen.
