24.06.2009 · Inmitten der schwersten Branchenkrise seit gut 15 Jahren waren sich die deutschen Maschinenbauer bislang einig: „Die Stammbelegschaft soll gehalten werden“, hieß es landauf, landab. Jetzt wackelt der Treueschwur - doch zumindest für die Top-Leute soll er weiter gelten.
Von Holger PaulInmitten der schwersten Branchenkrise seit gut 15 Jahren waren sich die deutschen Maschinenbauer bislang einig: „Die Stammbelegschaft soll gehalten werden“, hieß es landauf, landab aus den Unternehmenszentralen – mag die Auftragslage auch noch so düster aussehen. Die Branche will nicht noch einmal den Fehler begehen wie Anfang der neunziger Jahre, als innerhalb von vier Jahren rund 400.000 Arbeitsplätze im Maschinenbau verlorengingen und Fachkräfte nach der Krise plötzlich händeringend gesucht wurden. „Seinerzeit musste stark gebremst werden. Als sich die Situation erholte, hatten viele Betriebe Schwierigkeiten, ihre Kernmannschaft schnell genug wieder aufzustocken“, sagt Karl-Heinz Schrödl, Personalleiter beim Stuttgarter Technologiekonzern Robert Bosch GmbH. „Die aktuelle Wirtschaftslage trifft auch uns hart, aber wir suchen dennoch 2000 hochqualifizierte Akademiker vor allem für unsere Zukunftsthemen“, fügt Schrödl hinzu.
Der Treueschwur kommt inzwischen jedoch ins Wackeln und gilt nun vor allem für die am besten ausgebildeten Fachkräfte. „Wir schätzen, dass im Maschinenbau immer noch rund 4000 Ingenieure gesucht werden“, sagt Hartmut Rauen, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des VDMA. Eine neue Umfrage des Verbands unter 390 Mitgliedsfirmen zeigt zudem, dass trotz der Krise möglichst viele Ingenieure gehalten werden sollen. Lediglich 8 Prozent der befragten Betriebe gaben an, dass der Ingenieurbestand in den kommenden Monaten abnehmen wird, während 16 Prozent sogar zusätzliche Ingenieure einstellen wollen. Für den Rest der Belegschaften sieht die Lage dagegen nicht mehr so rosig aus; immerhin 54 Prozent der Unternehmen rechnen inzwischen damit, dass bis zum Jahresende Stellen in ihren Betrieben gestrichen werden.
Schüchtern die Krisennachrichten Abiturienten ein?
Befürchten muss die Branche, dass so mancher Abiturient nun angesichts der vielen Krisennachrichten den Plan, Maschinenbau oder Elektrotechnik zu studieren kurzerhand aufgibt und sich vermeintlich sicheren Studienfächern widmet. Doch der Bedarf an Fachkräften werde weiter hoch bleiben, betont Schrödl. „Gerade die Unternehmen, die in grüne Technologien investieren, sind auch künftig auf hervorragend ausgebildete Ingenieure angewiesen. Da wird weiter eingestellt“, sagt er. Aber auch den Studenten, die jetzt kurz vor ihrem Abschluss stehen und vermutlich mit bangem Blick auf den Arbeitsmarkt schauen, will er Mut machen. Abgänger mit exzellentem Abschluss bekämen auch jetzt noch eine Chance und dabei suche Bosch insbesondere Frauen, „weil gemischte Teams stärker sind und einen Wettbewerbsvorteil bedeuten“. Der Konzern spare daher 2009 weder bei seinen Diplomandenstellen (rund 1200 in Deutschland), noch bei den Trainees (100 Stellen) oder den 50 Doktorandenstellen.
Absolventen ohne erste Praxis- oder Auslandserfahrung, die nun auf den Markt kommen, könnten sich mit einer Bewerbung allerdings schwer tun, räumt der Bosch-Personalleiter ein. „Wir raten diesen Bewerbern, sich gezielt weiterzuqualifizieren. Schlimm wäre, jetzt die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun“, sagt er. Nach Ansicht von Hartmut Rauen hilft es, sich nicht nur beim möglichen Arbeitsort flexibel zu zeigen, sondern auch beim Aufgabengebiet. So suchten viele Unternehmen Ingenieure für ihren Vertrieb in Asien, die dort mit den Kunden einen Fachgespräche führen können. „Bislang wurden im Vertrieb noch keine Stellen reduziert“, sagt der Verbandsfachmann.
Maschinen werden künftig noch größere Rolle spielen
Die Zuversicht, dass im Maschinenbau auch weiterhin gut ausgebildete Fachkräfte gesucht werden, schöpft der VDMA vor allem aus den Veränderungen der industriellen Welt. Maschinen werden künftig in den Produktionsprozessen eine noch größere Rolle spielen und sie sollen zugleich selbst immer effizienter und Ressourcen sparender funktionieren. „Dazu braucht es Ingenieurlösungen“, hebt Rauen hervor. Neue Hybridmotoren zum Beispiel benötigten auch vollständig neue Antriebsstränge, für die wiederum neue Produktions- und Materialtechniken entwickelt werden müssen. „In den nächsten zwei Jahrzehnten wird hier ein großer Wandel stattfinden“, gibt sich Rauen sicher. Hinzu kommt, dass das große Feld der Umwelttechnik dank der mannigfaltigen staatlichen Unterstützung auch künftig kräftig wachsen wird. „Wir suchen Fachkräfte insbesondere auch für den Bereich der Umwelt- und Ressourcenschonung, so etwa für die Solartechnik“, bestätigt Karl-Heinz Schrödl.
Bei der Wahl des Studienfaches raten die Verbandsfachleute tendenziell allerdings davon ab, sich rein auf die Umwelttechnik zu konzentrieren. Angehende Ingenieure sollten eher die klassischen Fächer des Maschinenbaus oder der Elektrotechnik wählen, heißt es. „Das ist in den Unternehmen nach wie vor angesehener“, sagt Naemi Denz, Weiterbildungsexpertin im VDMA. Die Vertiefung zum Beispiel für den Bereich Abfalltechnik oder Recycling könne dann im Lauf des Studiums erfolgen. Die Logik dahinter lautet, dass auch bei den Erneuerbaren Energien – zum Beispiel beim Bau einer Windkraftanlage – in erster Linie klassisches Ingenieurwissen benötigt wird: Antriebstechniken, Aerodynamik, Baustatik oder Stromumwandlung. Allerdings: „Wer von vorneherein weiß, dass er in der Umweltbranche arbeiten will, sollte entsprechende Wahlfächer mitnehmen, die zum Beispiel die rechtlichen Vorschriften des Umweltschutzes behandeln“, rät Denz. Und auch bei der Konstruktion einer neuen Maschine sei das Wissen über Umweltschutzvorgaben aus Brüssel oder Berlin inzwischen im Grunde unumgänglich, fügt sie hinzu.
Neben der Umwelttechnik seien es häufig die fälschlicherweise als langweilig eingestuften Felder des Maschinenbaus, in denen junge Ingenieure gute Aussichten hätten, ergänzt Rauen. Dazu zähle etwa die Landtechnik mit ihren vielen verschiedenen Ackerbearbeitungsgeräten, die Dichtungstechnik, Eisen- und Hüttenwerke oder auch die Kernenergie. „Die meisten Ingenieure“, zeigt sich Rauen daher zuversichtlich, „werden bei hinreichender Flexibilität auch einen Job finden.“