Fast jeder hat sie in seinem Leben einmal ausgefüllt: die Zeile „Mein Traumberuf“ in Poesiealben. Doch wie viel davon lässt die Arbeitsroutine übrig? F.A.Z.-Autoren haben einen Tag lang die Berufswünsche ihrer Kindheit getestet. Folge 1: Ärztin.
Es ist peinlich, aber ich stehe dazu: Ich bin ein Kind der Schwarzwaldklinik. Stets saß ich pünktlich vor dem Fernseher, wenn Professor Brinkmann in der Notaufnahme im malerischen Glottertal Unfallopfer und Infarktpatienten vor dem sicheren Tod rettete. Meine Begeisterung für den Arztberuf hielt bis kurz vor dem Abitur, bis mich ein Praktikum im Krankenhaus der Kleinstadt, in der ich damals lebte, auf den Boden der Tatsachen brachte. Es gab kaum Notfälle, stattdessen viele alte bettlägerige Menschen, denen die Medizin nur noch bedingt helfen konnte. So nahm ich - der ZVS-Bewerbungsschluss nahte - Reißaus vorm jahrelang gehegten Traumberuf. Zu Recht?
Fast 15 Jahre sind seitdem vergangen. Es ist 7.45 Uhr, Universitätsklinikum Frankfurt, Notaufnahme. Ralf Lehmann, 36 Jahre alt, Oberarzt in der Kardiologie und in der Notaufnahme, schickt mich zum Umziehen. Grüne Hose, grünes Shirt, darüber der weiße Kittel, fertig ist die Verkleidung. Der Blick in den Spiegel - ernüchternd: So heldenhaft, wie Professorengattin Christa Brinkmann im weißen Kittel wirkte, sehe ich bei weitem nicht aus. Was auch daran liegen könnte, dass alles einige Nummern zu groß ist.
Dann ist keine Zeit mehr für Schwarzwald-Erinnerungen: Im Laufschritt eilen Lehmann und ich durch die Gänge, oben Neonlicht, unten Linoleum, durch Türen, deren Flügel sich mit einem mechanischen Surren öffnen, in der Nase den Geruch von Desinfektionsmittel. Lehmann - kurze, gegelte Haare, verschmitztes Gesicht - wollte als Kind im Gegensatz zu mir nicht Arzt, sondern Wirtschaftsingenieur werden. Für die Medizin begann er sich erst während des Zivildienstes zu interessieren, für die Kardiologie erst während des Studiums: „Das Herz ist sein sehr mechanisches Organ, das hat mich gereizt.“
„War der HB schon die ganze Zeit bei 6,3?“
8 Uhr, Visite in der Notaufnahme. Orangefarbene Vorhänge trennen die vielen Betten und Monitore. Lehmann lässt sich von der diensthabenden Ärztin schildern, welche Patienten die Nacht brachte. Ein bewusstloser Heroinabhängiger, eine Krebspatientin, die sich nicht behandeln lassen will, ein Deutscher, der in Südafrika einen Herzinfarkt hatte, eine Selbstmordpatientin und so weiter. „War der HB schon die ganze Zeit bei 6,3?“, fragt Lehmann im Mediziner-Stakkato, der Sprache des Krankenhauses. Die Ärztin nickt. So geht das von Bett zu Bett. Gerettet werden muss hier niemand. Schön für die Patienten. Schade für mich.
8.50 Uhr, im Laufschritt geht es ins Herzkatheterlabor, wo in operationssaalähnlichen Räumen Herzgefäße untersucht und behandelt werden. Über die grüne Kluft kommt nun noch ein schwerer Bleiumhang, zum Schutz gegen die Röntgenstrahlen. „Jetzt bekommen Sie mal eine Vorstellung davon, wie warm es unter diesen Dingern ist“, frohlockt Lehmann. In der Tat: Es ist warm. Sehr warm. Das Gewicht des Bleikittels drückt auf Schultern und Rücken. Dabei habe ich es noch gut: Im Gegensatz zu Lehmann kann ich mich immer mal wieder an die Wand lehnen.
Lehmann schiebt unterdessen einen dünnen Kunststoffschlauch von der Armvene bis in das Herz des Patienten vor. Mit einem Fußpedal bedient er zugleich das Röntgengerät. „Herzkatheter ist ein bisschen wie Autofahren.“ Es herrscht eine ruhige Arbeitsatmosphäre, selbst als Lehmann eine besonders enge Stelle in einem Gefäß passiert. „Ich bin nicht aufgeregt“, sagt er, ganz der Mechaniker. „Nur konzentriert.“ Wäre ich auch so gelassen? Vielleicht, mit ein bisschen Übung. Die blauen OP-Tücher färben sich mehr und mehr rötlich ein. Zumindest macht es mir immer noch nichts aus, Blut zu sehen.
Zehn Tassen Kaffee am Tag
10.15 Uhr. Lehmann ist genervt. Der Kaffeeautomat in der Kaffeeküche streikt. Zehn Tassen am Tag trinkt der Oberarzt normalerweise, das sei seine Droge, sagt er. Weiter geht's in den 11. Stock des Bettenhauses zur Visite in der kardiologischen Abteilung. Der Rollwagen mit den Patientenakten wartet schon auf dem Flur, ebenso die zwei Stationsärztinnen. Und rund 30 Patienten in zwölf Zimmern. Der Ablauf ist stets derselbe: Vor jedem Zimmer wird kurz über die Patienten gesprochen, Lehmann versucht, sich Namen und Krankengeschichte zu merken, dann rauscht der Tross hinein. Lehmann hört Herz- und Lungentöne ab, drückt auf nackte, oft zu dicke Männerbäuche. „Wir stellen um auf Marcumar“, „wir brauchen ein Schluckecho“, es hat etwas Verwalterisches. Ein Patient beschwert sich, die Salbe mache ihn besoffen. „Salben, die wirken, riechen“, sagt Lehmann knapp, wie oft an diesem Tag eine Spur zu laut und zu belehrend. „Man gewöhnt sich gewisse Mechanismen an, um mit den Patienten umzugehen“, sagt er später. Nach dieser Visite habe ich das Gefühl, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Hat er sich seinen Arbeitsalltag im Studium so vorgestellt? „Ungefähr schon. Was man sich nicht vorstellen kann, ist die Intensität der Arbeit.“ 60 Stunden arbeitet er in der Woche, nebenbei schreibt er an seiner Habilitation. Er guckt auf die Uhr, 12.30 Uhr, der Arbeitstag ist erst viereinhalb Stunden alt, fühlt sich für mich aber schon wie doppelt so lange an.
„Wollten Sie eigentlich was zu Mittag essen?“
Schnurstracks geht es zurück ins Herzkatheterlabor. „Wie geht's?“, fragt Lehmann den Patienten, der dort schon abgedeckt liegt. „Ich hab Hunger“, sagt der. „Ich auch“, sagt Lehmann, beide lachen, doch für Essen ist jetzt keine Zeit, Lehmann greift zum Katheter. Es ist eine schwierige Prozedur, das kritische Gefäß kaum zugänglich, der Oberarzt braucht lange, um es wieder einigermaßen zu öffnen. „Wollten Sie eigentlich was zu Mittag essen?“, fragt er mich, als die Untersuchung zu Ende ist. Natürlich nicht. Lehmann steuert den Kaffeeautomaten an, der wieder geht. 14 Uhr, die erste Nahrungszufuhr seit Dienstantritt. Der nächste Patient wartet schon.
15.30 Uhr. Jetzt doch: Mittagspause. Wir sitzen im Ärztezimmer, Lehmann packt eine Tupperdose mit Broten aus, zum Glück habe ich mir auch welche mitgebracht. Während er isst, schaut Lehmann seine Mails durch. „Es ist unglaublich, was in so einer Klinik an Mails kursiert.“ Fast ist er ein wenig traurig, dass er mir an diesem Tag noch keinen echten Notfall bieten konnte. „Ist ein ziemlich ruhiger Tag heute.“ Stimmt. Ich hatte es mir hektischer vorgestellt. Aber auch so schlaucht der Tag, das viele Stehen, das wenige Essen, selbst mich als Zuschauer, der nicht ständig Gefahr läuft, durch einen unbedachten Handgriff das Leben eines Patienten aufs Spiel zu setzen.
Ein spannender Tag, aber einer reicht
16.30 Uhr. Wir sind zurück auf Station B11, Nachmittagsbesprechung. „Was hatten wir denn so alles auf unserer Ralf-Liste?“, fragt eine der Stationsärztinnen und kramt nach ihrem Frag-den-Oberarzt-Katalog. Lehmann angelt sich aus einer Packung Kinderschokolade den letzten Riegel. „Wie intensiv sollen wir nach einer Lungenembolie suchen?“, überlegt er nach der Lektüre einer Patientenakte und entscheidet kurzerhand: nicht so intensiv. Keine Angst, etwas zu übersehen? „80 Prozent der Entscheidungen sind Routine, da muss man nicht viel drüber nachdenken.“
18.30 Uhr. Nach einem weiteren Abstecher in die immer noch ruhige Notaufnahme zieht Lehmann den Kittel aus. Jetzt hat er Rufbereitschaft. „Man braucht viel Toleranz in diesem Beruf, auch gegen Schlaflosigkeit und gegen Stress.“ Lehmann, der nüchterne Mechaniker, hält nicht viel von all jenen, die mit einem Medizinstudium ihren Kindheitstraum verwirklichen wollen. „Etwas weniger Passion, etwas mehr Abstand, das tut manchmal ganz gut.“ Ob ich meine Entscheidung bereue, fragt er zum Abschied. Nein. Es war ein spannender Tag, aber einer reicht. „Ist Arzt ein Traumberuf?“, frage ich ihn zum Abschied. Lehmann schaut so erstaunt wie den ganzen Tag noch nicht, hat ausnahmsweise nicht sofort eine Antwort parat. „Es ist ein sehr schöner Beruf“, sagt er nach einer Weile. Aber ein Traumberuf sei vielleicht eher, Hausmeister auf einer Karibikinsel zu sein.
Leseraktion
Was war Ihr persönlicher Traumberuf in Ihrer Kindheit? Und was ist später daraus geworden? Schicken Sie uns Ihre eigenen Geschichten unter traumberufe@faz.de. Die besten Einsendungen planen wir gegen Ende des Sommers zu veröffentlichen.
Beachtliche Leistung
Michael La. (Michael_1210)
- 07.07.2009, 15:39 Uhr
