Es sind schon schwere Entscheidungen, die man als Mitarbeiter des amerikanischen Internetunternehmens Google zu treffen hat. Im Hauptgebäude von Google im kalifornischen Mountain View sorgt ein Wegweiser an einer Ecke für die Qual der Wahl: Nach links geht es zur persönlichen Massage, geradeaus zum automatischen Massagesessel, heißt es auf dem Schild.
Wer sich für die persönliche Massage entscheidet, erliegt auf dem Weg dorthin aber vielleicht noch anderen Ablenkungen, zum Beispiel den Billardtischen auf der linken Seite. Oder vielleicht hat man es auch gar nicht bis zum Wegweiser geschafft und sich stattdessen ein paar Schritte vorher vom Essensduft der Gratis-Cafeteria anlocken lassen, einer von vielen auf dem Campus, der den Spitznamen "Googleplex" hat. Hier gibt es keine schäbige Kantinenkost, die Cafeterias verstehen sich als Gourmetküchen: "Ich hatte hier sogar schon öfter Gänseleberpastete", sagt der Deutsche Franz Och, der seit mehr als drei Jahren bei Google in Kalifornien ist und hier ein Team führt, das an Übersetzungsprogrammen arbeitet.
McKinsey vom Thron gestoßen
Google ist nicht nur als hochprofitabler Internetgigant und Börsenstar bekannt. Das Unternehmen hat sich auch einen legendären Ruf als Arbeitgeber erworben. Die Zeitschrift "Fortune" kürte Google in diesem Jahr zum besten Arbeitgeber in Amerika. Eine Befragung des Marktforschungsinstituts Universum vor wenigen Monaten ergab, dass Google unter Studenten für den Wirtschaftsabschluss Master of Business Administration (MBA) der begehrteste Arbeitgeber ist. Google hat damit die Unternehmensberatung McKinsey als Spitzenreiter abgelöst.
Was macht Google so attraktiv? Google ist bekannt dafür, seine Mitarbeiter nach Strich und Faden zu verwöhnen. Kostenloses Essen und Massagen sind nur der Anfang. Neue Frisur gefällig? Dafür gibt es einen Friseursalon im Googleplex. Ein paar Pfunde zu viel? In Fitnessstudios kann vor Ort geschwitzt werden, wenn gewünscht, unter professioneller Anleitung von Trainern zu Niedrigpreisen. Zum Austoben gibt es auch eine Kletterwand, einen Swimmingpool und ein Beachvolleyballfeld. Google stellt seinen Mitarbeitern Waschmaschinen und eine Wäschereinigung zur Verfügung, auch für den Ölwechsel beim Auto wird gesorgt.
Unweit des Googleplex betreibt das Unternehmen eine eigene Kinderbetreuungsstätte mit dem Namen "Kinderplex". Kurzum: Eine Fülle von alltäglichen Besorgungen und Aktivitäten lässt sich vor Ort erledigen, entweder kostenlos oder zumindest spottbillig. Das hat natürlich Kalkül, denn damit gibt es für die Mitarbeiter weniger Anlass, den Arbeitsplatz zu verlassen. Franz Och ist oft bis Mitternacht im Büro, sagt er ("Ich fange aber auch erst um 11 Uhr morgens an").
Auch mit finanziellen Reizen wird nicht gegeizt
Och freut sich am meisten über die Edelkantinen. Die ebenfalls aus Deutschland stammende Marketing-Managerin Simone Kriz liebt das Fitnessangebot: "Ich surfe gerne, und mein Trainer weiß genau, wie er mich dafür in Form bringt." Beeindruckt sind die beiden Deutschen auch davon, dass Google mittlerweile hochkarätige Redner für Vorträge anzieht. So geben sich im Moment Kandidaten für die nächste amerikanische Präsidentenwahl bei Google die Klinke in die Hand. Selbst Hillary Clinton war schon da.
Der Reiz eines Jobs bei Google liegt freilich nicht nur in den hübschen Annehmlichkeiten am Arbeitsplatz, sondern auch im Finanziellen. Gerade Mitarbeiter, die schon länger dabei sind, sind durch das Einlösen von Aktienoptionen nach dem Börsengang im Jahr 2004 zu Millionären geworden, weil die Aktie sich seither im Wert vervielfacht hat. Der Ausübungspreis der Optionen ist bei Google abhängig vom Eintrittsdatum in das Unternehmen.
Simone Kriz, die im Jahr 2003 zu Google kam, verhehlt nicht, dass der Google-Job sie in eine gute finanzielle Position gebracht hat, und sie gibt zu, dass es bei ihr wohl etwas schneller ging als bei Studienfreunden, die andere Karrierewege eingeschlagen haben. Für Neueinsteiger bei Google (intern "Noogler") ist es aber nicht mehr ganz so einfach wie für dienstältere Kollegen, zu plötzlichem Reichtum zu kommen. Der Aktienkurs von Google hat heute ein hohes Niveau erreicht und wird sich wohl nicht mehr so schnell vervielfachen.
Keine typischen Karrierewege
Daher ist in jüngster Zeit auch immer häufiger von Beispielen zu hören, in denen gefragte Arbeitskräfte lieber bei einem jungen Unternehmen anheuern als bei Google - in der Hoffnung, dass es sich dabei um den nächsten großen Börsenstar handelt. Franz Och hält dagegen: "Das Gehaltspaket bei Google ist bis heute sehr attraktiv."
Jedenfalls ist es alles andere als einfach, bei Google unterzukommen. Google stockt zwar seine Belegschaft rasant auf - in den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Zahl der Mitarbeiter um fast 6000 auf knapp 13.800 erhöht. Allerdings rechnet das Unternehmen nach eigener Aussage in diesem Jahr auch mit fast zwei Millionen Bewerbungen. Der Einstellungsprozess bei Google ist berüchtigt dafür, knallhart und langwierig zu sein - und hat dem Unternehmen auch den Ruf der Arroganz eingebracht.
Wie haben es Franz Och und Simone Kriz geschafft? Beim 35 Jahre alten Och war es nicht ganz der typische Weg. Der gebürtige Oberfranke musste sich nicht groß bemühen, sondern wurde von einem kalifornischen Forschungsinstitut abgeworben, weil er einer der bekanntesten Namen auf dem Gebiet der Übersetzung ist.
Bunt zusammen gewürftelte Teams
Bei der Düsseldorferin Simone Kriz ging es ebenfalls noch einigermaßen schnell: Erst ein paar Telefoninterviews, dann drei bis vier persönliche Gespräche in der deutschen Google-Niederlassung in Hamburg, gefolgt von einem halben Dutzend Gesprächen in Mountain View - nach drei Wochen war alles eingetütet, sie fing in der deutschen Google-Zentrale an und wechselte zwei Jahre später nach Kalifornien.
Heute ziehe sich das Auswahlverfahren üblicherweise viel länger hin, sagt die 38 Jahre alte Kriz, die selbst drei bis vier Gespräche mit Bewerbern in der Woche führt. Den Vorwurf der Arroganz will sie nicht gelten lassen. "Ich kann nichts Falsches daran erkennen, dass man extrem gescheite Leute einstellen will, die zu uns passen. Das ist einfach ein langer Prozess."
Im Unternehmensjargon heißt das, die Leute müssen "googley" sein. Und das ist man laut Kriz dann, wenn man wirkliche Leidenschaft für die Arbeit von Google mitbringt und gerne mit bunt zusammengewürfelten Teams arbeitet. Kriz und Och sind offenbar leidenschaftlich "googley", denn beide versäumen es im Gespräch nicht, die offizielle Mission von Google zu zitieren: "Die Information der Welt organisieren."
