http://www.faz.net/-gyl-vzc2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.11.2007, 00:05 Uhr

Telearbeit Abtauchen in den eigenen vier Wänden

Viele Arbeitnehmer wünschen sich ein Home-Office, nur wenige bekommen eines. Für das berufliche Fortkommen ist das mitunter besser so. Eine Fünf-Tage-Woche zu Hause funktioniert nicht.

von
© F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Der Alltag in deutschen Büros kann ganz schön trist sein. Neben dem Schreibtisch verliert der Ficus im Licht der Neonröhren seine Blätter, auf dem Teppich haben schon etliche Vorgänger ihre Kaffeeflecken hinterlassen, und der Luftzug der Klimaanlage löst regelmäßig Grippewellen aus. Nicht zu vergessen der tägliche Nervenkrieg auf der Autobahn oder der Ellenbogenkampf in der S-Bahn, den der Weg zur Arbeit so mit sich bringt. Kein Wunder, dass in Umfragen rund 80 Prozent der Deutschen angeben, dass sie gerne zu Hause arbeiten wollen.

Julia Löhr Folgen:

Doch die Realität sieht anders aus. Auch wenn Zukunftsforscher schon seit geraumer Zeit den Siegeszug von Home-Offices ankündigen - in der Praxis ist davon bislang wenig zu spüren. Der Anteil der Arbeitnehmer, die in den heimischen vier Wänden arbeiten, ist in den vergangenen Jahren nur geringfügig gestiegen. So waren nach einer Analyse des Statistischen Bundesamts vor zehn Jahren 8 Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland manchmal oder hauptsächlich zu Hause im Einsatz. Bis Ende 2005 - aktuellere Zahlen gibt es noch nicht - stieg der Anteil der Heimarbeiter gerade mal auf 8,7 Prozent. Ein Boom sieht anders aus.

Mehr zum Thema

"Die Verbreitung von Home-Offices wächst nicht in dem erwarteten Ausmaß", beobachtet auch Josephine Hofmann, die sich beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) mit dem Thema befasst. Sie führt die Zurückhaltung unter anderem darauf zurück, dass Arbeitgeber die mit einem Home-Office verbundenen Detailfragen, etwa zu Arbeitsschutz, Datensicherheit und Mietzuschüssen, scheuten.

Chefs von Verlustängsten geplagt

Nicht zu vergessen die Verlustängste, die viele Chefs plagen. Diese fürchten den Domino-Effekt: Genehmigen sie den Antrag eines Mitarbeiters, könnte der Rest der Mannschaft nachziehen wollen und notfalls den Betriebsrat einschalten. Eine Etage ohne Mitarbeiter - der Albtraum jeder Führungskraft. Viele Vorgesetzte hätten Angst, ihre Leute nicht mehr unter Kontrolle zu haben, sagt Hofmann. In jedem Fall steige der Aufwand: "Führungskräfte müssen mehr organisieren und planen, wenn ihre Mitarbeiter zum Teil von zu Hause aus arbeiten."

Die Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die sogenannte Telearbeit anbieten, kommen oft aus dem technischen Bereich. Schließlich ist die Bereitstellung der geeigneten Infrastrukur für sie keine Hürde. IBM gilt hierzulande als Vorreiter. Schon 1991 gab es dort die ersten Heimbüros, mittlerweile arbeiten zwei Drittel der 21.000 Mitarbeiter in Deutschland zumindest gelegentlich am heimischen Schreibtisch, und zwar quer durch alle Hierarchieebenen. Die meisten davon stammen aus dem Vertrieb und der Dienstleistungssparte. Einen festen Schreibtisch im Unternehmen haben sie nicht mehr, vier bis sechs Mitarbeiter teilen sich in der Regel einen Platz. Was anfangs für Murren sorgte, werde inzwischen gelobt, sagt IBM-Personalfachmann Heinz Liebmann. Die Kommunikation habe sich verbessert. Dass die Zahl der Heimwerker weiter zunimmt, erwartet er aber nicht. "In der Verwaltung macht das wenig Sinn. Da müssten die Mitarbeiter zu viele vertrauliche Papiere zwischen Wohnung und Büro hin und her tragen."

Auch beim Computerkonzern Sun Microsystems sind es vor allem die Mitarbeiter im Außendienst, deren Arbeitsplatz dort ist, wo sie gerade sind - mal beim Kunden, mal im Büro, mal in der Wohnung. "Unsere Vertriebsleute sind ohnehin 80 Prozent ihrer Arbeitszeit unterwegs, da sollten sie vor einem Kundentermin nicht extra noch mal ins Büro fahren müssen", sagt Marketingdirektor Donatus Schmid. Das Unternehmen sorgte im vergangenen Sommer für Schlagzeilen, als es ein Restrukturierungsprogramm mit integrierter Home-Office-Komponente ankündigte. "Sun verordnet seinem Personal Heimarbeit", "Sun schickt zwei Drittel des Personals nach Hause", hieß es damals.

Sun Microsystems hat nachgerechnet

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Arbeitskultur IG Metall für mehr selbstbestimmtes Arbeiten

Viele Beschäftigte wollen zeitweise kürzer treten, sagt IG Metall-Chef Jörg Hofmann. Hier seien die Unternehmen in der Pflicht. Eine andere Entwicklung bereitet ihm zunehmend Sorgen. Mehr

22.08.2016, 11:42 Uhr | Wirtschaft
Ein Jahr Flüchtlingskrise Im Land der Helfer

Sie sind die Dienstleister der Kanzlerin: Ehrenamtliche, die seit einem Jahr Fulltime arbeiten. Doch was wird, wenn bald nichts mehr zu tun ist? Mehr Von Ralph Bollmann und Jenni Thier

26.08.2016, 19:11 Uhr | Wirtschaft
Entwicklungshilfe Hilfe per Fernsteuerung

Aus Sorge um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter in Afghanistan hat die deutsche Entwicklungshilfe ihr Konzept überarbeitet. Die Arbeit ist eine tägliche Gratwanderung. Mehr Von Friederike Böge, Kabul

16.08.2016, 14:42 Uhr | Politik
Frankfurt VW und Zulieferer setzen Streit fort

Durch den Streit zwischen zwei Zulieferungsfirmen und VW wird die Produktion in sechs VW-Werken in Mitleidenschaft gezogen. Fast 30.000 Beschäftigte können nicht wie gewohnt arbeiten. An der Börse zeigte der Streit keine großen Auswirkungen - die VW-Aktie ist fast unverändert in die neue Woche gestartet. Mehr

22.08.2016, 15:09 Uhr | Wirtschaft
Cyberkriminalität Jede Woche 6000 Angriffe aus dem Internet gegen VW

Cyberkriminalität wird zur immer größeren Gefahr. Einige Konzerne bündeln nun ihre Abwehr gegen Kriminelle - und gegen allzu neugierige Geheimdienste. Mehr Von Carsten Germis, Berlin

18.08.2016, 11:15 Uhr | Wirtschaft

Gründer mit Hockern Auf Holz gebaut

Eigentlich haben sich Robert Häusl und Jürgen Klanert mit Zahlungssystemen beschäftigt. Doch mit dem „Josef“ startet das Duo nun in der Möbelbranche durch. Mehr Von Rüdiger Köhn 12