Home
http://www.faz.net/-gym-vzc2
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Telearbeit Abtauchen in den eigenen vier Wänden

 ·  Viele Arbeitnehmer wünschen sich ein Home-Office, nur wenige bekommen eines. Für das berufliche Fortkommen ist das mitunter besser so. Eine Fünf-Tage-Woche zu Hause funktioniert nicht.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Der Alltag in deutschen Büros kann ganz schön trist sein. Neben dem Schreibtisch verliert der Ficus im Licht der Neonröhren seine Blätter, auf dem Teppich haben schon etliche Vorgänger ihre Kaffeeflecken hinterlassen, und der Luftzug der Klimaanlage löst regelmäßig Grippewellen aus. Nicht zu vergessen der tägliche Nervenkrieg auf der Autobahn oder der Ellenbogenkampf in der S-Bahn, den der Weg zur Arbeit so mit sich bringt. Kein Wunder, dass in Umfragen rund 80 Prozent der Deutschen angeben, dass sie gerne zu Hause arbeiten wollen.

Doch die Realität sieht anders aus. Auch wenn Zukunftsforscher schon seit geraumer Zeit den Siegeszug von Home-Offices ankündigen - in der Praxis ist davon bislang wenig zu spüren. Der Anteil der Arbeitnehmer, die in den heimischen vier Wänden arbeiten, ist in den vergangenen Jahren nur geringfügig gestiegen. So waren nach einer Analyse des Statistischen Bundesamts vor zehn Jahren 8 Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland manchmal oder hauptsächlich zu Hause im Einsatz. Bis Ende 2005 - aktuellere Zahlen gibt es noch nicht - stieg der Anteil der Heimarbeiter gerade mal auf 8,7 Prozent. Ein Boom sieht anders aus.

"Die Verbreitung von Home-Offices wächst nicht in dem erwarteten Ausmaß", beobachtet auch Josephine Hofmann, die sich beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) mit dem Thema befasst. Sie führt die Zurückhaltung unter anderem darauf zurück, dass Arbeitgeber die mit einem Home-Office verbundenen Detailfragen, etwa zu Arbeitsschutz, Datensicherheit und Mietzuschüssen, scheuten.

Chefs von Verlustängsten geplagt

Nicht zu vergessen die Verlustängste, die viele Chefs plagen. Diese fürchten den Domino-Effekt: Genehmigen sie den Antrag eines Mitarbeiters, könnte der Rest der Mannschaft nachziehen wollen und notfalls den Betriebsrat einschalten. Eine Etage ohne Mitarbeiter - der Albtraum jeder Führungskraft. Viele Vorgesetzte hätten Angst, ihre Leute nicht mehr unter Kontrolle zu haben, sagt Hofmann. In jedem Fall steige der Aufwand: "Führungskräfte müssen mehr organisieren und planen, wenn ihre Mitarbeiter zum Teil von zu Hause aus arbeiten."

Die Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die sogenannte Telearbeit anbieten, kommen oft aus dem technischen Bereich. Schließlich ist die Bereitstellung der geeigneten Infrastrukur für sie keine Hürde. IBM gilt hierzulande als Vorreiter. Schon 1991 gab es dort die ersten Heimbüros, mittlerweile arbeiten zwei Drittel der 21.000 Mitarbeiter in Deutschland zumindest gelegentlich am heimischen Schreibtisch, und zwar quer durch alle Hierarchieebenen. Die meisten davon stammen aus dem Vertrieb und der Dienstleistungssparte. Einen festen Schreibtisch im Unternehmen haben sie nicht mehr, vier bis sechs Mitarbeiter teilen sich in der Regel einen Platz. Was anfangs für Murren sorgte, werde inzwischen gelobt, sagt IBM-Personalfachmann Heinz Liebmann. Die Kommunikation habe sich verbessert. Dass die Zahl der Heimwerker weiter zunimmt, erwartet er aber nicht. "In der Verwaltung macht das wenig Sinn. Da müssten die Mitarbeiter zu viele vertrauliche Papiere zwischen Wohnung und Büro hin und her tragen."

Auch beim Computerkonzern Sun Microsystems sind es vor allem die Mitarbeiter im Außendienst, deren Arbeitsplatz dort ist, wo sie gerade sind - mal beim Kunden, mal im Büro, mal in der Wohnung. "Unsere Vertriebsleute sind ohnehin 80 Prozent ihrer Arbeitszeit unterwegs, da sollten sie vor einem Kundentermin nicht extra noch mal ins Büro fahren müssen", sagt Marketingdirektor Donatus Schmid. Das Unternehmen sorgte im vergangenen Sommer für Schlagzeilen, als es ein Restrukturierungsprogramm mit integrierter Home-Office-Komponente ankündigte. "Sun verordnet seinem Personal Heimarbeit", "Sun schickt zwei Drittel des Personals nach Hause", hieß es damals.

Sun Microsystems hat nachgerechnet

Heute arbeiten bei Sun international rund 16.000 der 35.000 Mitarbeiter nach dem Konzept "Open Work". In Deutschland sind es 150 von 1500 Beschäftigten, Tendenz steigend. Sie können sich von jedem Rechner mit ihrem persönlichen Zugangscode anmelden. Was es dem Unternehmen - neben zufriedenen Mitarbeitern - bringt, hat Sun genau ausgerechnet: Die Produktivität sei um 34 Prozent gestiegen, die Immobilienkosten um 63 Millionen Dollar gesunken. Vom gesunkenen CO2-Ausstoß ganz zu schweigen.

In einem sind sich die Experten aber einig: Eine Fünf-Tage-Woche in den eigenen vier Wänden funktioniert nicht. Zumindest gelegentlich sollten die Kollegen von Angesicht zu Angesicht zusammenarbeiten, sonst leidet die Kommunikation und damit die Produktivität. "Es gibt häufig Besprechungen, die eine Präsenz im Büro erforderlich machen", sagt Angela Lechner. Sie kümmert sich beim Automobilhersteller Daimler um Familienpolitik und flexible Arbeitszeitformen. Als Mutter von drei Kindern schätzt sie selbst die Möglichkeit, gelegentlich von zu Hause aus zu arbeiten.

Wie hoch der Anteil der Präsenzzeit im Unternehmen sein sollte, hänge vom Arbeitsgebiet ab. Nach ihrer eigenen Zeitaufteilung gefragt, schätzt Lechner: "Vier Fünftel im Büro, ein Fünftel zu Hause." So lasse sich beides unter einen Hut bringen: Die Familie sei zufrieden, die Kollegen auch. Diese Balance zu finden ist schwer, aber enorm wichtig. Denn wer im Home-Office arbeitet, läuft immer Gefahr, seine sozialen Kontakte zu vernachlässigen und sich zu isolieren.

Kontaktarmut: Hindernis auf dem Weg nach oben

Genau aus diesem Grund warnen Berater vor dieser Arbeitsform. "Ich halte davon nichts", sagt Peter Behncke, Partner bei Korn Ferry, offen. Die Personalberatungsgesellschaft hat Anfang dieses Jahres eine Studie veröffentlicht, welche Folgen Telearbeit für die Karriere hat. Die Antworten der befragten Führungskräfte fielen eindeutig aus. Zwar war die große Mehrheit der Meinung, dass Mitarbeiter im Home-Office mindestens genauso produktiv sind wie im Büro, wenn nicht sogar produktiver. Dennoch hielten 61 Prozent die Heimarbeit für ein Hindernis auf dem Weg nach oben.

"Ein Mitarbeiter kann noch so produktiv sein", erklärt Behncke diesen scheinbaren Widerspruch, "Karriere macht nur, wer ein gutes soziales Netzwerk im Unternehmen hat." Und das lässt sich nun mal nicht in Videokonferenzen oder im Rahmen von gelegentlichen Treffen pflegen, sondern am besten durch den regelmäßigen Plausch in der Kaffeeküche und das gemeinsame Feierabendbier. Er kenne keinen Topmanager, der es sich leiste, regelmäßig zu Hause abzutauchen, so Behncke. Das ginge höchstens als zeitlich begrenzte Übergangslösung nach einem Ortswechsel. Fraunhofer-Expertin Hofmann teilt solche Bedenken hinsichtlich des beruflichen Fortkommens: "Das ist häufig wie bei Mitarbeitern, die ins Ausland gehen: aus den Augen, aus dem Sinn."

Netzwerk im Netz oder der Firma?

Sun-Manager Schmid sieht das anders, er hält ein Home-Office nicht für ein Karrierehindernis. Netzwerke würden sich ohnehin zunehmend ins Internet verlagern, sagt er mit Verweis auf Communities wie Linked In und Xing. "Ein gutes Netzwerk im Netz ist wichtiger als ein Netzwerk in der Firma." Sun arbeitet daher schon am nächsten Schritt: Das Projekt "Wonderland" sieht ein virtuelles Büro vor, in dem sich die Mitarbeiter ähnlich wie in der Parallelwelt von Second Life bewegen können.

"Im Gegensatz zu einer Videokonferenz treffe ich dort auch Leute, mit denen ich mich nicht verabredet habe", erläutert Schmid. Doch trotz seiner Home-Office-Begeisterung ist auch er davon überzeugt, dass es selbst in ferner Zukunft immer Büros geben wird. Nicht nur, weil die Kunden repräsentative Geschäftsräume verlangen und die Mitarbeiter Abstellflächen für den Ficus. "Virtueller Kaffee in einer virtuellen Kaffeeküche schmeckt einfach nicht."

Die Umfrage

Die Beratungsgesellschaft Korn Ferry hat mehr als 1300 Führungskräfte nach den Folgen von Telearbeit gefragt. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 78 Prozent der Befragten sagen, dass Mitarbeiter im Home-Office mindestens genauso produktiv sind wie ihre Kollegen im Büro.
  • 48 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich selbst vorstellen könnten, zumindest gelegentlich von zu Hause aus zu arbeiten.
  • 61 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Telearbeiter im Vergleich zu ihren Kollegen im Büro seltener Karriere machen.

Quelle: F.A.Z., 10.11.2007, Nr. 262 / Seite C1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen

Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge