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Veröffentlicht: 15.05.2017, 15:33 Uhr

Teamarbeit mit Robotern Mein Kollege hat nur einen Arm

Schwerbehinderte spielen am Arbeitsmarkt oft nur eine Nebenrolle. Ein spannendes Projekt testet jetzt die Teamarbeit mit Robotern. Davon sollen alle Arbeitnehmer lernen.

von
© Unternehmen Handarbeit mit Roboter: Uwe Ristl und sein neuer Kollege.

Uwe Ristl hat sich ziemlich schnell an seinen neuen Arbeitskollegen gewöhnt. Die beiden arbeiten erst seit wenigen Tagen im selben Team. Ristl sortiert Einzelteile für die Düsen in Duschköpfen auf einer kleinen Palette vor, sein Partner presst sie dann fest zusammen. Am Ende prüft Ristl nach, ob die Qualität auch stimmt. Manchmal zuckt der hochgewachsene Mann noch leicht zusammen, wenn „der Neue“ seine schwungvollen Armbewegungen ausführt. Deshalb bleibt er intuitiv noch etwas auf Abstand, was aber eigentlich nicht nötig ist. Denn „passieren kann ja eigentlich nichts“, weiß Ristl.

 
Wenn Schwerbehinderte mit Robotern im Team arbeiten. #Arbeit40

Sven Astheimer Folgen:

Seine eigene Arbeit sei jetzt „wesentlich einfacher“ geworden, findet der schwerbehinderte Mann. Bislang musste er die Einzelteile noch manuell mit einer Handpresse zusammendrücken. Mehr als 8000 Mal am Tag dieselbe Armbewegung ausführen – da schmerzen am Abend schon mal die Gelenke, und auf Dauer drohen Verschleißerscheinungen. Doch das ist nun Vergangenheit. Und der neue Nebenmann hat sogar noch weitere unbestreitbare Vorteile: Er jammert nicht, kennt morgens keine schlechte Laune, Lästern ist ihm fremd, er zickt nicht herum und hinterlässt seinen Schreibtisch niemals unaufgeräumt. Und Raucherpausen fordert er auch nicht ein. Das alles ist kein Wunder – denn Uwe Ristls neuer Kollege ist ein Roboter.

Schauplatz dieser ungewöhnlichen Konstellation ist eine Werkhalle der gemeinnützigen Isak GmbH im schwäbischen Sachsenheim. Hier, vor den Toren von Ludwigsburg, ist der wohl erste Mensch-Roboter-Arbeitsplatz Deutschlands entstanden, der speziell für Schwerbehinderte entwickelt wurde. Eineinhalb Jahre dauerte die Planung dieses Projekts mit dem Namen „Aquias“, an dem neben Isak weitere Träger beteiligt sind: Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) aus Stuttgart ist für die wissenschaftliche Begleitung und Steuerung zuständig, der Technikkonzern Bosch für das technische Knowhow.

Letztlich ein „normales Unternehmen“

Thomas Wenzler ist die Begeisterung über seinen neuen Mitarbeiter aus Metall und Elektronik anzumerken. Der Isak-Geschäftsführer verantwortet die Entwicklung der Einrichtung mit rund 90 Mitarbeitern, davon sind rund zwei Drittel schwerbehindert. Als schwerbehindert gilt, wer eine Einschränkung von mindestens 50 Prozent aufweist. Wenzlers schwerbehindertes Personal leidet ausschließlich unter körperlichen Einschränkungen. Das geht vom Herz-Kreislauf-System über muskuläre Probleme und Reha nach Krebserkrankungen bis zur Taubheit.

Daraus ergeben sich teils erhebliche Einschränkungen für die Arbeitsabläufe; einige Mitarbeiter können nicht lange stehen, andere wiederum nicht sitzen, es kann gerade mit den sechs Gehörlosen zu Kommunikationsproblemen kommen oder bei Kollegen mit psychischen Belastungen zu unvorhersehbaren Reaktionen unter Stress. Auch die Altersstruktur hebt sich von der vieler anderer Unternehmen ab. Die Hälfte der Isak-Belegschaft ist älter als 50 Jahre, 14 Prozent zwischen 45 und 49 Jahren. „Oft stellt sich eine Krankheit erst im Lebensverlauf heraus“, erklärt Wenzler, „dann ist der eigentlich erlernte Beruf nicht mehr ausübbar.“

Als Inklusionsunternehmen bekomme Isak zwar einige spezielle Förderungen, letztlich sei man aber „ein normales Unternehmen, das sich in der freien Wirtschaft behaupten muss“. Die 2,4 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet Isak vor allem mit Lohnbearbeitung und Gastronomie. Derzeit wird mit der Prüfung von Elektrogeräten ein weiterer Geschäftsbereich aufgebaut. Auch weil der Wettbewerbsdruck für Integrationsunternehmen steigt, hat sich die Isak-Leitung entschlossen, am Aquias-Projekt teilzunehmen. Wobei wirtschaftliche Erwägungen laut Wenzler nicht im Mittelpunkt stehen. „Es ging uns in erster Linie nicht um eine erhöhte Produktivität, sondern um mehr Gesundheit und Teilhabe für unsere Mitarbeiter.“ Der Roboter ermögliche nämlich nun auch den Einsatz von Beschäftigten in der Düsenmontage, denen dies mit der Handpresse nicht möglich war. Dass dies Wenzler wiederum mehr interne Flexibilität verschafft, weil er Mitarbeiter je nach Auftragslage an mehreren Arbeitsplätzen einsetzen kann, ist für den Manager eine erfreuliche Folge.

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