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Talente Jungdesigner meiden die Festanstellung

11.02.2008 ·  In Konzernen fürchten Nachwuchsgestalter den Verlust der Freiheit. Einige Unternehmen haben zwar die Position des Chief Design Officers eingeführt. Doch junge Leute scheuen den Kostendruck und die vielen Entscheidungsträger.

Von Julia Löhr
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Trotz seiner erst 24 Jahre ist Alvin Tjitrowirjo bereits ein Marketingprofi. In perfektem Englisch erklärt der junge indonesische Designer Besuchern der Konsumgütermesse Ambiente, was es mit seinen futuristischen Möbeln auf sich hat. Sein Vorzeigeobjekt, eine Mischung aus Sessel und Bett, zieht die Blicke auf sich. Kostenpunkt der Leder-Glasfaser-Konstruktion: rund 2000 Dollar. Für Interessierte hat "Alvin T" einen Hochglanzkatalog zum Mitnehmen ausgelegt, auch eine Präsentation auf seinem Laptop hat er vorbereitet. Sein Motto ist so selbstbewusst wie er selbst: "Made in Indonesia for the rest of the world".

"Alvin T" ist einer von 20 Nachwuchsdesignern, die im Rahmen eines Förderprogramms der Messe Frankfurt ihre Produktideen auf der Ambiente präsentieren. Auf weißen runden Podesten stellen sie in der "Talents"-Ecke der Halle 6.1 Konzepte, Entwürfe und Prototypen vor. Fläche und Stand sind für sie kostenlos. Die meisten Talente kommen aus Deutschland oder Südostasien, haben gerade ihren Abschluss an einer Designhochschule gemacht und knüpfen nun ein Netzwerk. Wie ihr Berufsleben aussehen soll, darin sind sie sich einig: bloß keine Festanstellung in der Industrie, bloß kein kleines Rädchen in einem großen Unternehmen werden. Es zieht sie in die Selbständigkeit. "Ich will frei sein", sagt "Alvin T" und ist damit typisch für die Jungdesigner.

Bewusstsein von Bedeutung

Zwar ist in vielen Unternehmen in den vergangenen Jahren das Bewusstsein gewachsen, welche Bedeutung gutes Design für den Erfolg hat. Die Gestalter werden nicht mehr nur als Verschnörkler am Ende des Produktionsprozesses gesehen, sondern als strategisch wichtige Innovationstreiber und Kundenversteher. Führungskräfte bilden sich in Designmanagement fort, etwa an der Essener Zollverein School, einige Unternehmen haben sogar die Position des Chief Design Officers eingeführt. Trotzdem sind die Absolventen misstrauisch. Sie scheuen den Kostendruck und die vielen Entscheidungsträger. "Da erkennt man am Ende oft seinen Entwurf nicht wieder", fürchtet Steffi Auffenbauer, die in Halle Produktdesign studiert hat und bei "Talents" Kombinationen aus Schokolade und Porzellan zeigt.

Ihr Traum ist ein eigenes Designbüro. Auffenbauers Porzellankreationen könnten ein Anfang sein, vorausgesetzt, es findet sich ein Produzent dafür. Das Prinzip ist dabei immer dasselbe: Die Designer vergeben Lizenzrechte an einen Hersteller, dieser produziert und vertreibt das Produkt, der Designer erhält im Gegenzug Lizenzgebühren. Einer der Hersteller, die gleich am ersten Messetag morgens die Talente gesichtet haben, ist Jürgen Burk. Er stellt mit seinem Unternehmen Artificial Gebrauchsgegenstände nach den Entwürfen verschiedener Designer her und verkauft sie an den Handel. Zwei Produkte ehemaliger "Talents" hat er im Programm. Diesmal ist Burk allerdings nicht fündig geworden. "Mich hat kein Entwurf vom Hocker gehauen."

Entwürfe mitten aus der Gesellschaft

Die Entwürfe der deutschen Jungdesigner orientieren sich an gesellschaftlichen Themen. Die Berliner Nachwuchsdesignerin Dési Doell hat etwa in ihrer Diplomarbeit an der Universität der Künste in Berlin die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft untersucht und daraufhin ergonomisch geformte Flaschenverschlüsse entwickelt, die sich auch mit wenig Kraft problemlos öffnen lassen. "Ein Hustensafthersteller hat schon Interesse signalisiert", erzählt die 26-Jährige. Auf den Nachhaltigkeitstrend setzt ein Trio aus Deutschland und der Schweiz: Raffinesse & Tristesse verwendet alte Oliven-Blechkanister und Polsterreste, um Hocker herzustellen. Preis: 65 Euro. Die Produkte spiegeln das Image des deutschen Designs wider: schlicht, funktional, praktisch. Als bestes Beispiel dafür gilt die Normflasche für Mineralwasser, die sogenannte "Perlenflasche". In der Mitte die typische Verengung, damit sie sich besser greifen lässt, auf der Oberfläche die Perlen, damit sie nicht aus der Hand rutscht. 1971 hat Günter Kupetz sie für den Verband Deutscher Mineralbrunnen entwickelt, seitdem ist sie hierzulande fester Bestandteil des Alltags, zuerst aus Glas, dann aus Plastik, und ein Symbol für deutsches Design.

Weniger dezent sieht der Entwurf des thailändischen Lichtdesigners Nattaboon Trinathy aus. Seine aufblasbaren Gummileuchten mit Neon-Innenleben sind groß, unhandlich und in Wohnzimmern vermutlich wahre Staubfänger. Trinathy stieg nach seinem Studium zunächst in das Geschäft seiner Eltern ein und verkaufte Lichttechnik, was ihn auf Dauer aber nicht ausfüllte. Er begann, eigene Beleuchtungskonzepte für Einkaufspassagen und Hotels zu entwickeln und zu verkaufen, bildete sich in Lichtdesign weiter. Seit einem Jahr hat er nun in Bangkok seine eigene Marke Amalgam Illumination. Er sieht sich weniger als Unternehmer, sondern in erster Linie als Künstler. "Ich mache nur, was mir gefällt."

Quelle: F.A.Z., 11.02.2008, Nr. 35 / Seite 12
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